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20-1 oder Einundzwanzig?

Das halten unsere Leser von dem Vorschlag des Bochumer Mathematikprofessors Lothar Gerritzen, die Aussprache der Zahlen zu reformieren.

Zur DSW-Pressemitteilung vom 15. Januar 2004: Gegen die Aussprache „Zwanzigeins“

Bunte Leserreaktionen

Reaktionen aus dem Ausland und von Ausländern

Für 20-1

Heinrich Stracke macht auf das Gedicht „Km 21“ von Christian Morgenstern aufmerksam

Wolf Reinbach erzählt von der Sprachgeschichte unserer Zahlen

Manfred Pohl schreibt einen Offenen Brief an Professor Gerritzen



Bunte Leserreaktionen

Der Vorschlag, eine Änderung unseres Zahlensystems zu verordnen, ist abgehoben und realitätsfremd, darüber hinaus nicht nur gegen die deutsche Sprache, sondern auch gegen viele andere Sprachen gerichtet (u.a. Arabisch, Tschechisch [dort beide Zählweisen möglich], Slowenisch und einige andere). Englisch als internationale Verkehrssprache ja, aber nein zur Anglisierung anderer Sprachen! Schließlich gibt's auch Sprachen mit anderen Systemen als dem dekadischen z.B. Baskisch und Georgisch). Ein Hinweis: Die Erfinder unserer Zahlen sind nicht die Araber, sie haben sie uns bloß vermittelt; sie kommen letzten Endes aus Indien.
Univ.-Prof. Dr. Heinz Dieter Pohl

Is des a Schmarrn, bei uns sogt ma Oanazwanzg.
Servus, machts es guat!
Christian Eberl

Zitat: „Es wäre für die deutsche Sprache nur schwer zu verkraften, nach dem Rechtschreibchaos jetzt auch noch ein solches Aussprachechaos zu schaffen!“ Dem schließen wir uns vollinhaltlich an. Und dann womöglich wieder eine Änderung durch obrigkeitliche Anweisung. Das muß verhindert werden! Und die sog. Rechtschreib„reform“ – primitv und überwiegend sinnverfälschend – sollte ebenfalls schnellstens wieder rückgängig gemacht werden!
Christa und Edwin Schmude

Dümmstes Neusprech. „Politisch korrekt“. George Orwell hat es schon vor 50 Jahren gewußt.
Bernhard Stenzl

Den Unglücklichen, denen diese Scharlatanerie dargeboten wird, kann man nur mit Kant raten: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Joachim Gröger

Es ist verwunderlich, mit welchem Blödsinn sich Mathematiker beschäftigen. Haben die wirklich nichts Wichtigeres zu tun? Vom Prinzip her gibt es verschiedene Möglichkeiten, Zahlen sprachlich auszudrücken. Das Englische nutzt eine davon, das Deutsche eine andere. Interessant ist, welche Sprache welche Möglichkeit vorsieht und wie wahrscheinlich die eine oder die andere Möglichkeit ist, in einer Sprache vorgesehen zu sein. Dies entspricht in etwa der Fragestellung, in welcher Reihenfolge in einer Sprache Subjekt, Objekt und Verb aufeinanderfolgen. Daß verschiedene Möglichkeiten existieren, zeigt, daß das menschliche Gehirn nicht auf eine bestimmte davon festgelegt ist, daß es also keine dem Gehirn besonders entgegenkommende Möglichkeit gibt. Sprachliche Erscheinungen reformieren zu wollen zeigt daher nur den Willen zur Machtausübung der jeweiligen Reformer an. Leute, die solche Reformen freiwillig übernehmen und sich zu eigen machen, zeigen damit ihren Willen zur Unterwerfung unter die vermeintliche Macht oder unter vermeintliche Notwendigkeiten an. Wenn es zu viele solcher Leute gibt, hat die entsprechende Gesellschaft ihre Freiheit verloren.
Wolfgang Fischer

Entsetzlich! Was fällt den kranken Hirnen noch alles ein, um unsere deutsche Sprache zu zerstören? Genügt es nicht, daß sie sich jetzt schon derart verändert hat, daß sich meine alte, seit fünfzig Jahren im Ausland lebende Tante nur noch wundert? Deutsche Brasilianer oder Deutschrumänen sprechen besser deutsch als die „Mutterländler“ hier. Wir hier merken es ja kaum noch, was man unserer Sprache bereits alles angetan hat. Ich möchte hier nicht aufzählen, was mich im Alltag schon fast körperlich schmerzt („macht Sinn“, „einmal mehr“, „in 2004“ usw.), von der neuen Rechtschreibung einmal ganz abgesehen.
Elli Raßmus

Doppelplusgut... ;-)
(Neusprech aktuellste Ausgabe aus G. Orwells „1984“)
Gerd Pommerenke

Grundsätzlich gebe ich Ihnen recht (Recht?), daß wir es nicht zulassen sollten unserer gewachsenen Sprache Gewalt anzutun. Dem stimme ich auch in bezug auf die Aussprache von Zahlen zu. Dennoch ist meine Einstellung hierzu etwas gespalten. In dem großen Bereich, in dem Menschen sehr viel mit Zahlen zu tun haben, kommt es beim Aufschreiben einer gesprochenen Zahl immer wieder zu Zahlendrehern. Als ich vor gut fünfzig Jahren eine Banklehre machte, gab es fast täglich langwierige Suchen nach Differenzen, die auf Zahlendrehern beruhten. Im Wirtschaftsleben sollte man, denke ich, das Zulassen der beanstandeten Untugend erwägen.
Hans-Jürgen Sauerbrey

