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Martin Mosebach

Sprachstilwahrer des Jahres 2001

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Ein literarisches Gemälde

Über ein Buch* von Martin Mosebach, unserem Sprachstilwahrer des Jahres

Von Thomas Paulwitz

[abgedruckt in: DEUTSCHE SPRACHWELT, 7. Ausgabe, 20. Februar 2002, Seite 9.]

Blau, Rot und Schwarz. Mit diesen drei Hauptfarben gelang es Martin Mosebach, einen ganzen Roman zu malen. „Eine lange Nacht“ ist ein literarisches Gemälde, das in Sprache und Stil wahrhaft großartige Erzählkunst bietet.

Mosebach bedient sich der Farbpalette Goethes, dessen Hauptfarben Weiß, Schwarz, Gold, Blau, Grün und Rot waren und der in seine Farbenlehre die Eindrücke italienischer Landschaft und Malerei eingehen ließ. Bereits in dem Prosaband „Die schöne Gewohnheit zu leben. Eine italienische Reise“ (1998) hat Mosebach in elf Stücken seine malerisch-literarischen Fertigkeiten unter Beweis gestellt.

Zum Inhalt: Ludwig Drais, der sein Studium der Rechtswissenschaft abgebrochen hat, findet eine neue Daseinsberechtigung, indem er in einem Kellerbüro in Frankfurt am Main als „Generalmanager“ den Verkauf pakistanischer Billighemden organisiert. Ihm zur Seite stehen die Sekretärin Bella Lopez und ihr Ehemann Fidi, das „Mädchen für alles“. Ludwig beginnt mit der blonden Bella eine Affäre. Dieser kurze Abriß mag genügen, denn „Eine lange Nacht“ gewinnt ihre Meisterhaftigkeit nicht aus einem komplizierten und dramatischen Handlungsstrang. Die Fabel ist alltäglich.

Die Gedanken über sein bisheriges Leben, die Ludwig nach dem Tod des Vaters beschäftigen, stellen eine nahezu unverhüllte Anspielung Mosebachs auf seinen handlungsarmen Roman dar, wenn er sich gleichsam rechtfertigt: „Und dann – wo waren die Taten, die klaren bewußten Handlungen? Wer hatte zu einem bestimmten Zeitpunkt eigentlich was genau gewollt und dann getan? [...] da gab es doch nichts Faßbares [...]. Zufälle, Wohlsein, Unwohlsein, Ängste, Erregungen, Freudenfeuerchen und ihr Zusammenfallen und Erlöschen bildeten den Lebensstoff. Er war flüchtiger als Staub von Schmetterlingsflügeln, und er verlor seine Farbigkeit, wenn man ihn aufsammelte und das Häufchen in einer Vitrine ausstellte“ (S. 538).

Damit liefert Mosebach die Begründung für die Nachrangigkeit der Handlung: Ihm geht es vor allem um die Farbigkeit der Sprache! Deswegen wollen wir hier von einem Aufsammeln und Zurschaustellen absehen und uns lieber der Betrachtung des literarischen Gemäldes widmen. Für die recht gewöhnliche Handlung mit farbtiefem Hintergrund steht symbolisch das Liebermann-Gemälde „Strand bei Zingst“ am Anfang des Romans, das dem Meister beim Freilandmalen in den Sand gefallen und ein unscheinbares Fragment geblieben war.

„Wenn die rote Farbe erscheint, verspüren wir eine Annäherung und Beschleunigung der Beziehungen – das Blaue dagegen ruft das Gefühl der Entfernung und Verzögerung hervor“, schreibt Ernst Jünger im „Abenteuerlichen Herz“ über „Die blaue Farbe“. Auch Mosebach nutzt diese beiden Farben, um Nähe und Ferne zu unterstreichen. Die Hauptfigur Ludwig Drais mit aquamarinblauen Augen und dicken roten Haaren (vgl. S. 134) vereinigt diese beiden Farben in sich. Seine Sekretärin Bella, die nur Schwarz trägt (vgl. S. 425), übt auf Ludwig eine starke Anziehungskraft aus. In ihrer Beziehung vereinigen sich die drei Hauptfarben.

„Als er [Ludwig] den Kopf wieder hob, wurde es dunkel. Er glaubte ganz kurz, ihm sei schwarz vor Augen geworden. Es blieb aber viel schwärzer als bei kleinen Schwindelanfällen, deren Dunkelheit einen tiefen Purpurton hat, durch Blitze erhellt und durch das Kreisen runder Flecken bewegt wird. Es war so schwarz wie kein Weiß weiß sein kann.“ (S. 110). Der Strom ist ausgefallen. Die Dunkelheit, die Schwärze bewirkt eine Freiheit von der Farbreiz-Überflutung, einen freien Raum zum Nachdenken.

„So friedlich und auf sich zurückgeworfen wie jetzt in der künstlichen Nacht dieses Hochhauskellers, war er schon lange nicht mehr gewesen.“ (S. 114). Ludwig meint: „Wir erleben viel zu wenig richtige Dunkelheit.“ (S. 127). Die Dunkelheit sei bei allem Wandel das einzig Stabile. Aber auch seine Schwächen kann er im Dunkeln nicht vor sich selbst verstecken. „Nachtluft war wie ein Tauchbad, ein Schwimmen im salzigen Meer, das alles abwusch“ (S. 413). So wirkt das Schwarze wie eine Befreiungsfarbe, mit deren Hilfe man alle Farben (und auch Gerüche) wieder schärfer wahrnehmen kann. So sticht nach der Wiederkehr des Lichtes der „krebsrote Lippenstift“ seiner Sekretärin ihm in die Augen (S. 126).

