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Fußball-Europameisterschaft und deutsche Sprache

Die Nachrichtenagentur verbreitete am 27. Juni 2008 die folgende Meldung, die von zahlreichen regionalen Tageszeitungen übernommen wurde:

Emotional und martialisch, aber kein Spiel auf Leben und Tod

Von Ines Bellinger, dpa

Hamburg (dpa) ? Tödliche Pässe, überfallartige Angriffe, Bruder-Duelle: Die Fußballsprache ist bildhaft, martialisch und emotional. Zwar gab es bei dieser Europameisterschaft ? begünstigt durch die Abwesenheit der Engländer ? keine «Blitzkriege» auf dem Rasen, doch natürlich rollten wieder «deutsche Panzer» durch die Medien, waren Schlachtenbummler und Spione unterwegs, rannten Spieler um ihr Leben.

«Die Fußballsprache ist eine sehr anschauliche und emotionale Sprache. Wenn man sagt: Eine Granate schlägt im Winkel ein ? anschaulicher geht?s kaum. Vor dem geistigen Auge öffnet sich da ein ganz anderer Bild-Horizont», sagt der Dortmunder Sprachwissenschaftler Uwe Wiemann. Er hat sich eingehend mit der Kriegsmetaphorik beschäftigt, sieht es aber eher entspannt, wenn in der «Todesgruppe» mal wieder das «Favoritensterben» einsetzt oder eine Mannschaft ins offene Messer läuft: «Ich bin bekennender Pazifist, aber ich bin nicht zwangsläufig gegen Kriegsmetaphorik in der Fußballsprache. Weil die Metaphern mittlerweile verblaßt sind und überhaupt nichts mehr damit zu tun haben, was im 19. Jahrhundert dahinter stand, dieses nationalistisch Geprägte ist ja überhaupt nicht mehr da.»

Es gibt etliche Sprachhüter, die sich leidenschaftlich mit dem Bolzplatzjargon beschäftigen, die Sprache aber nicht nur als prollig, sondern als interessant und lebendig ansehen. Armin Burkhardt, Professor für Germanistische Linguistik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, hat ein «Wörterbuch der Fußballsprache» herausgebracht. Darin listet er 2200 Fußballbegriffe auf (z.B. Nullnummer) und erklärt sie launig (kein sexuelles Versagen, sondern: Spiel ohne Torerfolge). Burkhardt beleuchtet Metaphern (Fliegenfänger, Bananenflanke), unterscheidet zwischen Tabellen- und Positionssprache (Fahrstuhlmannschaft) sowie der Spielsprache (den Sack zumachen). Und er blickt zurück auf die Entstehungsgeschichte des Fußballs in Deutschland.

Als der Braunschweiger Lehrer Konrad Koch 1874 den Fußball in Deutschland einführte, wurde das rohe Spiel von den anerkannten Turnern noch als «Fußlümmelei» abqualifiziert. Der Sprachgebrauch war extrem nationalistisch und militaristisch geprägt. Und an die Zuschauer am Spielfeldrand wurden neben Regeln des neuen Ballspiels auch «Verdeutschungtafeln» verteilt.

Eine aus heutiger Sicht amüsante Vorstellung, geht doch der Trend längst wieder hin zu Anglizismen. Zwar sind von Bundestrainer Joachim Löw keine Aufrufe zu Gewalt à la Klinsmann bekannt, der die Polen 2006 «durch die Wand knallen» wollte, dafür verfällt der 48jährige gerne mal vom Badischen («högschde Disziplin») ins Englische («Never change a winning team»). Als er nach dem Polen-Spiel gar eine Denglisch-Mischung anbot («Ich denke, wir sollten einfach down to earth bleiben»), zog es Thomas Paulwitz fast die Schuhe aus.

Der Chefredakteur der Zeitschrift «Deutsche Sprachwelt» fragt sich, warum «die Nation darüber streitet, ob Jogi Löw rauchen darf, während es kaum Erwähnung findet, daß er mit englischen Phrasen um sich wirft». Paulwitz freut sich daher über Wortfindungswettbewerbe wie beim Kölner Radiosender EinsLive, aus denen als Alternativen zum sogenannten «Public Viewing» lebendige Begriffe wie «Rudelgucken», «Fußballkino» oder «Gruppenglotzen» hervorgingen.

Während sich die Hüter der deutschen Sprache über verbale Ausrutscher von Profis ärgern (Wiemann: «Wenn ein Thomas Wark oder ein Johannes B. Kerner Plattitüden von sich geben, dann schaltet man gerne ab»), sind sie geneigt, den Hauptdarstellern des Spiels zu verzeihen. «Wie langweilig wäre Fußball, wenn jeder nach dem Spiel so einen glattgebügelten Kommentar abgeben würde», sagt Wiemann, der fünf Bundesliga-Vereine mit Lehrmaterial für ausländische Profis («Deutsch für Ballkünstler») versorgt.

Er findet es sympathisch, wenn Lukas Podolski unverfälscht ins Mikrofon radebrecht. Und er erkennt Fortschritte. «Ballack sagt mittlerweile seine Meinung und nicht nur irgendwelche vorgefertigten Floskeln, die ihm irgendwann ein Rhetoriktrainer ins Ohr gesäuselt hat.» Nach dem haarsträubenden Kroatien-Spiel platzte dem «Capitano» der Kragen. Fußball sei nicht immer «Harmonie und konstruktives Sprechen», erklärte der Sachse. «Wenn man verliert, wird die Sprache rauher. Da muß der Ton nicht immer getroffen werden.»

Christoph Metzelder nennen Journalisten schon mal «Außenminister», weil er unfallfrei den Genitiv gebraucht. Doch selbst der Diplomat im Team, wegen seines furchterregenden Bartes auch als «Räuber Hotzenplotz» bekannt, gleitet hin und wieder ab. So geschehen, als er über den Respekt vor der deutschen Mannschaft sprach: «Die anderen haben einfach das Gefühl: Das sind elf Maschinen, die sind irgendwie nicht totzukriegen.»

<< Hauptseite geschrieben von dsw am 30.06.2008

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