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Vom Gefühl zur Tat

Wozu wir eine Theorie brauchen
Oder: Seid lieb zu den Gummibärchen!

Von Thomas Paulwitz


I. DAS GEFÜHL
II. DIE VERNUNFT
III. DIE TAT


Dieser Beitrag wurde im Jahre 1999 für die V(W)DS-Mitgliederzeitschrift Sprach-Nachrichten geschrieben.


I. DAS GEFÜHL

„Immer diese dämlichen Anglizismen. Jetzt aber Schluß mit der Vergewaltigung unserer Sprache!“ Hand aufs Herz: Aus diesem oder einem ähnlichen Gefühl sind die meisten von uns dem Verein zur Wahrung der Deutschen Sprache beigetreten. Das Gefühl, daß wir etwas für unsere Sprache tun müssen, treibt uns an. Diese Stimmung aus dem Bauch heraus ist unser Treibstoff, dessen Vorrat durch die alltäglichen Sprachverhunzungen nicht gerade kleiner wird.

Unser „Ja“ zur Sprache
Doch woraus entsteht unser Gefühl? Wir sehen uns einem Massenansturm engleutscher Wortbrocken ausgesetzt. Warum wollen wir diese Ungetüme nicht? Was läßt uns aufstehen und den Angriffen auf unsere Sprache ein lautes „Halt! So nicht!“ entgegenstellen? Warum bejahen wir unsere Muttersprache? Ist es nur die Sehnsucht, an etwas Hergebrachtem festhalten zu wollen, das uns Halt gibt, weil wir in einer Welt voller Veränderungen leben? Das mag zum Teil eine Rolle spielen, liefert aber noch keine ausreichende Erklärung. Schließlich wäre es verrückt, sich nicht auf die Umwelt einzustellen, die sich von Tag zu Tag verändert. Wir würden wie die Saurier hilflos untergehen und zu Fossilien versteinern.

Ohnmacht
Unser Widerwille rührt nicht daher, daß sich etwas ändert. Derart konservative Knochen sind wir nicht. „Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen“, sagte Kaiser Lothar I. bereits vor über tausend Jahren. Dieser Wahrheit kann sich keiner entziehen. Warum also unser Grimmen und Grollen? Wir glauben, die Veränderungen nicht mehr beeinflussen zu können. Uns umklammert ein Gefühl der Ohnmacht. Die Entwicklung verläuft dermaßen hemmungslos, daß auch das Erhaltenswerte aus unserer Sprache verdrängt wird und allmählich verschwindet.

Zauber der Muttersprache

Warum halten wir denn zum Beispiel das Wort Kinder für bewahrenswerter als das Wort Kids? Warum wollen wir statt Job lieber Arbeit oder Aufgabe sagen? Warum sind wir von unserer Sprache so bezaubert? Der Grund liegt in unserer gefühlsmäßigen Bindung an die Muttersprache. Wir sind mit ihr verbunden wie ein Kind, das an der Brust seiner Mutter hängt. Die Muttersprache nährt uns mit Wörtern und Worten und lehrt uns, Gedanken zu bilden und auszusprechen. Sie gehört zu unseren Lebensgrundlagen, wie das Wasser, ohne das wir verdursten, und die Luft, ohne die wir ersticken. Die Muttersprache ist ein Teil von uns, den wir bewahren müssen, wenn wir uns selbst bewahren wollen. Sie ist unser Schicksal, deswegen hängen wir an ihr. Wir brauchen das Wasser zum Trinken, die Luft zum Atmen, die Sprache zum Denken.

Uns allen gehört die Sprache
Diese Erkenntnis dringt – wenn überhaupt – nur sehr langsam in die Köpfe ein, und deswegen müssen wir unter der allgegenwärtigen Sprachquälerei leiden. Sicher, wir fangen bei uns selbst an, bemühen uns um eine klare, verständliche, ehrliche Sprache, vermeiden nach Kräften Prahl- und Verschleierungswörter. Doch Selbsterkenntnis allein genügt nicht. Die Sprache ist nicht nur ein Teil jedes einzelnen von uns, sondern auch ein Teil aller, die der deutschen Sprachgemeinschaft angehören. Zudem ist unsere Sprache immerzu von denjenigen bedroht, die sie sich für ihre Zwecke dienstbar machen wollen und mitunter zweckentfremden. Die Einrichtungen, die auf unsere Sprache Einfluß nehmen, haben sich verselbständigt. Schule, Wirtschaft, Fernsehen hetzen von einem Modeschrei zum nächsten, immer auf der alten Suche nach dem Neuen und hören immer weniger auf die Stimme der stillschweigenden Mehrheit. Die Mehrheit schweigt still – wie kann dann ihre Stimme gehört werden? Indem sie aufhört zu schweigen!

Vom Gefühl zur Tat
Was machen wir aus unserem Gefühl? Früher sperrten wir es ein, dachten wir, es gebe keinen Weg. Wir zogen uns zurück und gaben schon teilweise auf. Nun stellen wir fest, daß es noch mehr Menschen gibt, denen die deutsche Sprache nicht gleichgültig ist. Und die Zahl derer, die sich zu unserer Gemeinschaft bekennen, wird von Tag zu Tag größer. Aus dem Gefühl der Ohnmacht und des Widerwillens entstand ein Gefühl der Hoffnung; und der Wille, etwas zu verändern. Und der Wille sucht sich seinen Weg: Er will die Tat.


