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Die ersten Bundestagsabgeordneten unterzeichnen die Selbstverpflichtung zu gutem Deutsch

Die Aktion ?Deutschpflicht für Politiker? findet Ende März 2006 eine mindestens ebenso hohe Aufmerksamkeit wie zu ihrer Ausrufung am Tag der Muttersprache (21. Februar 2006). Abgeordnete aus allen Fraktionen des Deutschen Bundestages mit Ausnahme der SPD haben sich mittlerweile dazu verpflichtet, auf ihre Sprache zu achten. Abermals berichtet eine Reihe von Zeitungen auf der Titelseite, zum Beispiel die Frankfurter Rundschau, der Münchner Merkur oder die Augsburger Allgemeine. Die Nachrichtenagenturen dpa und ddp hatten am 29. März für eine weite Verbreitung gesorgt.

Die Nachrichtenagentur dpa meldete am 29. März 2006 [Anmerkung: dpa hat sich leider verzählt: Zum Zeitpunkt der Aussendung hatten zwanzig Bundestagsabgeordnete unterzeichnet. Außerdem ist in der Selbstverpflichtung nicht von ?englischen Begriffen? die Rede.]:

Sprache/Verbände/Parteien/
bdt0474 4 pl 159 dpa 4407
18 Bundestagsabgeordnete geloben verständliches Deutsch

Erlangen (dpa) ? Ganze 18 der 598 Bundestagsabgeordneten haben sich zu bürgernahem und verständlichem Deutsch verpflichtet. Dabei wollten sie in Reden und Briefen auch möglichst auf englische Begriffe verzichten, berichtete die Sprachzeitung «Deutsche Sprachwelt» aus Erlangen in einer am Mittwoch veröffentlichten Zwischenbilanz ihrer Aktion «Deutschpflicht für Politiker».

Zum «Tag der Muttersprache» am 21. Februar hatte die Zeitung alle Bundestagsabgeordneten aufgerufen, eine Selbstverpflichtungserklärung zu unterzeichnen. Nach Ansicht der Herausgeber ist Verständlichkeit Voraussetzung für Demokratie. Wer von Kommunikation ausgeschlossen sei, könne auch nicht an der Willensbildung teilnehmen.

Zu den Unterzeichnern gehörten die Vorstandsmitglieder der CDU/CSU-Fraktion, Ilse Aigner und Annette Widmann-Mauz, die Grünen-Abgeordnete Christine Scheel und der parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion, Ulrich Maurer. Nur aus der SPD-Fraktion gebe es noch keine Rückmeldung. Dort bestünden derzeit noch «fraktionsinterne Verständigungsschwierigkeiten», berichtete die Sprachzeitung.

(Internet: http://www.deutsche-sprachwelt.de/politiker.shtml)
dpa kt yyby ru
291456 Mrz 06


Die Nachrichtenagentur ddp meldete am 29. März 2006:

Bundestagsabgeordnete verpflichten sich zu gutem Deutsch

Erlangen (ddp) ? Bundestagsabgeordnete fast aller Fraktionen sind einem Aufruf der Zeitschrift «Deutsche Sprachwelt» gefolgt und haben sich zu gutem Deutsch verpflichtet. Zu den Unterzeichnern der Selbstverpflichtung gehören die Grünen-Finanzexpertin Christine Scheel, die Unions-Politikerinnen Ilse Aigner (CSU) und Annette Widmann-Mauz (CDU), der Parlamentarische Geschäftsführer der Links-Fraktion, Ulrich Maurer, und der FDP-Bildungsexperte Patrick Meinhardt, wie die «Deutsche Sprachwelt» am Mittwoch mitteilte. Nur aus der SPD-Fraktion habe bisher noch kein Parlamentarier unterschrieben.

Die Aktion «Deutschpflicht für Politiker» war am 21. Februar ausgerufen worden. Anfang März erhielten alle Abgeordneten Post, in der die Sprachzeitschrift sie bat, auf eine bürgernahe Sprache zu achten sowie mißverständliche Ausdrücke zu vermeiden.


Während die ?Frankfurter Allgemeine Zeitung? die Aktion verschläft, berichtet die ?Süddeutsche Zeitung? sowohl im Politikteil als auch im Feuilleton:

Süddeutsche Zeitung, 30. März 2006, Seite 11:

DOLMETSCHER
Aus der ?Selbstverpflichtung zu gutem Deutsch? für Politiker, die 18 Bundestagsabgeordnete unterzeichnet haben:


?Als Politiker bin ich mir meiner besonderen Verantwortung für die deutsche Sprache bewußt. Deswegen verpflichte ich mich, in meinen Reden und Texten auf eine verständliche und bürgernahe Sprache zu achten.?

Eigentlich wollen sie damit sagen:

Im vitalen Interesse der nächsten Generationen ? und gerade dem Konsens der Nachhaltigkeit gilt bei dieser Aufgabenstellung unser zentrales Augenmerk ? muß vor dem Hintergrund von Ausgrenzungen auf dem Buckel der Schwächsten eine tragfähige Lösung für die adäquate Durchführung einer Auslegevollzugsordnung zur Aufwertung gesellschaftlich relevanter Darstellungen politischer Inhalte stattfinden. Und das sind keine Floskeln. Jochen Temsch

Süddeutsche Zeitung, 30. März 2006, Seite 15:

NACHRICHTENDIENST
Abgeordnete fast aller Fraktionen sind einem Aufruf der Zeitschrift Deutsche Sprachwelt gefolgt und haben sich zu unmißverständlichem, bürgernahem, gutem Deutsch verpflichtet. Mit dabei sind bisher die Grünen-Finanzexpertin Christine Scheel, die Union-Politikerin Ilse Aigner, der Parlamentarische Geschäftsführer der Linkspartei Ulrich Maurer und der FDP-Bildungsexperte Patrick Meinhardt. Nur von der SPD wollte noch niemand unterschreiben.


