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Rosa Posekardt

„Autorin des Jahres“ 2001

weitere Autoren des Jahres...



1. Zur Person

2. Insekten unter sich

3. Lobrede von Dr. Matthias Kneip



1. Zur Person

Rosa Posekardt wurde 1925 in Münster geboren und ist Mutter von acht Kindern. Sie gehörte von 1979 bis 1993 zur Münsteraner Autorengruppe „MS-Lyrik + Prosa“. Ihrer Meinung nach müssen gute literarische Texte eine klare Aussagekraft enthalten. Aber lassen wir sie selbst zu Wort kommen:

„Das Schreiben liegt wohl in der Familie, denn schon meine Mutter schrieb gerne, wenn ihr auch oft die Zeit dazu fehlte. Meine Schwestern und ich mußten bei der einen oder anderen Gelegenheit Mamas Gedichte aufsagen. Dann war unsere Mama ganz stolz und wir wurden tüchtig gelobt, weil wir das so fein gemacht hatten.

Tja, wenn ich mir das so richtig überlege, war das einer der Gründe, warum ich mit dem Schreiben angefangen habe: Der Wunsch, gelobt und vielleicht auch geliebt zu werden, für etwas, das nicht jeder kann. Nicht daß ich mich darum für etwas besonderes halte, ich bin ein ganz einfacher Mensch, mit einem schlichten Sprachschatz, so wie ich es in der Schule gelernt hatte: 'Einfache klare Sätze, nicht zu lang und ohne Fremdwörter.' So hatten die Lehrer in der Volksschule uns gesagt. Damit bin ich auch ganz gut zurecht gekommen, bloß das Rechnen war ein echtes Problem für mich und meine beiden Schwestern.“

„Von Haus aus war ich ziemlich schüchtern
von meinem Mundwerk machte ich nur sparsamen Gebrauch
ich war das zweitjüngste von insgesamt sechs Wichtern
und einen großen Bruder hatte ich auch
So hatte ich kaum was zu melden
es hieß nur immer 'Kind nu halt die Schnüß'
so kam es daß mir oft die Worte fehlten
wenn es dann endlich 'Nun erzähl mal' hieß
Dann bin ich nämlich meistens stumm geblieben
und darum glaubten sie ich wäre stur
dabei hat ich längst alles aufgeschrieben
was mich bewegte und bedrückte aber nur
um hinterher die Zettel zu zerreißen
weil ich nicht wollte daß sie irgend jemand liest
ich war gewohnt die Schnipsel in den Bach zu schmeißen
von dem ich glaubte daß er in die Nordsee fließt
Dann fühlte ich mich immer kolossal erleichtert
die kleinen Wellen spülten meinen Kummer fort
ich hab dem Bach so mancherlei gebeichtet
er hat mich nie verraten nicht ein Wort
Seitdem ist sehr viel Zeit vergangen
mit Kummer Freude Weh und Glück und ach
doch muß ich heut um etwas oder jemand bangen
dann findet ihr mich immer noch am Bach“


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2. Insekten unter sich

Von Rosa Posekardt

Insekten unter sich

Und da sagte die Mücke zum Schmetterling
ich lebe nur ein paar Wochen
aber ich habe in all dieser Zeit
eine Menge Leute gestochen
Der Schmetterling seufzte
heut fühl ich mich so erschöpft und matt
bin gegen den Wind geflogen
und dieser rauhe Sturmwind hat
mir den Schmelz von den Flügeln gezogen
Libellen flogen tief überm Gras
flirrende schillernde Kreise
kicherten über ich weiß nicht was
flüsterten ganz ganz leise
Ein Spinnerich lauerte im Gesträuch
hoffte auf schmackhafte Beute
wisperte irgendwann Kriege ich euch
vielleicht ja sogar schon heute
Dem kribbelnden krabbelnden Fußvolk im Sand
fehlt die Zeit miteinander zu schwätzen
sie leben wenn ich sie richtig verstand
nach völlig anderen Gesetzen
Und die Mücke mußte für ihren Tick
mit dem fleißigen Stachel zu prahlen
auf einen Schlag noch am gleichen Tag
mit ihrem Leben bezahlen!


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3. Lobrede von Dr. Matthias Kneip

Es mag auf das hohe Alter der Autorin zurückzuführen sein, daß der Reiz ihrer Poesie in der Ruhe liegt, die sie ausstrahlt. Die karge, nur gelegentlich metaphorische Sprache, der einfache Satzbau und die geradlinige Gedankenführung überzeugen, weil sie den Leser nicht in Irrgänge verführen, sondern sich ihm in ihrer Klarheit antragen. Auch wenn die Moral häufig durch die Texte hindurchscheint und gelegentlich allzu deutlich aus ihnen hervortritt, verzeiht man sie der Autorin gerne, weil Ironie und Witz sie sofort relativieren, wie beispielsweise in den Gedichten „Ich hab da mal eine Frage“ oder „Gewissensfragen“.

Überhaupt sind Witz und Ironie Stilmittel, die die Autorin geschickt und kunstfertig mit den Möglichkeiten des Reimes verbindet und variiert. Das Gedicht „Insekten unter sich“, das sicherlich zu den stärksten der Auswahl gehört, ist ein besonders geglücktes Beispiel, weil es zusätzlich in einer Pointe endet, die am Anfang des Textes vorbereitet wird. Hervorzuheben ist auch die rhythmische Sicherheit der Autorin, die den Leser beim Lesen der Texte vorantreibt und ihn nur in Ausnahmefällen stolpern läßt.

Fast alle Texte der Autorin, so zum Beispiel „Ein letzter Blick“ oder „Ich hab da mal eine Frage“ nehmen eine rückblickende Perspektive ein. Aus ihnen spricht Lebenserfahrung und die Fähigkeit, den Unzulänglichkeiten des menschlichen Daseins mit Humor und innerlicher Größe zu begegnen.

Die Poesie von Posekardt balanciert auf dem schmalen Grat zwischen literarischer Verarbeitung von persönlichen Lebensanschauungen und dem Postulat der Kunst, aus dem Besonderen Allgemeingültigkeit abzuleiten. Dabei gelingt es ihr, dem Leser jenes Gefühl zu vermitteln, das der Lyrik so häufig fehlt: den Spaß, sie zu lesen. Dies macht sie allemal preiswert.



 

 
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