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Sprachwahrer


Die Sprachwahrer des Jahres 2009
Karl-Theodor zu Guttenberg, Ulrich Wickert und Louis van Gaal

„Die Chancen, daß Guttenberg sich in der Abstimmung gegen die Konkurrenten Guido Westerwelle, Bayern-Trainer Louis van Gaal und die Pop-Band Tokio Hotel durchsetzt, stehen gar nicht schlecht.“ Mit dieser Einschätzung hat das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ letztlich recht behalten, obwohl das „Westfalen-Blatt“ seine Leser unterrichtete: „Niemand kann Sie zwingen, Westerwelle oder Guttenberg zu wählen.“ Denn die Zeitung hatte entdeckt, daß Karl-Theodor zu Guttenberg einmal einen lateinischen Superlativ gesteigert hatte: die „ultima ratio“ war zur „ultissima ratio“ geworden – geistreiche Wortschöpfung oder Sprachverhunzung? Es hat dem Oberfranken jedenfalls nicht geschadet, auch wenn die „Thüringer Allgemeine“ schon stöhnte: „Wieder er.“ Die Zeitung mußte allerdings zugeben: „Das ist, ohne Ironie, ein guter Vorschlag“. Wir sehen: Die spannende Frage, wer zum Sprachwahrer gewählt würde, ließ den Blätterwald diesmal ganz besonders laut rascheln: Die Medien druckten nicht nur die Meldung der dpa ab, sondern veröffentlichten zahlreiche eigene Kommentare. So ging das „Neue Deutschland“ der Frage nach: „Muß ein Sprachwahrer die Wahrheit sprechen?“

Ein Minister, ein Journalist und ein Fußball-Trainer erhielten also die meisten Stimmen bei der Wahl zum Sprachwahrer des Jahres 2009. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg errang mit 35,0 Prozent der Stimmen den ersten Platz und setzte sich damit im unmittelbaren Vergleich gegen Bundesaußenminister Guido Westerwelle durch, der mit 13,7 Prozent überraschend nur Vierter wurde. Auf den Plätzen 2 und 3 liegen nahezu gleichauf der ehemalige Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert und Louis van Gaal, Übungsleiter des FC Bayern München. Für die beiden stimmten 16,7 und 16,3 Prozent. Daß im Februar dieses Jahres sich ein ganz anderer Minister, nämlich Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, für die Auszeichnung empfahl, konnte nicht mehr in die Abstimmung eingehen, denn diese endete am 31. Januar. Ramsauer gilt jedoch für die nächste Wahl als gesetzt.

Die Deutsche Welle berichtete in englischer Sprache und unter der Überschrift „Defending the German language“ über die Sprachwahrer-Wahl. Der deutsche Auslandssender befragte DSW-Mitarbeiterin Ursula Bomba. Auf der Seite der Beschwichtiger durfte sich Rudolf Hoberg, der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), zu Wort melden. Während Bomba den Standpunkt der Sprachschützer verdeutlichte, suchte Hoberg nach den Vorteilen der Sprachvermischung und sagte: „I think, foreign words can sometimes help. Words are taken over when there are gaps in the language to be filled.“ Fremdwörter könnten also dabei helfen, Lücken zu füllen; eine Binsenweisheit. Auf die Verdrängung der deutschen Sprache ging Hoberg jedoch nicht ein.

Die Wahl zum Sprachwahrer des Jahres war von einer Aktion der Anhänger der Musikgruppe „Tokio Hotel“ begleitet. Sie hatten dazu aufgerufen, die Abstimmung zugunsten ihrer Lieblinge zu entscheiden. In zahlreichen Veröffentlichungen im Netz machten sie auf die Wahl aufmerksam. Allerdings stürmten die Anhänger nicht zur Abstimmung der DEUTSCHEN SPRACHWELT, sondern auf eine Umfrage im Netzauftritt der Tageszeitung „Die Welt“, die darüber ausführlich berichtet hatte. Die Gesamtstimmenzahl schnellte dort in wenigen Minuten in die Tausende. Nach rund 15.000 Stimmen (99,9%) für Tokio Hotel nahm „Die Welt“ ihre eigene Abstimmung wieder aus dem Netz. Da von uns jedoch nur diejenigen Stimmen gewertet werden können, die unmittelbar bei der DEUTSCHEN SPRACHWELT eingehen, hatte dieser Ansturm keine Auswirkungen auf das Ergebnis. Er ist jedoch ein Zeichen dafür, wie begehrt dieser Titel inzwischen geworden ist. Ulrich Wickert wies in seinem Netzauftritt sogar selbst auf seine Benennung hin.