Die ?Berliner Zeitung? schrieb am 30. März 2006 auf ihrer ersten Feuilleton-Seite:

WORTE
Deutschpflicht für Politiker

Elise Graton

Es gibt Tage, da will der wohlwollende Bürger sich über die Politik in seinem Lande aus frischester Quelle informieren. Also greift er zur Fernbedingung, schaltet ?Phoenix? ein und ist ganz Ohr. Konzentriert empfängt er jedes Wort aus den Mündern der Politiker. Doch den Faden der Diskussion bekommt er nicht zu packen.

Fehlt dem normalen Bürger die nötige Kapazität zum Verarbeiten politischer Inhalte? Nein. Politiker zu verstehen, ist schwer. Oft beansprucht es mehr als ausreichende Fachkenntnisse, um zu erschließen, was eigentlich gemeint ist ? nicht umsonst gibt es die abwertende Bezeichnung ?Beamtendeutsch?. Oft verschlüsselt die Politikersprache (die der Juristen- und Managersprache ähnelt) ganz bewußt den eigentlichen Sinn, etwa bei Begriffen wie ?Abbau von Verkrustungen?, ?sozial ausgewogene Maßnahmen? oder ?negativer Ertragsüberschuß?.

Der Sprachgrenze zwischen Bürgern und Politikern soll ein Ende gesetzt werden. Diese Meinung vertritt die Zeitschrift Deutsche Sprachwelt. Vor kurzem lancierte sie die Aktion ?Deutschpflicht für Politiker?. Daraufhin erhielten alle Bundestagsabgeordnete Post, in der die Sprachzeitschrift sie bat, sich zu gutem Deutsch zu verpflichten, das heißt ?auf eine verständliche und bürgernahe Sprache zu achten? sowie ?mißverständliche und irreführende Ausdrücke zu vermeiden?.

Die Debatte ist nicht neu: Seit dem Jahre 2000 bietet sogar ein Team von Germanisten der Ruhr-Universität Bochum dem Beamtentum seine Hilfe zur Verfassung leicht verständlicher Texte an. Und obwohl bereits Abgeordnete aller Fraktionen ? außer der SPD ? dem Aufruf der Sprachzeitschrift gefolgt sind und die Verpflichtung unterschrieben, darf gezweifelt werden, daß die Politiker die schwer eingearbeiteten Floskeln aufgeben.

Man arbeitet ihnen sogar in die Hände ? nein, besser: in den Mund. Denn mittlerweile breitet sich ihre ?Mundart? sogar in bisher ungefährdeten Regionen aus: So versuchen sich Autoren darin, Märchen ins Beamtendeutsch zu übersetzen. Rotkäppchen beginnt etwa so: ?Im Kinderfall unserer Stadtgemeinde ist eine hierorts wohnhafte, noch unbeschulte Minderjährige aktenkundig, welche durch ihre unübliche Kopfbekleidung gewohnheitsrechtlich Rotkäppchen genannt zu werden pflegt.?

Hübsch. Aber wenn das so einfach geht, dann dürften es wiederum Politiker doch auch schaffen, in Zukunft ihre Bürger mit in Märchenstil verfaßten Beschlüssen einzulullen.


Die ?Nürnberger Zeitung? druckte am 30. März auf Seite 2 die dpa-Meldung ab und kommentierte:

Kommentar: Abgeordnete sollen wieder Deutsch reden
Prallsäcke im Parlament?


Als er beim jüngsten EU-Gipfel einen Landsmann plötzlich englisch reden hörte, verließ Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac den Saal, um ?ein Zeichen für die französische Sprache zu setzen?. Man stelle sich eine vergleichbare Reaktion Angela Merkels vor. Vermutlich könnte sie bei internationalen Konferenzen gar nicht erst erscheinen, wollte sie darauf warten, daß dort Reden auf deutsch gehalten werden.

Selbst im Deutschen (!) Bundestag dürfte es die Kanzlerin, würde sie Chiracs Maßstäbe anlegen, nicht lange auf ihrem Sessel halten. Tatsächlich tut weh, was deutsche Politiker ihrer Muttersprache so alles antun. Als Beispiel sei nur das von Ex-Wissenschaftsministerin Bulmahn verantwortete Motto ?Brain Up!? für einen Wettbewerb deutscher Universitäten genannt.

Um solchem Unfug zu steuern, hat die in Erlangen erscheinende ?Deutsche Sprachwelt? unsere Volksvertreter nun aufgefordert, sich schriftlich zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Deutschen zu verpflichten und englische Begriffe zu meiden. Bisher konnten freilich nur 18 der 598 Bundestags-Abgeordneten der ?Deutschpflicht für Politiker? etwas abgewinnen. Sitzen unter der Reichstagskuppel also 580 bekennende Sprachpantscher?

Vermutlich wollen die Verweigerer nur vermeiden, einen Airbag künftig als ?Prallsack? bezeichnen zu müssen. Diesen Begriff schlagen die Erlanger Sprachretter im Internet, pardon Weltnetz, nämlich allen Ernstes vor, weil ?er unsere Vorstellungskraft anregt?. Und damit haben sie nur allzu recht.
MARTIN SCHABENSTIEL

<< Hauptseite geschrieben von dsw am 31.03.2006

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