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Zehn faule Gründe für die Rechtschreibreform

Die hessische Landesregierung hat heute ?Zehn gute Gründe für die Rechtschreibreform? veröffentlicht. Die DEUTSCHE SPRACHWELT erklärt und begründet, daß es sich statt dessen um ?Zehn faule Gründe für die Rechtschreibreform? handelt.

Folgende zehn Argumente nennt die hessische Landesregierung, die im folgenden widerlegt werden:

1. Einfachheit der Rechtschreibung
2. Alte Rechtschreibung ? viele Ausnahmen untergraben die Regeln
3. Neue Rechtschreibung ? bessere Erlernbarkeit und Handhabbarkeit
4. Das Stammprinzip wird gefestigt
5. Neue s-Schreibung
6. Keine Streichung beim Zusammentreffen von drei Konsonanten
7. Getrenntschreibung wird geregelt
8. Großschreibung von Substantiven wird gestärkt
9. Kleinschreibung bei festen Verbindungen von Adjektiv und Substantiv wird festgelegt
10. Trennung nach Sprechsilben


zu 1. Einfachheit der Rechtschreibung
Die hessische Landesregierung behauptet: ?Konrad Duden, der Vater des Duden, forderte schon 1902, auf die Einheit der deutschen Rechtschreibung in allen deutschsprachigen Ländern müsse nun auch die Einfachheit folgen. Diese blieb allerdings für die folgenden Jahrzehnte eine Utopie. Im Gegenteil: Das Regelwerk der deutschen Rechtschreibung wurde zusehends undurchdringlicher."

Die DEUTSCHE SPRACHWELT stellt klar:
Die hessische Landesregierung behauptet zwar, die Rechtschreibreform führe zur Einfachheit der Rechtschreibung, beweist diese Behauptung jedoch nicht. Statt dessen beruft man sich auf Konrad Duden. Dieser würde aber sein Haupt mit Grausen wenden, wenn er sähe, wie die Rechtschreibkommission die Einheit der Rechtschreibung zerstört hat. Wenn die Einfachheit der Einheit folgen soll, dann müssen wir jetzt zuerst wieder die Einheit herstellen, die die Rechtschreibreform ja zerstört hat. Das bedeutet, auf die mißlungene Reform zu verzichten. Zur Einfachheit hat die Reform mit ihren zahlreichen Ausnahmeregeln nicht geführt.


zu 2. Alte Rechtschreibung ? viele Ausnahmen untergraben die Regeln
Die hessische Landesregierung behauptet: ?Das bekannte Sprichwort ?Ausnahmen bestätigen die Regel? gilt vielleicht im Leben, nicht aber bei der Rechtschreibung. Zahlreiche Ausnahmen, Einzelfallregelungen und sich widersprechende Festlegungen machten die Rechtschreibung unübersichtlich und kompliziert. Resultat waren Probleme im Rechtschreibunterricht und schlechte Kenntnisse der Regeln nicht nur bei Schülerinnen und Schülern, sondern auch bei versierten Schreiberinnen und Schreibern."

Die DEUTSCHE SPRACHWELT stellt klar:
Niemand behauptet, daß die klassische Rechtschreibung vollkommen war. Eine lebendige Sprache kann nicht bis in letzte Einzelheiten verregelt werden, da sonst ihre Entwicklungsfähigkeit beschränkt wird. Die Rechtschreibreformer haben diese Verregelung versucht und sich in ihrer Hybris zum Machthaber über die Sprache aufgeschwungen ? und sind mit Pauken und Trompeten gescheitert. Ihr Handeln erinnert an den Turmbau zu Babel, der bekanntlich die Sprachverwirrung zur Folge hatte. Die Reformer sind deswegen gescheitert, weil sie sich in ihrer Verregelungswut letztlich selbst in eine Unzahl von Ausnahmeregeln flüchten mußten. Darum muß heute öfter im Wörterbuch nachgeschlagen werden als früher.


zu 3. Neue Rechtschreibung ? bessere Erlernbarkeit und Handhabbarkeit
Die hessische Landesregierung behauptet: ?Die neue Rechtschreibung stärkt Prinzipien und Grundregeln, vermeidet Ausnahmen und baut Überregulierungen ab. Die richtige Schreibweise kann von einer Regel abgeleitet werden. Die neuen Regeln sind daher einfacher zu vermitteln und leichter zu lernen. Dies zeigt die Broschüre Rechtschreibung gut erklärt des Hessischen Kultusministeriums. www.kultusministerium.hessen.de (Presse/Publikationen ? Broschüren)."