II. DIE VERNUNFT

Bis zum Entschluß zur Tat haben wir uns durch unsere Gefühle leiten lassen. Bei der Umsetzung der Tat müssen wir mit der Schwierigkeit kämpfen, andere zur Umkehr zu bewegen, um uns selbst und andere vor den Auswirkungen ihres Treibens zu schützen. Auch wenn wir hierbei aus Notwehr handeln: Bedeutet nicht unsere Forderung, auf die Sprache Rücksicht zu nehmen, einen Eingriff in die persönliche Freiheit anderer Menschen? Sind wir nicht zu belehrend, wenn wir anderen vorschreiben wollen, welche Sprache sie verwenden sollen? Mit diesen Fragen müssen wir uns immer auseinandersetzen, wenn wir gewissenhaft für die deutsche Sprache eintreten wollen, damit wir nicht über das Ziel hinausschießen.

Gute Absichten lenken
Diese Fragestellungen geben einen Hinweis darauf, warum wir den Lauf unserer Gefühle nicht völlig ungelenkt fließen lassen sollten. Die gute Absicht kann sonst nämlich ins Gegenteil verkehrt werden. Wir brauchen eine Theorie, die unser Handeln leiten kann. Wir müssen das Gefühl durch die Vernunft lenken, um zum Erfolg zu gelangen. Der Erfolg stellt sich erst ein, wenn wir mehr als uns selbst bestätigt sehen.

Aufeinander zugehen
Das Gefühl ist die Voraussetzung für die Vernunft. Ist das Gefühl unser Antrieb, unser Treibstoff, so ist die Vernunft unser Steuerrad auf dem Weg zum Ziel. Deswegen müssen wir auf unsere Überzeugungskraft achten. Seien wir nicht zu schulmeisterlich, fassen wir den anderen immer als Teil unserer Sprachgemeinschaft auf. Uns eint die deutsche Sprache! Versetzen wir uns in unseren Ansprechpartner hinein, versuchen wir, sein Handeln nachzuvollziehen. Warum gebraucht er so viele engleutsche Wörter? Macht er es bewußt oder unbewußt? Hören wir ihm zu, bevor wir ihn zu überzeugen versuchen. Das verlangt zwar ein bißchen Selbstbeherrschung und Einfühlungsvermögen, zahlt sich aber am Ende aus.

Unsere Überzeugungskraft
Bevor wir allerdings an die Überzeugungsarbeit gehen, ist ein weiterer Schritt des Nachdenkens notwendig. Wir müssen uns mit schlagenden Argumenten ausrüsten. Es ist hier leider nicht Platz genug, eine lange Beweiskette aufzubauen. Das ist genug Stoff für mindestens einen ganz neuen Beitrag. Die Vorgehensweise bei der Argumentationsfindung muß folgendermaßen aussehen: Im ersten Schritt betrachten wir die Gegenargumente. Wir dürfen sie nicht einfach abtun, sondern müssen sie schon aus Achtung vor dem anderen und aufgrund unserer Glaubwürdigkeit ernstnehmen. Daraus leiten wir handliche Entgegnungen ab. Wir dürfen aber nicht nur antworten: Im zweiten Schritt überlegen wir uns eigene Argumente, indem wir unser Innerstes erforschen und uns unserer Stärken bewußt werden.


III. DIE TAT

Ein Beispiel mag die Notwendigkeit einer Theorie verdeutlichen: Viele von uns kennen vielleicht die Geschichte von dem Rentner, dem das Wortgebaren des Unterhaltungskünstlers Thomas Gottschalk sauer aufstieß. Dieser hatte in einer „Wetten-daß“-Sendung fortwährend von Kids gesprochen, wenn er eigentlich Kinder meinte. Wegen des engleutschen Geplappers drohte der Rentner damit, die von Gottschalk beworbenen Gummibärchen zu vergiften, und landete beim Psychiater. Über eine Änderung der Sprechkunst Gottschalks ist dagegen nichts bekannt. Wie hätte eine erfolgreiche Tat aussehen können?

Seid lieb zu den Gummibärchen!
Spinnen wir einen Gedanken: Wir bilden eine Vereinigung der Freunde der Gummibärchen, die die kleinen Tierchen vor Sprachverhunzungen in Schutz nehmen wollen. Dann gehen wir mit einem Leitspruch an die Presse, beispielsweise: „Gutes Deutsch macht Kinder froh – Gottschalks Kids sind dumm wie Stroh“. Die Parodie ist zum Beispiel eine Waffe, die trifft, ohne verletzen zu müssen. Wir nutzen hier den Bekanntheitsgrad des Werbespruches aus. Mit diesem Schlepptau können wir dann unseren Argumenten Gehör verschaffen, die wir uns natürlich vorher gut zurechtgelegt haben.

Unbegrenzte Möglichkeiten
Das war nur ein willkürliches Beispiel. Wir können auch einen ganz anderen Weg suchen. Unserem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt. Doch sollte immer der Wahlspruch Moltkes gelten:
Erst wägen, dann wagen!


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