Regiert eine der drei Hauptfarben, dann erscheinen bisweilen Bilder großer Meister. In völliger Dunkelheit erinnert sich Ludwig an das Gemälde des Wright of Derby, „Das Experiment mit der Luftpumpe“ (S. 114). Bei diesem physikalischen Versuch wurde ein Vogel durch Sauerstoffentzug ohnmächtig gemacht und anschließend durch Luftzufuhr wieder zum Leben erweckt. Es ist dasselbe, was im übertragenen Sinne im Dunkeln mit Ludwig geschieht: ein Tod und eine Wiederauferstehung – schwarze Befreiung.

Bei seinem Besuch der alten Dame Frau Rüsing läßt diese ihren Blick auf einer „Reproduktion aus Picassos blauer Periode“ ruhen. Das Bild zeigt ein Liebespaar, „das Ganze mit fahlem Blau übergossen, der Inspirationsquelle aller Zeichner, die Mensch und Reh zum Bambi werden lassen“ (S. 135). Es wirke „so keusch“, meint Frau Rüsing. Die alte Dame strahlt Reife aus – blaue Ferne.

Ludwig sieht immer wieder von seiner Wohnung hinunter auf das Kellerfenster, hinter dem Bella mit ihrem Mann Fidi lebt. Meist verdeckt ein roter Vorhang das Fenster. Eines Abends ist der Vorhang zurückgeschlagen, und Ludwig erblickt in einem roten Lichtschein die gebadete, handtuchumschlungene Bella: „Dieses Bild senkte sich in Ludwigs Seele und traf auf eine Stelle, die dort vorbereitet war“(S. 292). Selbstironisch vermerkt der Erzähler etwas später: „Das rote Licht war nur ein Topos, ein ziemlich vulgärer sogar, der Ludwigs Geschmack nicht das beste Zeugnis ausstellte. In keinem Roman hätte der Autor im Zusammenhang mit einer Liebesszene das rote Licht einschalten dürfen“ (S. 300). Hier schon, da das Rot mehr als nur den Eros symbolisiert! – Rote Nähe.

Das alles sind nur ausgewählte, aber wichtige Beispiele dafür, wie geschickt und mit welcher Absicht Mosebach Farben einsetzt. Diese Symbolik zieht sich wie ein bunter Faden durch das Buch. Etwas anderes spürt man jedoch während des Lesens auch noch: die Sehnsucht nach der Idylle. Sie erscheint, wenn die Farben zu harmonieren beginnen. Sei es „ein reinlicher kalter Herbsttag mit strahlender Sonne im Rheingau“ in der Phantasie Ludwigs (S. 140), sei es eine Straße in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs („Ludwig sah die Münchener Straße auf einmal wie ein Maler“ – mit Kritik an der Detailtreue Canalettos – S. 252), sei es gar – nach reichlich Alkoholgenuß – die dicke Hermine, die Besitzerin eines schmuddeligen Bierlokals (S. 406).

Doch die Idylle trägt immer die Vergänglichkeit in sich, man denkt an Faust: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, Dann will ich gern zugrunde gehn!“ So beim idyllischen Sonnenaufgang, der Rosa, Hellblau, Rotgold erzeugt hatte: „Als sie [die Sonne] dann voll und frei am Himmel stand, [...] sah sie schon viel weniger majestätisch aus“ (S. 493). Die Idylle ist nur ein Idealbild, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat. Das verkörpert auch die Romanfigur des Professors für Kirchengeschichte, Gessner, die erst am Ende des Buches erscheint. Gessner hält für ein paar alte Leute in einem Hotelraum einen katholischen Gottesdienst nach alten Riten, die er selbst für längst überholt hält. Die Gottesdienstbesucher bezeichnet er darum abschätzig als „verbohrte Ritualisten“ (S. 567).

Auf die Namensgleichheit mit dem Rokokodichter Salomon Geßner machte mich meine Frau aufmerksam. Geßner pflegte in wohlgesetzter Sprache die Naturidylle, die er mit eigenen Kupferstichen ausschmückte. In seinem Buch „Idyllen“ (1756) schrieb er, daß es einer der angenehmsten Zustände sei, „wenn wir uns“ mit der Einbildungskraft „aus unsern Sitten weg, in ein goldnes Weltalter setzen“. Gleichzeitig war sich Geßner dem Scheinbild bewußt. Die Idyllen paßten nicht „für unsre Zeiten [...], wo der Landmann mit saurer Arbeit unterthänig seinem Fürsten und den Städten den Überfluß liefern muß“. – Gewiß, wir sind aufgeklärt; doch die Sehnsucht nach dem Schönen treibt uns.

*Martin Mosebach: Eine lange Nacht; Aufbau-Verlag, Berlin 2000; 575 Seiten, 25,51 Euro. Sie können dieses Buch über unseren Buchdienst bestellen. Schicken Sie Ihre Bestellung an buchdienst@deutsche-sprachwelt.de.


 

 
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