Seit zehn Jahren ruft die DEUTSCHE SPRACHWELT dazu auf, die Sprachwahrer des Jahres zu bestimmen. Während dieser Zeit sind einige neue Wettbewerbe hinzugekommen, die auch etwas von der Aufmerksamkeit abhaben wollen: Jugendwort des Jahres, nervigstes Wort des Jahres, nützlichstes Wort des Jahres und so weiter. Das Streiflicht der „Süddeutschen Zeitung“ bemerkt dazu kritisch: „Längst hat sich auch die Sprache dem Ritual der Jahresbestenkür anbequemen müssen.“ Allerdings würdigt die DEUTSCHE SPRACHWELT im Gegensatz zu den anderen Wettbewerben nicht Wörter, sondern Personen, Gruppen und Unternehmen. Dies macht die Wahl einzigartig.

Platz 1: Karl-Theodor zu Guttenberg

Die „Süddeutsche Zeitung“ beschäftigt sich daher besonders ausführlich mit der DEUTSCHEN SPRACHWELT und mit zu Guttenberg: „Wann immer Karl-Theodor zu Guttenberg sich Klarheit über seine Soldaten und die Kunst der Kriegsführung verschaffen will, greift er zu Platons ‚Politeia‘. … Dies und alles Übrige liest der Verteidigungsminister natürlich im altgriechischen Original. Weil er darüber hinaus sowohl ein gutes Deutsch als auch ein einwandfreies Englisch spricht, weil er ferner das Wort ‚Krieg‘ nicht krampfhaft vermeidet und weil er zudem in der Lage ist, eine mitreißende Bierzeltrede zu halten, ist er jetzt von der Deutschen Sprachwelt für den Titel ‚Sprachwahrer des Jahres‘ vorgeschlagen worden.“

Platz 2: Ulrich Wickert

Ulrich Wickert ist ein sprachempfindlicher Mensch, der zum Beispiel lieber „Strafmaßnahme“ statt „Sanktion“, „Blutrecht“ statt „ius sanguinis“ oder „Judenvernichtung“ statt „Holocaust“ sagt. Deutsche Wörter sind für ihn eben saftiger, kräftiger, ausdrucksstärker. Mit Fremdwörtern läßt sich die Sprache leichter vernebeln. Bereits als Nachrichtenmoderator der ARD nahm Ulrich Wickert die Sprache sehr ernst. Folglich beobachtet er auch heute noch den Sprachgebrauch auf dem Gebiet, auf dem er selbst jahrelang tätig war, ganz genau. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung rechnete er mit ARD und ZDF ab: „Wenn es um die Sprache geht, bedauere ich, daß nur noch wenige Autoren von Stücken für ‚Tagesschau‘ und ‚Tagesthemen‘ oder für ‚heute‘ und ‚heute-journal‘ den Satzbau beherrschen. Häufig streuen sie Substantive wie grobes Meersalz zwischen kurze Sätze. Auch wenn die Suche nach einer treffenden Schlußbemerkung zu viel Nachdenken fordert, dann ‚bleibt es abzuwarten‘, ‚ist die Ursache unklar‘, oder ‚es wird sich zeigen‘.“ Wickert setzte noch eins drauf: „Wer so textet, ist nicht nur schusselig, sondern denkfaul. Und warum lassen die Redaktionschefs die sprachliche Verlotterung durchgehen? Bedeutet ihnen die Sprache so wenig, oder merken sie nichts?“ Kai Gniffke von der Tagesschau-Redaktion wies Wickerts Tadel jedoch zurück: „Unsere Texte finde ich sprachlich außerordentlich akkurat, und zudem gewinnen sie durch den unfallfreien, engagierten Vortrag unserer Präsentatoren.“ Aber warum sollten sich ARD und ZDF nach dem Zuschauer richten, wenn die Gebühren unabhängig von deren Urteil fließen?