„Zwanzigeins“: Naja, da hat halt wieder mal nen Mathematikant gezeigt, daß er nicht von dieser Welt ist. Nämlich: wenn schon der unsägliche Neuling e-Mail sich nicht mehr ausbremsen läßt, wie soll denn dann eine so alte Gewohnheit wie Einundzwanzig änderbar sein? Im Arabischen kommt's noch dicker: geschrieben wird von rechts nach links, nur nicht die Zahlen, da stehen die hohen Stellen links. Und siehe da! Der gesamte, riesige Sprachraum hat auch damit Null Probleme. Sprache ist halt nicht logisch, und das wird vom Lernenden jeglichen Alters auch überhaupt nicht verlangt. Nur ein später Nur-Logiker kann auf so etwas kommen. Im übrigen habe ich hier den unchristlichen Verdacht, daß jemand listig-absichtlich Dummfug produziert hat (von dem er auch selbst genau weiß, daß es das ist), um sich und sein Fach in der Zeitung sehen zu können. Halt der übliche Reklamedonner, über den man bestenfalls milde den Kopf schüttelt.
Prof. Dr. Friedrich W. Rösing

So ein Quatsch, das ist ein Rückfall in die Steinzeit!!
Hans-Josef Peine

Was dieser Herr Professor da vorschlägt, ist natürlich völliger Blödsinn, um das Kind mal beim Namen zu nennen. Ob Ihre Argumentation, „einundzwanzig“ sei „logisch“, greift, wage ich dahinzustellen. Aber Sprache ist etwas Gewachsenes; es bedarf zu seiner Rechtfertigung keiner „Logik“. Oder vergleichen Sie mal das „logische“ französische Zahlensystem: 99 ist übersetzt: vier-zwanzig-zehn-neun. Glauben Sie, ein französischer Professor macht sich über diese „Logik“ Gedanken? Gegen Leute wie diesen Herrn Gerritzen hilft keine Logik – sondern Lachen! Traurig nur, daß solche Wirrköpfe hochbezahlte Posten haben!
Roger Kunert

Fakt ist: Im Englischen werden Zahlen verdreht benannt! Schließlich kommt dort nach sieb-Zehn, acht-Zehn, neun-Zehn der unbegründete Wechsel zu Zwanzig-eins, Zwanzig-zwei, ... Gott bewahre uns vor einem derartigen Chaos !
Günter Gertheiss

Ich bin auch gegen die Aussprache Zwanzig-eins, aber eines Ihrer Argumente dagegen ist nicht haltbar: Es ist nicht logisch, bei Zahlen unter hundert mit den Einern zu beginnen. Nun sollte man bei Sprachen nie von Logik reden, sondern lieber von dem informationstheoretischen Nutzen ausgehen. Insgesamt interessiert bei quantitativen Angaben doch zunächst die Größenordnung, und die wird von der größten Zehnerpotenz bestimmt. Beispiel: Wie viel kosten die Schuhe? – Dann soll mir der Verkäufer nicht sagen „3 Euro und einige Zehner“, sondern „ca. 80 EUR“. Ähnlich: Wie alt sind Sie ungefähr? – Darauf nützt mir die Antwort: „Ich bin an einem 17. geboren“ genauso wenig wie „Ich bin im Juli geboren“; besser ist „Ich bin 1980 geboren“, also mit dem Jahr zuerst, um die Antwort quantitativ abschätzen zu können. Von daher ist die Reihenfolge Zehner Einer bei Zahlen unter hundert informationsgerechter, das muß man zugeben. Bei größeren Zahlen nennt man ja auch die Tausender, dann die Hunderter zuerst. – Ob die Deutschen durch ihr Zahlenaussprachesystem echte Nachteile haben, ist zu bezweifeln und müßte nachgewiesen werden. – Die Aussprache „Zwanzig-eins“ ist abzulehnen, weil sie schon für etwas anderes verwendet wird, nämlich für „20/1“ und „20.1“. („Das können Sie im Abschnitt 20.1 nachlesen.“) Als gleichbedeutend mit 21 könnte höchstens „Zwanzig-und-eins“ gelten, wie in den romanischen Sprachen. – Man könnte der amerikanischen Welt anbieten, auf „Zwanzig-und-eins“ umzusteigen, wenn sie das auch täte. Dabei könnte auch gleich die informationstheoretisch unzulängliche Reihenfolge Monat-Tag-Jahr bei amerikanischen Datumsangaben geändert werden. Die informationstheoretisch beste ist die international verabredete „Jahr-Monat-Tag“. Da die US-Amerikaner solches Ansinnen ablehnen werden, sollte man uns Deutsche mit dem Abrücken von unseren sprachlichen Traditionen auch in Ruhe lassen.
Dr. Rudolf Fischer, Mathematiker und Sprachwissenschaftler

20-1, was soll denn das schon wieder? Das sagt doch kein Mensch! Viel ärgerlicher als solch eine herbeigezerrte Sprachdiskussion über irgendwelche Rand- oder Temporärerscheinungen finde ich die typisch deutsche Ignoranz gegenüber den Niederlanden, den Niederländern und dem Niederländischen. Da wird – so auch bei Ihnen – permanent vom „Holländer“ gesprochen. Möchten Sie als „Bayer“ oder „Sachse“ bezeichnet werden? [Vgl. Zuschrift von Leser Anton Karl Mally]
Heribert Roesgen

