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Ssiboleth

Zur fehlerträchtigen ss-Regelung

Von Prof. Theodor Ickler

Zu den überraschendsten Zügen der sogenannten Rechtschreibreform gehört das Doppel-s, das über neunzig Prozent aller Änderungen ausmacht und damit zum beherrschenden Merkmal umgestellter Texte geworden ist. Eigentlich hatten die Reformer jahrzehntelang den Unterschied zwischen das und daß zugunsten des einheitlichen das einebnen wollen (das stand schon bei Minister Rust 1941 auf dem Programm), eine Unterscheidung, die manchen Schreibanfängern Schwierigkeiten bereitet. Sie ist grammatischer Art und bleibt bei der Neuregelung in vollem Umfang erhalten (das/dass).

Nachdem ihnen 1993 die „gemäßigte Kleinschreibung“ endgültig aus der Hand geschlagen war und die läppischen „Etymogeleien“ wie einbläuen, Zierrat und Tollpatsch ein etwas unansehnliches Ergebnis so langwährender Vorbereitungen und zehn internationaler Arbeitstagungen gewesen wären, wollten sie vielleicht etwas ähnlich Durchschlagendes vorweisen und verfielen darauf, die Heysesche s-Schreibung aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert wiedereinzuführen, die man 1902 auch für Österreich endgültig abgeschafft hatte.

Sie war und ist besonders fehlerträchtig. Seither finden wir in jeder Tageszeitung Fehlschreibungen wie Spass, heiss, ausserdem usw. Ein Teil davon stammt aus der regional kurzen Aussprache des vorangehenden Vokals (Spass, Fussball); die andere Hälfte erklärt sich wohl daher, daß Diphthonge vom phonetisch Ungeschulten als kurz empfunden werden, weil sie nicht gedehnt werden können: heiß ist viel kürzer als ein emphatisches groß (groooß!). Seltsamerweise werden auch das Pronomen das und die Konjunktion dass nun sehr viel häufiger verwechselt. Man hat treffend bemerkt, die neue s-Regelung gehöre zu den Lehrstücken, die leicht zu begreifen, aber schwer anzuwenden sind.

Der deutsche Sprachbau bringt es mit sich, daß nun ungemein häufig drei gleiche Buchstaben geschrieben werden müssen: Missstand usw. Der neue Duden empfiehlt zur Entzerrung solcher Gebilde den Bindestrich: Miss-Stand (wie auch Still-Legung usw.). Ein recht linkischer Ausweg aus einer selbstgeschaffenen Kalamität.

Das alt-neue Doppel-s ist hochsymbolisch. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung stellte zutreffend fest, daß diese Änderung wegen ihrer Häufigkeit in laufenden Texten das „Herzstück der Reform“ sei: „Wer sie akzeptiert, gibt zu erkennen, daß er die Neuregelung nicht grundsätzlich bekämpft. Das Umgekehrte gilt ebenfalls.“ Das amtliche Regelwerk, die umfangreichste und komplizierteste Orthographie, die es je gab, erwies sich bald als nahezu unlernbar, zudem vieldeutig und ständiger Korrektur bedürftig.

Die ss-Regelung dagegen glaubte mancher recht schnell begriffen zu haben, und sie ist auch leicht programmierbar. Einige Professoren verlegten sich darauf, den Lehramtsanwärtern etwa folgenden Rat zu geben: „Schreiben Sie möglichst viel ss, mehr verlangen die Kultusministerien gar nicht!“ Auch in Behördenschreiben wird oft nur dieses Minimum erfüllt. Es ist die Kniebeuge vor dem Geßlerhut. Ich habe Magisterarbeiten gelesen, in denen lediglich daß und muß per Ersetzungsbefehl gegen die neuschreiblichen Äquivalente ausgewechselt waren. Gegenüber einem Dienstherrn, der seine Untergebenen in Doppel-s-Schreiber und Doppel-s-Verweigerer einteilt, ist Zynismus die angemessene Haltung.

Inzwischen haben sich viele Professoren selbst angepaßt. Eine soeben erschienene deutsche Syntax hat zwar das Doppel-s an den richtigen Stellen, bleibt aber bei sogenannt, auseinanderhalten usw. – lauter Wörter, die es nach dem Willen der Reformer nicht mehr gibt. Wer wird sich wegen einer solchen Lappalie beim Kultusministerium unbeliebt machen, auf das man doch in vieler Hinsicht angewiesen ist? Dann sind da noch die Verlage, die sich stark genug fühlen, den Professoren Bedingungen zu stellen. Der Westdeutsche Verlag zum Beispiel besteht als Bertelsmann-Tochter auf Neuschreibung; in seinen Büchern geht es orthographisch drunter und drüber – nur das Doppel-s sitzt immer richtig.

Die Neuregelung ist, wie der jüngste Duden beweist, in Auflösung begriffen. Es ist zu befürchten, daß von dem ganzen Spuk nur das Doppel-s übrigbleibt. Zwar sind auch die anderen Neuerungen Rückschritte ins neunzehnte Jahrhundert (des Öfteren, im Allgemeinen usw.), ja sogar ins achtzehnte und siebzehnte (auseinander setzen, fertig stellen und tausend andere Getrenntschreibungen, ferner die Silbentrennung A-bend usw.), aber kurios wäre es doch, die häßliche, fehlerträchtige, altmodische und vollkommen überflüssige Heysesche s-Schreibung als Ergebnis von hundert Jahren Reformbemühungen feiern zu müssen.

 

 
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