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Offener Brief aus Belgien an die deutsche Sprachgemeinschaft

Der Belgier Prof. Dr. Roland Duhamel von der Universität Antwerpen hat als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates des Vereins Deutsche Sprache (VDS) einen streitlustigen offenen Brief an die deutsche Sprachgemeinschaft geschrieben, den wir im folgenden wiedergeben:

Die Mehrsprachigkeit hatte im Alten Testament keine gute Presse: Die Geschichte vom Turmbau zu Babel war die Geschichte einer schlimmen Bestrafung. Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, daß die Sehnsucht nach der paradiesischen Einsprachigkeit, sprich dem primitiven Einheitsbrei, heute in den deutschen Landen fröhliche Urständ feiert. Sie zeigen sich sogar bereit, dafür jene andere biblische Strafe noch einmal in Kauf zu nehmen, die Sintflut, den vom Atlantik her anrollendenden Wort-Tsunami, damit er unseren kleinen klaren blauen Gartenteich ersäuft.

Die (immerhin 100 Millionen) Deutschen haben angefangen, sich für ihr Deutsch zu genieren. In Schlüsselstellungen in Wissenschaft und Forschung werden immer häufiger angelsächsische Fachvertreter berufen, was freilich keine schreiende Ungerechtigkeit sein muß, sofern nämlich Engländer und Amerikaner das Umgekehrte tun sollten. Im internationalen Kontext führen sich die Deutschsprachigen als die Missionare des Englischen auf und versuchen damit nicht nur die eigene Sprache mundtot zu machen. Auf dem Brüsseler Parkett reden sie selbst dann so etwas wie Englisch, wenn sie unter sich sind. Sicher, ein Allerleirauh stellt mehr Kontaktmöglichkeiten bereit als ein Fingerzeig oder -schnippen. Aber Sprachenpluralismus ermöglicht mehr und bessere Kommunikation, d.h. mehr Witz, Tiefgang, größere Präzision, mehr Intimität und Humor als der einseitig inhaltbezogene Sprachgebrauch einer sog. lingua franca. In den Schulen und Universitäten wird Immersionsunterricht eingeführt, der die Sprachen den Profis entzieht und den Dilettanten überläßt.

Eine besonders schlüpfrige Spitze des Eisbergs der allgemeinen Anglomanie und Angloganz (richtig, das war eine Ableitung von Arroganz) ist die Anglizismenflut in unserer gegenwärtigen Sprache. Fremdsprachige Einflüsse sind nichts Neues und haben die Sprache im Laufe der Jahrhunderte bereichert. Aber Bereicherndes wirkt sich bekanntlich spätestens dann erstickend aus, wenn die verabreichte Dosis das Vertretbare übersteigt. Wir wollen sie hier nicht auflisten, die gut 6000 Anglizismen (G. Junker; R. Hoberg) im heutigen Deutsch, weil etwas Ungeheuerliches, Niedagewesenes der Fall ist: praktisch jedes deutsche Wort läßt sich inzwischen durch ein angelsächsisches ersetzen. Das ist keine Bereicherung, sondern Sterilisation. Stil ist heute wichtiger als Wissen und allgegenwärtig: im Parteipräsidium, in der Disko, in der Liebe, im Radrennfahren, nur nicht im Sprachverhalten. Für jede Einfallslosigkeit findet sich ein englisches Feigenblatt.

Da die Sprachgemeinschaft den berechtigten Anspruch auf ein Präzisionsinstrument der Kommunikation und des Denkens hat, ist es Pflicht und Schuldigkeit aller sprachpflegenden Institutionen, das gegenwärtige deutsche Seebeben zu begleiten und einzudämmen. Naturwissenschaften, Biologie und Medizin beschreiben ihren Gegenstand, pflegen ihn gleichzeitig und bewahren ihn. Die Sprachwissenschaft hat nicht das Recht, die deutsche Sprache dahinsickern zu lassen. Grammatiken und Lexiken fiel schon seit Jahrhunderten die Aufgabe zu, die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten festzuhalten und zu kanalisieren.

Geht das Wasser der deutschen Sprache bis an den Hals? Was ist nach einem Tsunami? Noch haben sich weder um Mühlhausen noch um Düren nicht-mehr-deutsche Sprachtümpel angesammelt. Aber unsere Sprache büßt bereits eine Funktion nach der anderen ein. Ist sie noch Wissenschaftssprache, Werbesprache, Verhandlungssprache? Es kommen, es kommen die Wasser all, Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder, Die Sprache bringt keines wieder. Wenn der Rückfall ins Paradies der Sprachlosigkeit nur nicht in der Sprach-Hölle endet!

Gestern verirrte sich ein spanischer Aasgeierschwarm in den flämischen Feldern. Wie ich höre, wird die belgische Regierung alles Menschenmögliche unternehmen, damit die Art nicht ausstirbt.

Prof. Dr. Roland Duhamel (Universität Antwerpen)
Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates des Vereins Deutsche Sprache

<< Hauptseite geschrieben von dsw am 10.07.2007

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