Über Ihre Bemühungen zur Erhaltung der deutschen Sprache freue ich mich sehr. Ich fürchte, sehr unterschiedliche Beweggründe führen dazu, ständig an unserer Sprache herumzumäkeln und Änderungen einzuführen bzw. zu legalisieren. Auf der einen Seite ist es das Auffallenwollen, d.h. seinen eigenen Namen mit irgendeiner Neuerung in Verbindung gebracht zu sehen, auf der anderen Seite ist es der ständige Versuch, sich von der älteren Generation abzusetzen, locker und unangepaßt zu erscheinen. Man genießt das erstaunte Aufblicken der Erwachsenen-Generation, wenn man sie durch ein sprachliches Novum verblüfft hat. Aber wehe, die Älteren übernehmen den neuen Wortschatz oder überholen womöglich die jüngere Generation auf diesem Sektor, dann ist der Ärger bei den Jungen groß.
Gottfried Meskemper

Sprache ist lebendig. Ihre Charakteristik basiert auf Eigenheiten, die Identität gebend sind. Sprache lässt sich demzufolge nicht in mathematische Gleichungen pressen. Der favorisierte „Zahlenumdreher“ wäre ein Schritt hin zur Gleichmacherei (Uniformität) von Sprachen. Behalten wir unsere gute Eigenheit bei!
Peter U. Limberg

In aller Kürze: Sie haben völlig recht, was die Verwechslungsgefahr anbetrifft, falls zwei Systeme nebeneinander bestehen. Ich selbst habe (als Norddeutscher) schon genug Schwierigkeiten, die Zeitangabe „Dreiviertelzehn“ für „Viertel nach neun“ (hoffentlich stimmt's) richtig zu verstehen [Anmerkung der Schriftleitung: Leider stimmt es nicht: „Dreiviertelzehn“ bedeutet „Viertel vor Zehn“; andererseits bedeutet „Viertel nach neun“ „Viertelzehn“] – wie soll ich da noch ein Parallelsystem anglisierter Zahlen kapieren? Im übrigen ist das Ganze wohl eher als Wichtigtuerei zu verstehen. Es möchte eben jeder einmal in den Medien genannt werden – Mathematiker nicht ausgenommen.
Gerd Müller

Leser Volker Camphausen hat an Professor Gerritzen einen Offenen Brief geschrieben, in dem unter anderem steht: „Machen Sie weiter so, jeder blamiert sich so gut er kann. So weiß man jedenfalls mit einem Schlage, wes Geistes Kind man bei Ihnen vor sich hat. Ihren Schülern wünsche ich ein erfrischendes Lachen, wenn Sie derartige Abstrusitäten in Ihren Vorlesungen zum besten geben!“

„Zwanzigeins“ (20-1) könnte leicht mit „Zwanzig Komma Eins“ (20,1) verwechselt werden. Daher sollte sich gerade ein Mathematiker nicht für diese angloide Aussprache einsetzen. Was die von Heribert Roesgen beanstandete Verwendung des Namens „Holländer“ für die Niederländer betrifft, ist darauf hinzuweisen, daß Nord- und Süd-Holland als die Hauptprovinzen der Niederlande gelten. „Holland“ wird daher als „pars pro toto“ für die gesamten Niederlande verwendet. Übrigens werden die Deutschen von den Franzosen als „Alemannen“ und von den Finnen als „Sachsen“ bezeichnet (Mit den „Sachsen“ sind nicht etwa die Obersachsen gemeint, sondern die Niedersachsen.) In Österreich wurden von 1871 bis 1938 die Reichsdeutschen und von 1938 bis 1945 die „Altreichsdeutschen“ – zumindest die Angehörigen nord- oder mitteldeutscher Volksstämme – oft als „Preußen“ bezeichnet, auch wenn sie in nichtpreußischen Teilen des Deutschen Reiches beheimatet waren. Preußen überragte eben durch Fläche, Einwohnerzahl und politische Macht die nichtpreußischen Länder des wilhelminischen Kaiserreiches und der Weimarer Republik.
Dr. Anton Karl Mally

Oft in der Geschichte hat das besiegte Volk die Sprache des Siegers angenommen. Wir sind auf diesem Wege. Im Sinne Cromwells: Kill the language and you will kill the nation. Solche schmücken sich mit fremden Federn, bis sie der fremde Vogel selbst sind.
Josef Schuh

Natürlich kann es nur die bisherige Aussprache „Einundzwanzig“ geben, ich schließe mich Ihrer Argumentation voll an. Schuster bleib bei Deinen Leisten: Als Mathematikprofessor sollte man sich eher Sorgen machen um eine Angleichung richtig großer Maßstäbe, wie z. B. das englische „Billion“ für die Milliarde. Wie heißt eigentlich dann die Billion auf englisch? Da herrscht doch sicher schon lange eine Herumrechnerei zwischen den Sprachräumen. Ein Bericht darüber würde mich sehr interessieren, was ist denn „richtiger“ bzw. mehr verbreitet? Auch eine Angleichung der unterschiedlichen Dezimalschreibweise mit Punkt und Komma wäre in der heutigen Welt der Datenverarbeitung ökonomisch sehr viel interessanter als ausgerechnet die Sprechweise. Heiße Luft also. Herr Professor Gerritzen: setzen, sechs.
Oliver Schmitt
[Anmerkung der Schriftleitung: In Amerika sagt man für Million million, für Milliarde billion, für Billion Trillion. In England sagt man für Milliarde traditionell milliard und für Billion billion. Deswegen kommt es manchmal zu Verwechslungen nicht nur zwischen Amerika und dem deutschen Sprachraum, sondern auch zwischen Amerika und England.]

