Die Sprachzeitung für alle! Die Sprachzeitung für alle! Deutsche Sprachwelt - Gemeinsam erhalten und gestalten
Hauptseite
Wissen
Neueste Ausgabe
Berichte
Archiv
Meinung
Sprachpanscherei
Sprachwahrer
Engleutsch?
Dienste
Spenden
Verweise
Impressum
Kontakt
Nachrichten

Zabel an Zehetmair: Offener Brief eines Rechtschreibreformers

Prof. Dr. Hermann Zabel, Emeritus an der Technischen Universität Dortmund, war von 1980 bis 1986 Mitglied des Internationalen Arbeitskreises für die deutsche Rechtschreibung. Nun hat er sich in einem Offenen Brief an den Vorsitzenden des Rechtschreibrates, Dr. Hans Zehetmair, gewandt. Den Wortlaut geben wir im folgenden wieder.

Offener Brief!

Betr.: Ihre Äußerungen zur Rechtschreibreform


Sehr geehrter Herr Vorsitzender,

laut Berichterstattung in der Presse sollen Sie sinngemäß erklärt haben,

1. Sie planten einen weiteren Rückbau der Reform (z. B. Spagetti/Spaghetti)

sowie

2. es sei zu fragen, ob die Reform der deutschen Rechtschreibung überhaupt hätte gemacht werden sollen.

Bei allem Verständnis für die Qualen, die die öffentlichen Reaktionen auf das Reformpaket von 1996 für Sie persönlich gebracht haben, halte ich Ihre Äußerungen für problematisch.

1. Als ehemaliger Kultusminister haben Sie offenbar den Kontakt zu der wenig schreibenden Bevölkerung völlig verloren. Hinzu kommt, dass für Sie als ausgewiesenen Altphilologen Schreibregelungen, die die Kenntnis alter Sprachen voraussetzen, nie ein Problem gewesen sind.

2. Vielleicht können wir uns darauf verständigen, dass in einem demokratischen Gemeinwesen die Schülerinnen und Schüler bis zum Ende der Pflichtschulzeit die Regeln der deutschen Rechtschreibung erlernt haben sollten. Unter dieser Voraussetzung müsste gefragt werden, welche Kenntnisse der Geschichte der deutschen Schriftsprache und der deutschen Grammatik bis zum Ende des 10. Schuljahrs schulisch tatsächlich vermittelt werden können.

Zur Beantwortung dieser Frage genügt es nicht, einen Blick in die Lehrpläne Deutsch für das Gymnasium zu werfen. Vielmehr sollten Sie die Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen des Pflichtschulbereichs befragen.

3. Auf dieser empirischen Basis stellt sich dann die Frage:

Wie viel Prozent der Schülerinnen und Schüler des Pflichtschulbereichs verfügt über das erforderliche Maß von Kenntnissen in der deutschen Sprache und in der deutschen Grammatik, um die nachfolgend genannten Regelungen der beschlossenen Reform zu beherrschen?

Laut-Buchstaben-Beziehungen

§ 4, § 5, § 10, § 20, § 21, § 26, § 32

Getrennt- und Zusammenschreibung

§ 33, § 34, § 35, § 36, § 37, § 39

Schreibung mit Bindestrich

§ 43, § 44, § 47, § 49, § 51

Groß- und Kleinschreibung

§ 55, § 56, § 57, § 58, § 62, § 63, § 64

Zeichensetzung

§ 75, § 77, § 85, § 86, § 90, § 93, § 95

Worttrennung am Zeilenende

§ 112, § 113

4. Ich war 9 Jahre als gymnasialer Deutschlehrer und über 30 Jahre als Hochschullehrer in der Ausbildung von Deutschlehrern aller Schulformen tätig. Außerdem habe ich während meiner aktiven Berufstätigkeit Fortbildungsveranstaltungen für Angehörige verschiedener Berufe durchgeführt.

Meine Erfahrungen:

? De Mehrheit der Schülerinnen und Schüler des Pflichtschulbereichs beherrscht die Mehrzahl der o. g. Regeln nicht.

? Entsprechendes gilt für die Mehrheit der erwachsenen Schreiber.

Die Erfahrungen lassen sich bestätigen, wenn Sie mit den o. g. Schülern und Erwachsenen Probediktate zu den von mir genannten Regeln durchführen lassen.