Die DEUTSCHE SPRACHWELT stellt klar:
Daß die Rechtschreibreform Ausnahmen vermeidet und Überregulierungen abbaut, ist falsch. Professor Veith aus Mainz untersuchte die Neuregelung, die ohne Wörterliste über 90 Seiten DIN A 4 umfaßt. Er zählte weit über 1.000 Reformregeln. So ist zum Beispiel bei der Groß- und Kleinschreibung die Zahl der Regeln von 82 auf 96 gestiegen! Untersuchungen haben belegt, daß die Zahl der Rechtschreibfehler gestiegen ist, nachdem die Reform an den Schulen eingeführt worden war. So ist die Unterscheidung zwischen das/dass noch schwieriger als sie zwischen das/daß war. "Das Werk ist so unübersichtlich, daß sogar seine Urheber es kaum noch überschauen" (Theodor Ickler).


zu 4. Das Stammprinzip wird gefestigt
Die hessische Landesregierung behauptet: ?In der deutschen Rechtschreibung gilt grundsätzlich das Stammprinzip. Das bedeutet, dass sich die Schreibung eines Wortes nach seinem Stamm richtet, also dem Wort, von dem es sich ableitet. Der Stamm des Wortes länglich ist lang. Verstöße gegen dieses Prinzip sind in der neuen Rechtschreibung beseitigt. Das Wort Stengel (alte Rechtschreibung) hat seinen Wortstamm in Stange und wird daher jetzt Stängel geschrieben. Ebenso verhält es sich bei überschwänglich (früher: überschwenglich) und Überschwang."

Die DEUTSCHE SPRACHWELT stellt klar:
Das Stammprinzip wird in der Rechtschreibreform willkürlich und falsch angewandt. So müßte man eigentlich Ältern (von alt), dänken (von Gedanke), hätzen (von Hatz), sätzen (von Satz) schreiben. ?Schneuzen" kommt nicht von Schnauze, also ist ?schnäuzen" falsch. ?Verbleuen" kommt nicht von blau, also ist ?verbläuen" falsch. ?Belemmert" kommt nicht von Lamm, also ist "belämmert" falsch. Außerdem widerspricht das Stammprinzip der Reformer dem Merkspruch "Schreib, wie du sprichst". Niemand sagt aufwändig, Stängel, überschwänglich.


zu 5. Neue s-Schreibung
Die hessische Landesregierung behauptet: ?Für das stimmlose s steht nach kurzem betontem Vokal ss, also Amboss (statt früher Amboß; nass statt naß). Das führt zu einheitlichen Schreibweisen - Fluss schreibt sich wie Flüsse -, wo früher Abweichungen gelernt werden mussten. Gemäß dem Stammprinzip bleiben auch hier die Schreibweisen gleich, z.B. küssen ? sie küsst ? er wurde geküsst ( früher: sie küßt, er wurde geküßt)."

Die DEUTSCHE SPRACHWELT stellt klar:
Die Regel ?Für das stimmlose s steht nach kurzem betontem Vokal ss" ist äußerst fehlerträchtig, weil sie von zahlreichen Ausnahmeregeln unterstützt werden muß, damit niemand Buss, Bisstum, wass oder Misst schreibt. Das Stammprinzip gilt nicht konsequent, denn sonst müßte es schiessen (von Schuss) und fliessen (von Fluss) heißen.


zu 6. Keine Streichung beim Zusammentreffen von drei Konsonanten
Die hessische Landesregierung behauptet: ?Bis 1991 wurden für den Fall des Zusammentreffens dreier Konsonanten insgesamt zehn Regeln entwickelt, was in solch verschiedenen Schreibungen wie Ballettänzer, Balletttruppe und Ballettheater gipfelte. Jetzt werden bei allen Versionen alle drei Konsonanten geschrieben (Balletttänzer, Balletttruppe und Balletttheater)."