Ich glaube nicht, daß man Gerritzen allzu ernst nehmen muß. Es hat ja schon viele Versuche von Einzelpersonen gegeben, die als Revoluzzer auftraten und die Sprache nach ihren „logischen“ Ideen verändern wollten. Alle sind gescheitert. Es gibt heute viel weniger „Schraubendreher“ als Schraubenzieher, weniger „Haareschneider“ als Friseure und vieles andere. Und so bin ich auch zuversichtlich mit der Rechtschreibreform. Sie wird sich im Volk nicht durchsetzen können. In den Zoos gibt es immer noch Känguruhs und kaum „Kängurus“, „Tunfisch“ können Sie nirgends kaufen, noch immer steht Thunfisch drauf, wo Thunfisch drin ist. Eines aber scheint geboten: Unter den Menschen, die ihre Muttersprache lieben und pflegen, sollten viele sein, die Gerritzen klar machen, was er für ein arroganter und überheblicher Pinsel ist. Maßt er sich doch an, dem Volke vorschreiben zu wollen, wie es zu sprechen habe. Es reicht uns schon, wenn eine Staatslobby versucht, dem Volke vorschreiben zu wollen, wie es zu schreiben habe.
Manfred Pohl

Womit man sich so beschäftigen kann – sagenhaft. 11 – 12 – 13 – 14 – 15 (elf – zwölf – dreizehn – vierzehn – fünfzehn) ist also wenig logisch. Demnach müßte es eigentlich einszehn – zweizehn – dreizehn – vierzehn – fünfzehn heißen.
Jens Hoppe

Aus der Luft gegriffen? Die Deutsche Bundespost (einschließlich Fernmeldewesen, wie es damals hieß) hat um 1960 für den Dienstgebrauch angeordnet, Telefonnummern ziffernweise zu sprechen (die Rufummer 21 43 65 also nicht ein-undzwanzig, drei-undvierzig, fünf-undsechzig, sondern zwo-eins, vier-drei, sechs-fünf), weil es allzu oft vorkam, daß jemand die Ziffern in der Reihenfolge wählte, wie er sie sprach.
Eberhard Wegner

Offensichtlich will sich ein abgehobener Professor, der alles anglo-amerikanische anbetet, produzieren. Ausgerechnet Französisch mit 98 = Vierzwanzigzehnacht als Vorbild zu nehmen, zeugt von der Seriosität des Vorschlags. Zwanzig-Eins ist absoluter Schwachsinn, da bestimmt hundert andere Verwechslungsmöglichkeiten gegeben sind. Wer fehlersicher Zahlen durchgeben will, wird nur einzelne Ziffern nennen: Einundzwanzig = zwei, eins.
Werner Gierlich

Was mich daran am meisten stört ist, daß hier der Eindruck erweckt wird, es sei unsere deutsche Sprache, die an der Bildungsmisere (PISA) schuld trage und uns daran hindere, international zur Spitze zu gehören. Ich frage mich, wie es Deutschen in den vergangenen Jahrhunderten möglich war, mit solch einer verdummenden Sprache in nahezu allen Bereichen von Kultur und Wissenschaft bahnbrechende Leistungen zu bringen?
Franz Firla

Die von Professor Gerritzen vom Leerstuhl, pardon Lehrstuhl für Mathematik der Universität Bochum geforderte angepaßte Sprachregelung für Zahlen, z. B. die Aussprache „Zwanzigeins“ zu verwenden, ist schon sehr merkwürdig. Irre ich mich, wenn ich vermute, daß es sich bei ihm um einen verkannten Fachmann für die Deutsche Rechtschreibung der „Dudenkommission“ handelt? Da kann man nur sagen „Schuster bleib' bei deinen Leisten“ und beschäftige dich mit der Mathematik.
Wolfhard H. A. Schmid

Ich möchte darauf hinweisen, daß es sich bei „Zwanzigeins“ nicht um eine „Aussprache“ handelt, sondern um eine lexikalische Neubildung. Eine andere Aussprache wäre zum Beispiel „einundzwonzig“.
Prof. Dr. Otto Jastrow

Wir sind das einzige Volk auf der Erde, das sich kräftig bemüht, sich seiner Muttersprache zu entledigen und dafür Amerikanisch einzuführen, so wie wir schon seit Gründung der Bundesrepublik alles Amerikanische (nicht das Englische) verehrt haben. Je dümmer es daherkam und -kommt, desto lieber. Man sehe sich die unglaublich verdorbene Sprache der Werbung an, der Medien (hier vor allem auch die Fernsehzeitschriften und die Titel der Sendungen und Filme) und man läßt alle Hoffnung fahren. Aber auch ernstzunehmende Institutionen und Organisationen scheinen vom Amerikanischen gar nicht genug zu bekommen. So wirbt die Stiftung zur Verhütung des Schlaganfalls mit dem hierzulande völlig unbekannten Ausdruck „stroke“ (engl. Schlaganfall) und die entsprechenden Notfallkliniken in den Krankenhäusern sind inzwischen „stroke units". Das grenzt schon an fährlässige Tötung, denn bis ein ahnungsloser Patient bzw. ein helfender Angehöriger oder Bekannter die entsprechende Krankenstation gefunden hat, kann es schon zu spät sein. Was unserer Jugend und auch vielen Erwachsenen das Einfachst-Amerikanisch (babytalk) so attraktiv macht, ist die Tatsache, daß man sich mit 2-, 3- und 4-Buchstabenwörtern begnügen kann, für das wenige, das man noch auszudrücken in der Lage ist. (An richtes anspruchsvolles Engisch traut sich hierzulande ohnehin niemand ran.) Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß Deutsch für Deutsche einfach zu schwierig ist, und das Lesen und Sprechen zusammenhängender deutscher Texte gewaltige Schwierigkeiten bereitet. Was die Tendenz gewisser Akademiker angeht, die Ziffernabfolge beim Sprechen zusammengesetzer Zahlen ebenfalls dem Englischen nachzuahmen, ist das nur die logische Folge der allgemeinen Sprachzerstörung hierzulande. Interessant übrigens, daß es in England mal eine Zeit gab, da man die Zahlen wie im Deutschen aussprach, also one-and-twenty, seven-and-fifty usw. Wann war das noch – 18. Jahrhundert. Ich habe es selbst einmal mit Verwunderung in einem englischen Roman festgestellt, weiß aber nicht mehr, um welches Werk es sich handelte.
Alfred Probst
P.S. Mein Sohn hat mir neulich einen Kaffeebecher aus Pappe von McDonalds mitgebracht. Außen steht drauf „McMorning – American Breakfast“ und auf dem Innenboden des Bechers prangt die tiefe Erkenntnis „Kaffee is like hübsche Frauen: Plötzlich gone.“