Diese Erfahrungen haben seit Konrad Dudens Zeiten unendliche viele Lehrerinnen und Lehrer in Schulen, Volkshochschulen, Hochschulen gemacht. Aus diesen Gründen war sich auch die Kultusministerkonferenz seit 1950 über die Notwendigkeit einer Reform der deutschen Rechtschreibung einig ? auch Sie haben, sehr geehrter Herr Vorsitzender, sich lange Zeit für eine Reform ausgesprochen.

Der Internationale Arbeitskreis für die deutsche Rechtschreibung hat ein von vielen Gruppen und Verbänden akzeptiertes Reformpaket vorgelegt ? strittig war lediglich der Bereich ?Getrennt- und Zusammenschreibung?. Sogar einer der späteren Radikalkritiker der Reform, Herr Studiendirektor Friedrich Denk, hat seinerzeit sinngemäß gesagt, wenn das Kapitel ?Getrennt- und Zusammenschreibung? nicht gewesen wäre, hätte man die Reform passieren lassen können.

Das Reformpaket ist durch einen gewaltigen Aufstand derer, die von sich ? z. T. fälschlicherweise ? behaupten, die alte Rechtschreibung (Duden 1991) zu beherrschen, gekippt worden. Der Aufstand wurde dadurch von Erfolg gekrönt, dass Presse, Funk und Fernsehen die Debatte immer wieder aufgeputscht haben.

Das Ergebnis ist im Vergleich zur alten Regelung in der Tat mager. Und jetzt wollen Sie, sehr geehrter Herr Vorsitzender, noch die letzten verbliebenen Schreiberleichterungen (Getto statt Ghetto) abschaffen. Auch ich kann Sie daran nicht hindern.

Sie sollten aber bedenken, sehr geehrter Herr Vorsitzender, dass Sie mit Ihren Plänen diejenigen, um deretwillen die Reform seinerzeit in Angriff genommen wurde und die sich in den zurückliegenden 10 Jahren nie zu Wort gemeldet haben, nämlich die wenig schreibenden Erwachsenen, weiter schädigen. Konrad Duden war ein Verfechter der sogenannten ?Volksorthographie?, einer Orthographie, die ohne große Kenntnisse der Geschichte der deutschen Schriftsprache und der deutschen Grammatik vom ?Volk? beherrscht werden sollte. Von einer solchen Orthographie sind wir nach den Entscheidungen des Rates für die deutsche Rechtschreibung weiter entfernt denn je. Ja, die letzte Fassung der Reform weist sogar deutliche Spuren einer völlig unnötigen Linguistisierung der deutschen Orthographie auf.

1903 gab es die Regeln für die deutsche Rechtschreibung für den Normalschreiber und den Buchdrucker-Duden für die spezielle Berufsgruppe der Drucker und Setzer, die ebenso wie die Vertreter schreibintensiver Berufe (Journalisten, Schriftsteller, Wissenschaftler, Schreibkräfte) spezielle, ausdifferenzierte Regeln benötigen. 1915 wurden die allgemeinen Regeln mit den Regeln des Buchdrucker-Dudens vereinigt ? damit wurden die Anforderungen für schreibintensive Berufe zur allgemeinen Norm erhoben.

Die jetzt beschlossene Reform steht in der Tradition des Buchdrucker-Dudens ? sie berücksichtigt die berechtigten Interessen des Normalschreibers nicht. M. E. ist eine Lösung des Problems nur durch die Unterscheidung

? eines Fundamentums (für Normalschreiber)

und

? eines Additums (für schreibintensive Berufe)

möglich.

D. h. konkret: Der Rat für die deutsche Rechtschreibung müsste festlegen, welche Regeln für alle gelten sollen und bis zum Ende der Pflichtschulzeit erlernt werden können. Das wäre dann ? in Dudens Sprachgebrauch ? die ?Volksorthographie?.


Sehr geehrter Herr Vorsitzender,

ich habe die vorstehenden Überlegungen aufgeschrieben, weil ich Sie in Ihrer aktiven Zeit als Kultusminister bei einer Tagung in Hohenschwangau als offenen und diskussionsbereiten Politiker persönlich kennen- und schätzen gelernt habe. Zur Beantwortung eventueller Rückfragen stehe ich Ihnen jederzeit gern zur Verfügung.

Mit der Bitte um Verständnis für mein Anliegen und freundlichen Grüßen

Ihr

Prof. Dr. Hermann Zabel

<< Hauptseite geschrieben von dsw am 03.08.2008

Dieses Neuigkeitensystem wurde von Phil Marx entwickelt.
http://www.yubb.de

 
Zurück Nach Oben
© 2000-2008 Verein für Sprachpflege e. V. – Alle Rechte vorbehalten!