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Marjana Gaponenko

„Autorin des Jahres“ 2001

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1. Zur Person

2. Eine bittere Heckenrose

3. Lobrede von Alexander Glück M. A.



1. Zur Person





Marjana Gaponenko wurde im September 1981 in Odessa (Ukraine) geboren. Sie studiert Germanistik an der Universität Odessa. Von 2001 bis 2002 ist sie Stipendiatin im Künstlerdorf Schöppingen. Sie verbrachte drei Jahre in Bulgarien, zwei Jahre im Ararat-Gebirge, wo sie den Spuren jener Märchen folgte, die sie in ihrer Kindheit gelesen hat. Sie setzt sich damit auch mit der Geschichte und Erfahrung ihrer Familie auseinander, die aus der „wilden Kultur“ des Ararat stammt.

Buchveröffentlichungen:
„Wie tränenlose Ritter“, 2000, Geest-Verlag, ISBN 3-934852-07-6.
„Tanz vor dem Gewitter“, 2001, Neue Münchener Edition, ISBN 3-935789-00-9.













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2. Eine bittere Heckenrose

Von Marjana Gaponenko

Eine bittere Heckenrose wächst mir aus dem Mund – ich rede nur von dir.

Obwohl dein Geruch nicht zu finden ist, wie auch die Spuren deiner Füße auf den prachtvollen Stadtpfützen, die du tobend zerschlugst.

Ich rede wochenlang von dir. Und mein Mund ist trocken vor Eifersucht. Mein Mund ist das Schloß der Bienen. Sie feiern den Winter darin.

Zögen wir nun zusammen durch die schwarzen Straßen, ich redete wie immer nur von dir, und du würdest königlich gähnen und die Hufe der Pferde klirrten: dünn, als ob ein Nachtfalter seine Flügel an einem Kristall kratzt. So frostig ist es. Nicht ich sage zu dir mit der künstlich bösen Stimme zieh dich wärmer an. Nicht ich am Fenster winke dir zu. Nicht mir winkst du zurück

Zögen wir zusammen durch die schwarzen Straßen, ich würde dich töten. Aber das würde mir nicht helfen, denn die Liebe ist wie Schnee – er brennt in den Augen, auch wenn man die Augen schließt.


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3. Lobrede von Alexander Glück M. A.

Marjana Gaponenko hat diesen Text geschrieben, diesen in seiner Tiefe kaum faßbaren See von Assoziationen. Der Leser fährt mit seiner Seele über die Zeilen, immer und immer wieder; und jedesmal fügen sich neue Teile dem großen Bilde hinzu. Plastisch beschreibt die Liebende, wie ihre Gefühle sie verzehren: denn wo eine Heckenrose wächst, nimmt sie alles ein – den Boden, den Weg, das Licht. Wem eine Heckenrose aus dem Mund wächst, der findet nicht mehr seine eigenen Worte, sondern sie finden sich selbst.

Der Frost, die schwarzen Straßen, der Nachtfalter, der Kristall – eindrückliche Metaphern tiefempfundener Romantik, düsterer Verfassung und daraus ersteigender Empfänglichkeit für das Großartige. In den schwarzen Straßen klirren die Hufe der Pferde, aber für sie kratzt ein Nachtfalter seine Flügel an einem Kristall. Das hat sehr viel mit Zerbrechlichkeit zu tun – das Geräusch wird vom Profanen ins Göttliche erhoben. Es wird nicht jedem Kristall zuteil, so von Nachtfaltern besucht zu werden.

Das Bild ist der Schlüssel dieses Liebestextes: Der königlich gähnende Mann ist der Kristall, der Nachtfalter ist Marjana Gaponenko, die uns öfter begegnen dürfte, wenn sie nur Flügel hätte. Sie ist zwanzig Jahre alt, stammt aus der Ukraine und hat sich bereits in einer Reihe von Literaturzeitschriften einen Namen gemacht. Im Internet findet man sie derzeit mindestens 248 Mal. Dennoch bleibt sie uns unbekannt, sie ist flüchtig wie der Schatten einer schwarzen Katze, ihr Werk hallt nach wie der tiefe Strich über ein Cello in einem verfallenen Barocksaal.

Sie schreibt Sachen, die nicht jeder zu verstehen braucht. Ihre Texte sind manchmal wie schweres, schwarzes Gift – voller Leidenschaft und Dunkelheit – Texte einer Frau wie aus Gamiani. Sie kann auch ganz anders, wie ein lauer Hauch des Frühlings, mit duftigem Blütenstaub. Oder um ein Bild zu gebrauchen: In den dunklen Augen, denen die Nacht nicht fremd ist, blitzt Feuer. Von dieser jungen Schriftstellerin wollen wir noch hören, und wir freuen uns darauf.

Alexander Glück M. A.
Kulturjournalist
http://members.chello.at/a.glueck


 

 
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