Wenn Mathematikprofessor Gerritzen Probleme hat mit unserem „Zahlenaussprechsystem“, heißt das noch lange nicht, daß das auf alle Deutschen zutrifft. Es sei nicht auszuschließen, daß deutsche Schüler einen Nachteil im internationalen Vergleich haben, sagt er. – So genau weiß er es eben auch nicht. In der Kommunikation bestehe die Gefahr von Verwechselungen und Fehlern, zum Beispiel, wenn ihm jemand Zahlen am Telefon durchgäbe. Den dadurch entstehenden wirtschaftlichen Schaden zu beziffern, sei nicht leicht, so Gerritzen. Hier sei ihm empfohlen, ein Wattestäbchen zu benutzen, oder wenn nötig ein Hörgerät, statt nach Reformen zu schreien. Im übrigen: Einstein kam mit unserem System ganz gut zurecht.
Oliver Heim

Wenn das Thema nicht so furchtbar traurig wäre, könnte man es für einen vorgezogenen Aprilscherz halten. ICH KOPF STEHEN WENN HÖREN PROFESSOR WOLLEN ZWANZIG EINS. UND ICH DENKEN ER AUCH NICHT VERGESSEN ÄNDERN 10-1 UND 10-2. DIES SEIN LEICHTER ZU MERKEN FÜR ELITE-NACHWUCHS IN DEUTSCHLAND – AUCH IN SCHWEIZ SEIN EBENSO!! Aber nun ohne zu scherzen: Will der eifrige Herr Mathematikprofessor vielleicht gewissen privaten Fernsehsendern entgegenkommen, damit diese in ihren „talk-shows“ auch in der Zahlenbennung nicht überfordert sind? Dann können Aussprüche wie Du bist blöd, Du kotzt mich an, Du redest ja Sch...., okei okei okei, sogar zwanzig-eins mal hinausgeschmettert werden in die noch nicht ganz verblödete Zuschauerwelt. Das wär's. Ich danke für Ihre Meldung und gehe fest davon aus, daß solch ein abartiger „professionaler“ (leider nicht professioneller) Geistesblitz mit Glanz und Gloria abblitzt.
Ingeborg Theek

Reaktionen aus dem Ausland und von Ausländern

Wir sind ganz und gar der Meinung der DEUTSCHEN SPRACHWELT! Man soll den gesund gewachsenen deutschen Sprachbaum nicht verunstalten; man sollte nur ENDLICH die englischen Wassertriebe rasch entfernen!
Jörg & Bärbel Wentrup, Paraguay

Zwanzigeins ist ja reiner Wahnsinn. Deutsch soll unsere Sprache bleiben. Dafür müssen wir uns mit aller Kraft einsetzen.
Heinz Mertens, Niederlande

Was um Himmelswillen macht ihr mit der deutschen Sprache? Da gibt man sich als Ausländer jahrelang Mühe, die Sprache zu lernen und beherrschen – dann kommt so ein ausgemachter Unsinn! Aber nachdem man vom „shoppen“ spricht, wenn man Einkaufen meint, vom „Joggen“ statt Laufen, von „Talken“ statt Sprechen und vom „Biken“ anstelle von Motorradfahren, kann man sicherlich auch Zwanzig-Eins oder meinetwegen auch Zehn-plus-Elf sagen. Wie wär's mit römischen Ziffern dazu – XXI? Ich meine, Sprache ist Kultur und die würde man in England beispielsweise nicht einfach so mit Füßen treten. Also, was ist mit der deutschen Kultur..?
Peter J. Pitwell

Von diesem Professor hatte ich noch nichts gehört. Die Anglizisierungswut einiger Pseudomodernisierer kennt keine Grenzen mehr! Lassen wir sie sich selber lächerlich machen.
Hubert Guicharrousse, Paris

Als im amerikanischen Sprachraum Lebender, wurde mir bis heute das unterschiedliche „Zahlenaussprechsystem“ nicht bewußt. Ob Mathematiker ein Sprachbewußtsein entwickeln, das ihnen solch weitgehende Einmischung in unsere muttersprachlichen Gepflogenheiten erlaubt, wage ich zu bezweifeln. Anpassung und Anglizismen sollen vielleicht fortschrittliches Denken dokumentieren. Doch hier liegt der Herr Professor nach meinem Verständnis total daneben.
Ulrich Eisele