Platz 3: Louis van Gaal

Bevor Aloysius Paulus Maria „Louis“ van Gaal am 1. Juli 2009 sein Amt in München antrat, büffelte er erst einmal richtig Deutsch. Zwar hatte er Hochdeutsch bereits in der Schule gelernt, aber das reichte ihm nicht. Eine Woche lang paukte er mit Hilfe eines Privatlehrers täglich von 9 bis 18 Uhr die deutsche Sprache. Um ungestört üben zu können, wollte er sich ursprünglich sogar in ein Kloster zurückziehen. Doch die Ehefrau hatte dagegen Einspruch erhoben. Deutsch als alleinige „Amtssprache“ einzuführen, war eine der ersten Maßnahmen van Gaals als Bayern-Trainer. Alle Besprechungen finden nun auf deutsch statt. Inzwischen ist das sogar in einem Verhaltenskatalog schriftlich festgehalten. Denn die Edelfußballer des FC Bayern München kommen aus aller Herren Länder, weswegen die Verständigung unter den Spielern bisweilen schwierig ist. Van Gaals Vorvorgänger Jürgen Klinsmann hatte noch alle Spieler dazu verpflichtet, Fremdsprachen zu lernen. – Auch die deutschen Spieler nahm er davon nicht aus! Klinsmann war sogar so weit gegangen, Englisch als zweite „Amtssprache“ einzuführen. Ganz anders und überhaupt nicht abgehoben verhält sich dagegen Louis van Gaal. Er stellte klar: „Wer in Deutschland spielt, muß sich der Kultur anpassen. Dazu gehört die Sprache.“ Dabei betätigte sich van Gaal auch als Wortschöpfer, wie die Abendzeitung schreibt: „Den Titel Sprachwahrer 2009 müßte ‚van Chhhhhaal‘ allein für den Simplizissimus ‚fußballen‘ bekommen, etwa: ‚Wir haben diszipliniert gefußballt‘.“ Wie ernst es van Gaal mit der deutschen Sprache ist, wird anhand der Begebenheit deutlich, daß er einem Spiegel-Mitarbeiter, der das Gespräch mit ihm auf englisch oder spanisch führen wollte, antwortete: „In welchem Land befinden wir uns gerade, was denken Sie?“ – Das Gespräch fand auf deutsch statt. Also: „Bewaar die taal, van Gaal!“ (Thomas Paulwitz)

Vorgeschlagen waren:

Karl-Theodor zu Guttenberg: Bereits als er Anfang 2009 Bundeswirtschaftsminister wurde, beeindruckte er eine breite Öffentlichkeit mit seiner Sprachgewandtheit. Er spricht nicht nur gutes Deutsch, sondern auch einwandfreies Englisch und liest Platon im altgriechischen Original. Außerdem ist er in der Lage, eine mitreißende Bierzeltrede zu halten. Auch als Bundesverteidigungsminister zeichnet er sich durch sein Bemühen um eine klare, verständliche und schnörkellose Sprache aus. Anders als sein Amtsvorgänger vermeidet er nicht krampfhaft das Wort „Krieg“, wenn von Afghanistan die Rede ist. Grundsätzlich meint Guttenberg: „Wir brauchen mehr klare Sprache.“

Guido Westerwelle: Der neue Bundesaußenminister brach kurz nach seinem Amtsantritt eine Lanze für die „wunderschöne deutsche Sprache“. Auslöser war eine Pressekonferenz in Berlin, zu der die britische BBC einen Berichterstatter entsandt hatte, der kein Deutsch konnte. Westerwelle sah sich genötigt, dem Reporter, der eine Antwort auf englisch forderte, zu erklären, daß es in Deutschland üblich sei, die Pressekonferenzen in deutscher Sprache abzuhalten.

Tokio Hotel: Die weltweit erfolgreiche Musikgruppe aus Magdeburg hat bei Jugendlichen im Ausland die Neugier auf die deutsche Sprache geweckt. So führt man zum Beispiel die mittlerweile wieder wachsende Nachfrage französischer Schüler nach Deutsch als Fremdsprache auf einen Tokio-Hotel-Effekt zurück.

Xavier Naidoo: Der Sänger setzt in seinen Liedern auf die deutsche Sprache und erklärt: „Deutsch begeistert mich. Diese Tiefe, dieser Reichtum, diese Deutlichkeit. Ich knie nieder vor dieser Sprache. Sie ist ein Geschenk.“

Ulrich Wickert: Der ehemalige „Tagesthemen“-Moderator tadelte im Herbst 2009 den Sprachgebrauch der Nachrichtenredaktionen von ARD und ZDF und erntete dafür große Zustimmung, nur nicht bei den Angesprochenen. Wickert hatte in der F.A.Z. geschrieben: „Wer so textet, ist nicht nur schusselig, sondern denkfaul. Und warum lassen die Redaktionschefs die sprachliche Verlotterung durchgehen? Bedeutet ihnen die Sprache so wenig, oder merken sie nichts?“

Louis van Gaal: Anfang Oktober 2009 wollte der Spiegel-Mitarbeiter Juan Moreno mit dem Trainer des FC Bayern München ein Gespräch führen. Moreno bot sogleich an, das Gespräch auf englisch oder spanisch zu führen – Sprachen, die van Gaal gut beherrscht. Doch der antwortete: „In welchem Land befinden wir uns gerade, was denken Sie?“ – Das Gespräch fand auf deutsch statt.


 

 
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