Die DEUTSCHE SPRACHWELT stellt klar:
Die Schreibweise dreier Konsonanten (Brennnessel, Schussserie, Flussschifffahrt) ist äußert lesefeindlich und führt zu stotterndem Lesen. Das ist kein Fortschritt. Jacob Grimm nannte die Schreibung von drei gleichen Buchstaben "pedantisch". Außerdem ist die Dreierschreibung nicht konsequent, denn es müßte demnach auch Mitttag und dennnoch heißen.


zu 7. Getrenntschreibung wird geregelt
Die hessische Landesregierung behauptet: ?Verbindungen aus Substantiv und Verb (Rad fahren) sowie steigerbarem Adjektiv und Verb (übel nehmen) werden nach den neuen Regeln immer getrennt geschrieben. Bei der Kombination zweier Verben hing die Schreibweise bisher von den verschiedenen Bedeutungen dieser Kombination ab. ?Er ist auf dem Stuhl sitzen geblieben? aber: ?Er ist in der Schule sitzengeblieben?. Im Widerspruch dazu wurden aber auch Worte zusammengeschrieben, ohne dass ein neuer Begriff entstanden war (spazierengehen); in anderen Fällen wurde trotz übertragener Bedeutung getrennt geschrieben (baden gehen). Die neuen Regeln verlangen jetzt in allen Fällen die Getrenntschreibung."

Die DEUTSCHE SPRACHWELT stellt klar:
Die Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung gehören zu den undurchsichtigsten der Reform. Warum heißt es jetzt im Duden freistehend, aber frei lebend, halbrund, aber halb tot? Warum ist vorderhand erlaubt, aber unterderhand verboten? Mit der vermehrten Getrenntschreibung stellen sich die Reformer der Sprachentwicklung entgegen, die in den letzten Jahrzehnten zu verstärkter Zusammenschreibung neigte.


zu 8. Großschreibung von Substantiven wird gestärkt
Die hessische Landesregierung behauptet: ?So werden jetzt alle Tageszeiten nach gestern, heute und morgen (gestern Nacht, heute Morgen) und Substantivierungen (der Einzelne, als Erster, im Dunkeln) konsequent großgeschrieben. Zugleich wird die Schreibweise bei feststehenden Ausdrücken vereinheitlicht (früher: mit Bezug auf, aber in bezug auf; jetzt: mit Bezug auf, in Bezug auf)."

Die DEUTSCHE SPRACHWELT stellt klar:
Die von der Reform verordnete Schreibweise heute Morgen ist grammatisch falsch, weil Morgen in diesem Fall kein Substantiv ist. Die antiquierte vermehrte Großschreibung im Text behindert außerdem den Lesefluß, weil sie Unwichtiges hervorhebt.


zu: 9. Kleinschreibung bei festen Verbindungen von Adjektiv und Substantiv wird festgelegt
Die hessische Landesregierung behauptet: ?Bei Verbindungen von Adjektiven und Substantiven, die keine Eigennamen sind, wird das Adjektiv jetzt immer klein geschrieben, also: schwarzes Brett, schwarze Liste, goldener Schnitt und goldene Hochzeit. Bisher hieß es: Schwarzes Brett aber schwarze Liste, Goldener Schnitt aber goldene Hochzeit.

Die DEUTSCHE SPRACHWELT stellt klar:
Das ist falsch, denn nach der Rechtschreibreform wird das Adjektiv keineswegs immer klein geschrieben. So heißt es heiliger Krieg, aber Heiliger Vater, goldener Schnitt, aber Goldenes Kalb. Die im Juni von den Kultusministern beschlossene Reform der Reform sieht zudem die Wiederzulassung von Gelber Karte und Kleiner Anfrage vor, man muß lediglich behaupten, man verwende den Ausdruck fachsprachlich.


zu 10. Trennung nach Sprechsilben:
Die hessische Landesregierung behauptet: ?Mehrsilbige Wörter werden jetzt so getrennt, wie es sich beim Sprechen ergibt. Das frühere Verbot der Trennung von st gilt nicht mehr (Wes-te, Kas-ten) und es kann auch ein einzelner Vokal am Wortanfang abgetrennt werden (A-der, I-gel)."

Die DEUTSCHE SPRACHWELT stellt klar:
Es gehört schon Mut dazu, die absurden und leseunfreundlichen Trennmöglichkeiten Seei-gel, Schlaga-der, Volli-diot, alla-bendlich, Uro-ma, Grippee-pidemie zu preisen. Die Landesregierung liegt außerdem falsch. Mehrsilbige Wörter werden nach der Reform oft nicht so getrennt, wie man spricht: vol-lenden, Tee-nager, Obst-ruktion, Ext-rakt und so weiter.

<< Hauptseite geschrieben von Thomas Paulwitz am 19.08.2004

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