Es ist für meinen sechsjährigen Sohn, der neben Deutsch und Englisch auch Spanisch spricht und liest, etwas verwirrend, daß es im Deutschen „Einundzwanzig“ und auf englisch „Zwanzig-eins“ heißt. Es ist für ihn auch verwirrend, daß man z. B. „one“ schreibt und „wan“ sagt, daß man „stone“ schreibt und „stoun“ sagt. Es ist für ihn auch verwirrend, daß man im Englischen sagt: „I know him“ und „I know that he is six“ und dies im Deutschen mit „Ich KENNE ihn“ und mit „Ich WEIß, daß er sechs Jahre alt ist“ wiedergegeben wird. Wenn Sie ältere englische Literatur lesen, so finden Sie, daß es dort regelmäßig „one and twenty“ usw. heißt. Mir ist unklar, weshalb und wann dies geändert wurde. Ich habe kein Problem mit „quatre vingt“, „quatre vingt once“, usw. Richtig, im Französischen wird 80 mit „vier-zwanzig“ ausgedrückt, 91 mit „vier-zwanzig-elf“, in der Schweiz und in Quebec hingegen – soweit ich richtig informiert bin – mit 80 (octante) und 90+1 (nonante et un). Daß innerhalb derselben Sprachgemeinschaft verschiedene Lösungen und Modelle bestehen, scheint keinerlei Problem zu sein. Es würde den Franzosen nicht im Traum einfallen, auf ihre originelle Lösung plötzlich zu verzichten, nur weil es andere anders machen. Herr Lothar Gerritzen schlägt heute vor, auf „Zwanzigundeins“ umzusteigen. Morgen schlägt seine Gesinnungskollegin vor, alle „der, die, das, den, dessen, dem, derer“ usw. abzuschaffen und mit „de“ oder „the“ zu ersetzen, weil es im Englischen ja auch nur ein „the“ gibt – und weil die Deutsche Sprache mit „der, die, das, usw.“ zu schwierig zu erlernen sei. Warum schlägt Herr Lothar Gerritzen nicht gleich vor, Deutsch durch Englisch zu ersetzen? Dann allerdings hätten wir vielleicht mit mehr Ungereimtheiten zu tun als wir dies zuerst vermuten würden. Denken Sie z. B. nur an die sehr unregelmäßige Aussprache und Schreibweise. Ausländer, die Deutsch lernen, sind in der Regel erstaunt über die Klarheit und Logik der deutschen Sprache. Ich sehe keinerlei Anlaß auf unsere „Einundzwanzig“ zu verzichten. Ich sehe auch keinen Anlaß, auf das quatre-vingt-once (vier-zwanzig-elf) für 91 im Französischen zu verzichten. Ich sehe auch keinen Anlaß, fortab nur noch „de“ oder „the“ zu sagen statt „der, die, das, den, dem, dessen, derer, denen“ usw.
Matthäus Huber, London

Für 20-1

Ich hätte nichts dagegen, wenn die englische Sprache in allen Ländern der Welt als einzige gemeinsame offizielle Sprache, von mir aus neben der eigenen Muttersprache, eingeführt würde. Sie ist demokratisch, einfach zu erlernen und fördert die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Chef und Untergebenen. Die Zahlen und die Fälle sind klarer und einfacher. Ich spreche neben englisch und deutsch auch französisch und spanisch sowie Hindi. In der indischen Sprache z.B. gibt es drei Sprachstufen, beginnend mit dem menschenverachtenden „mach er das“ für die Diener und teilweise für die kleinen Kinder, „machst du das für mich“ für Kinder, Gleichgestellte (Frauen zu Frauen, Männer zu Männern etc.) und – last but not least – „Könnten Sie das evtl. für mich machen?“ wenn die Frau mit ihrem Mann sprechen möchte, sofern sie ihn überhaupt direkt ansprechen darf. Denn zu allererst muss sie mindestens dreimal rufen „erhören Sie mich“ und wenn er nicht antwortet, hat sie ohnehin schon verloren und darf nicht weiterreden oder fragen. Was die Zahl 21 angeht, wenn englisch gesprochen wird, entfällt das Problem. Auf jeden Fall ist unsere Sprechweise für Grundschüler im Rechenunterricht schwierig, ich habe das als 6jährige gemerkt und meine Prügel für die falsche Schreibweise bekommen. Heute bin ich 60 und finde es immer noch falsch. Wer zu Hause weiter deutsch sprechen möchte, kann das tun, aber ich denke, über kurz oder lang werden die kleinen Sprachen ohnehin wegfallen. Und dem sollten wir nicht nachweinen. Wer eine gemeinsame Sprache spricht, fängt seltener einen Krieg an, versteht sich einfach besser. Man sollte allerdings auch die Franzosen auffordern, sich endlich mal Namen für 70, 80, 90 zuzulegen, die Belgier haben das ja schon getan, aber bei den Franzosen enden ja die Zahlen bei 69, dann kommt 60+10, und bei 80 heisst es 4x20, bei 90 ist es 4x20+10. Das ist doch unzumutbar. In der deutschen Sprache müssten wir ohnehin viel ändern, Kleinschreibung z.B., das v ist überflüssig, entweder f oder w, doppel e als Dehnlaut oder doch lieber das h? Bei uns gibt es so viele Ungereimtheiten, entweder erneuert man die Sprache komplett oder man lässt es und spricht englisch. Ich bin für englisch.

Heinrich Stracke macht auf das Gedicht „Km 21“ von Christian Morgenstern aufmerksam

Ich finde es ebenfalls unmöglich, wie die deutsche Sprache „anglisiert“ werden soll. Vielleicht könnte aber auch ein unbeschwert-heiterer Aspekt noch dazu ins Gespräch kommen: Christian Morgenstern hat in seinen „Galgenliedern“ das Gedicht vom Raben, der auf einem Meilenstein saß, gemacht:

Km 21

Ein Rabe saß auf einem Meilenstein
und rief Ka-em-zwei-ein, Ka-em-zwei-ein…

Der Werhund lief vorbei, im Maul ein Bein,
der Rabe rief Ka-em-zwei-ein, zwei-ein…

Vorüber zottelte das Zapfenschwein,
der Rabe rief Ka-em-zwei-ein.

„Er ist besessen!“ – kam man überein.
„Man führe ihn hinweg von diesem Stein!“

Zwei Hasen brachten ihn zum Kräuderdachs.
Sein Hirn war ganz verstört und weich wie Wachs.

Noch sterbend rief er (denn er starb dort) sein
Ka-em-zwei-ein, Ka-em, Ka-em-zwei-ein.

eingesandt von Heinrich Stracke

Wolf Reinbach erzählt von der Sprachgeschichte unserer Zahlen

Das angesprochene Problem (einundzwanzig / zwanzigein) ist kein „Ausspracheproblem“. Aussprache bezieht sich auf Phonetik. Es handelt sich hierbei um eine Sprachkonvention. Das Wort „Aussprache“ ist in diesem Zusammenhang falsch. Man kann sich natürlich darüber streiten, welche der Konventionen, die englische oder deutsche, besser sei. Tatsache ist: Die englische und deutsche Sprache stammen aus einer gemeinsamen Wurzel, die sich vor etwa 1.500 Jahren in Althochdeutsch und Altenglisch gespalten hat. Damals haben beide Sprachen die Zahlen nach dem heutigen englischen System gebildet, das wohl das ursprüngliche in der indoeuropäischen Sprachfamilie ist.

Die deutsche Sprache hat im Laufe ihrer Entwicklung tatsächlich Einer und Zehner verdreht, und zwar etwa im 13. Jahrhundert zur Zeit von Kaiser Friedrich II. unter dem Einfluß der arabischen Kultur. Die Araber hatten zu jener Zeit bekanntlich bereits das Ziffernsystem, das wir – mit formal etwas veränderten Zahlensymbolen – heute in aller Welt verwenden. Die arabische Sprache schreibt aber von rechts nach links. Die meisten Zahlen des Alltagslebens sind die Zahlen unter 100. So kommt es, daß man beim Schreiben einer Zahl im arabischen Text eben bei der Einerstelle beginnt und dann die Zehnerstelle schreibt. Genauso ist die auch die Konvention der arabischen Sprache, beim Sprechen die Einer zuerst zu nennen, z. B. 45: chamsa-arbain (chamsa=5; arba=4; arbain=40). Der kulturelle Einfluß arabischer Gelehrter auf mitteleuropäische Gelehrte hat offenbar ausgereicht, unsere Konvention zu verändern, d. h. Zehner und Einer zu vertauschen. Unsere Art, die Zahlen zu sprechen, ist ein Arabismus!

Wenn jetzt aber weitere Stellen, Hunderter, Tausender usw. hinzukommen, wird das deutsche System unlogisch oder besser gesagt schwer zu handhaben. Wenn wir z. B. eine neunstellige Zahl lesen, dann lesen wir nicht wie die Engländer beginnend mit der größten Stelle (9.) systematisch absteigend zur kleinsten (1.): 9-8-7-6-5-4-3-2-1, sondern, 9-7-8-6-4-5-3-1-2 (nine hundred eighty seven millons six hundred fifty four thousand three hundred twenty one – neunhundertsiebenundachtzig Millionen sechshundertvierundfünfzig Tausend dreihunderteinundzwanzig). Objektiv ist das deutsche System komplizierter und weniger logisch; das muß man zugeben. Doch mir als Deutschem fällt es nicht schwer. Vielleicht schadet uns das zusätzliche Hirntraining ja auch gar nicht, sondern befähigt uns, komplizierte Sachverhalte schneller zu erfassen?!

Ich wende mich selbstverständlich gegen eine Übernahme des englischen Systems. Aber ich wende mich auch gegen die Begründung von Herrn Paulwitz, daß unsere Konvention, erst die Einer und dann die Zehner zu nennen, „in unserem Verständnis von Zahlen und vom Zählen verwurzelt sei“. Eine Logik kann ich darin nicht erkennen. Wir sprechen die Zahlen doch nicht so, weil sich unser Volk nach gemeinsamen Überlegungen über ein Zahlenverständnis es so beschlossen hat, sondern weil vor bald tausend Jahren ein Arabismus in die Sprache gedrungen ist. Im übrigen hat die arabisch-deutsche Weise unsere nächsten Nachbarn beeinflußt: Niederländisch, das seine heutige sprachliche Eigenständigkeit und Unabhängigkeit vom Deutschen durch seine politische Entwicklung bekommen hat – vor einigen hundert Jahren konnte man sicher nicht zwischen Niederdeutsch und Niederländisch unterscheiden - niederländisch war damals also noch so nah mit der deutschen Sprache in Kontakt, daß man auch das arabische System übernahm und heute noch sagt: een-en-twintig / ein-und-zwanzig.

Aber auch die dänische Sprache hat unseren Arabismus übernommen und verwendet ihn auch heute noch so: en-og-tyve / ein-und-zwanzig. Dänisch hat wiederum aus politischen Gründen die ursprüngliche norwegische Sprache vor einigen hundert Jahren verdrängt, so daß das heutige Norwegisch von Schriftbild sich nicht viel vom Dänischen unterscheidet; die Aussprache unterscheidet die Sprachen aber beträchtlich. Seit dem 19. Jahrhundert versucht Norwegen, wieder mehr sprachliche Eigenständigkeit zu bekommen – es wurde sogar eine historisierende eigene norwegische Sprache (Nynorsk) erfunden, die sich letztlich nicht durchsetzen konnte. Doch im Zahlensystem haben die Norweger im Jahre 1951 eine Reform durchgesetzt, die Einflüsse des Nynorsk verarbeitet: einerseits wurde das dänische „tyve“ (20) durch das norwegische „tjue“ ersetzt, und zweitens wurde die alte Reihenfolge wieder hergestellt! In Norwegen versteht man wohl noch „enogtyve“ (21), doch heißt die Zahl heute „tjueen“ (tjue-en / zwanzig-ein). Die Norweger haben vor 53 Jahren mit ihrer Reform tatsächlich das gemacht, was Herr Prof. Gerritzen für das Deutsche verlangt! Eine weitere Sprache, die das arabisch-deutsche System verwendet, ist Slowenisch: enaindvajset (ena-in-dvajset / ein-und-zwanzig); also auch ein Nachbar der deutschen Sprache, der durch die enge politische Verbundenheit in Österreich-Ungarn diese Eigentümlichkeit in die eigene slowenische Sprache übernommen hat.

Dr. Wolf Reinbach

Manfred Pohl schreibt einen Offenen Brief an Professor Gerritzen

Nun haben wir doch endlich eine Idee gefunden, wie wir dieser völlig unlogischen Sprechweise der Zahlen des dezimalen Zahlensystems zu Leibe rücken können. Aber leider, lieber Herr Professor, bin ich mit solchen Halbheiten, wie „zwanzigeins, zwanzigzwei“ usw. höchst unzufrieden.

Wenn wir schon die Sprache revolutionieren wollen, dann reicht das bei weitem nicht. Konsequenz ist vonnöten, von der ich in ihren Plänen so gar nichts vorfinden kann. Man muß doch sehen, daß es noch viele andere Ungereimtheiten in der Sprechweise unserer Zahlen gibt. Ich stelle Ihnen nachfolgend vor, was wir tun müssen, um endlich Ordnung in dieses leidige Problem zu bringen.

Zum Aussprechen unserer Zahlen beschränken wir uns zukünftig für die Ziffern 1 bis 9 auf die Wörter eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht und neun. Nun ist das noch nicht ganz richtig, denn es fällt Ihnen sicher auf, daß als einziges Wort „sieben“ zweisilbig ist. Deshalb werden wir dafür einfach sieb sagen. Die Verwechslung mit einem Teewerkzeug ist nicht gegeben, weil ja zu unserem Ärger nach der halbfertig eingeführten Rechtschreibreform die Substantive immer noch groß geschrieben werden. Hier aber gereicht das zum Vorteil. Nun legen wir außerdem fest,

- daß die Verzehnfachung der Ziffern mit der Endung „-zig“ gebildet wird, aber bitte konsequent,
- daß die Einer nach den Zehnern gesprochen werden,
- daß das Hundertfache mit der Endung „-hundert“, das Tausendfache mit der Endung „-tausend“ usw. gebildet wird, wie es bisher war.

Inkonsequent ist ferner, daß es manchmal „eins“ und manchmal „ein“ heißt. Das regeln wir auch gleich mit, indem es immer „eins“ heißt, gleichgültig wo. Es heißt fortan also „einsmal, zweimal, dreimal“ usw., wozu denn diese logikfernen Abweichungen.

Dadurch regeln sich von ganz allein solche unzulänglichen Wörter, wie „zehn“, „elf“, „zwölf“ usw. oder auch „zwanzig“ und ähnlicher Sprechunfug, der aus der deutschen Sprache gestrichen wird, indem der 9 folgend die Zahlen völlig logisch heißen: „einszig, einszigeins, einszigzwei, einszigdrei“ usw. und die Zehner fortsetzend zweizig, dreizig, vierzig und schließlich dann „siebzig, achtzig, neunzig, einshundert, einshunderteinszig“ usw. Hier sehen wir auch, daß sich die Festlegung „sieb“ für das bisherige „sieben“ wie von selbst rechtfertigt. Natürlich, und das gebietet die Konsequenz, muß es dann auch „siebhundert“, „siebtausend“, „siebmillion“ usf. heißen. Dieses Sprechsystem für die Zahlen brauchen die Kinder nicht mehr zu lernen, es beschränkt sich auf das Erlernen der Wörter für die Ziffern 1 bis 9, alles andere ergibt sich ganz von selbst.

Einziger Problemfall bleibt die 0, für die es bisher das Wort „Null“ gab. Warum das groß geschrieben wurde, soll als ungelöstes Rätsel in den Annalen verschwinden, denn wir lösen dies auf ganz elementare und brillant logische Weise: Die Ziffer 0 lassen wir wie bisher, das Wort „Null“ wird gestrichen, wenn wir die Zahl ohne Wert meinen, nicken wir mit dem Kopf und sagen nichts. Sollte das Wort in einem Text notwendig werden, schreiben wir „-“.

Damit haben die deutschsprechenden Menschen endlich das fortschrittlichste und logisch vollkommendste Zahlensprechsystem der Welt.

Ach, wenn es doch nicht so ungeheuer schwierig wäre, die Menschen von dieser grandiosen Verbesserung der deutschen Sprache zu überzeugen! Das dürfte wohl der schwierigste Teil Ihres Unterfangens werden, Herr Professor Gerritzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Manfred Pohl

 
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