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„Die Aura der Wörter“

Der Dichter Reiner Kunze legt eine Denkschrift zur Rechtschreibreform vor

Von Thomas Paulwitz

„Das Wort besitzt eine Aura, die aus seinem Schriftbild, seinem Klang und den Assoziationen besteht, die es in uns hervorruft, und je wichtiger und gebräuchlicher ein Wort ist, desto intensiver und prägender ist diese Aura. Wer sie zerstört, der zerstört etwas in uns, er tastet den Fundus unseres Unbewußten an.“ Der Lyriker Reiner Kunze hat jetzt eine Denkschrift vorgelegt, in der er eindeutig Stellung zu den sprachschädigenden Folgen der Rechtschreibreform nimmt. „Die Aura der Wörter“ heißt das gedankenreiche Büchlein, das der Stuttgarter Radius-Verlag verlegt.

„Teilweise sprachliche Enteignung“

Zu Anfang seines Büchleins widmet sich Kunze, nach seiner DDR-Ausbürgerung Träger zahlreicher Literaturpreise, der reformierten Getrennt- und Zusammenschreibung. Sie führe dazu, daß bestimmte eindeutige Aussagen nicht mehr getroffen werden könnten. Dies nennt Kunze eine „teilweise sprachliche Enteignung“. Die Entwicklungsrichtung der Sprache werde dadurch umgekehrt, daß Wörter, die mittlerweile zusammengeschrieben werden, künstlich wieder getrennt werden: „Wer das Niveau der geschriebenen Sprache senkt, senkt das Niveau der Schreibenden, Lesenden und Sprechenden.“

„Es ging um die Veränderung der Gesellschaft“

Kunze räumt des weiteren mit der Propaganda der Kultusminister auf, die Rechtschreibreform diene dem Schreibwohl der Schulkinder. Er weist nach, daß es den Urhebern der Reform nicht darum ging, die Rechtschreibung zum Zwecke der besseren Verständigung zu ändern, sondern darum, die „Gesellschaft“ umzukrempeln; „die Orthographie war ihnen nur Mittel zum Zweck“. Er belegt dies mit Äußerungen unter anderem von Jens Jessen („Die Zeit“) und Karl Blüml (österreichisches Mitglied der Rechtschreibkommission). Ein Kultusminister sagte im Deutschen Bundestag: „Nicht um die Neuregelung der Rechtschreibung geht es in Wahrheit. Es geht um die Frage, ob diese Gesellschaft veränderungsfähig und veränderungswillig ist.“

Schriftsprache um hundert Jahre zurückgeworfen

Der „Marsch durch die Institutionen“ habe jedoch nicht im „Klassenkampf“ die Gesellschaft verändert, sondern den Obrigkeitsstaat befördert und aufgrund der Ausrichtung am niedrigsten Niveau die Schriftsprache um hundert Jahre zurückgeworfen, so Kunze. „Dieses kulturrevolutionäre Verständnis von sozialer Gerechtigkeit ist Teil jener Ideologie, deren Gesellschaftssysteme an sich selbst zugrundegehen.“

„Die Sprache ist die Kaiserin, die keine Parteien kennt.“

Nach wie vor sind lediglich zehn Prozent der Deutschen von der Rechtschreibreform überzeugt, wie Allensbach in diesem Jahr ermittelte. Es verwundert also, daß keine politische Partei sich so recht um die Rechtschreibreform kümmern will. Kunze meint dazu: „Die Sprache ist die Kaiserin, die tatsächlich keine Parteien kennt. Was Wunder, wenn fast keine Partei Partei für sie ergreift.“

„Ein Dichter, der das hinnähme, müßte als Dichter zurücktreten. Und als Deutscher.“

Reiner Kunze verwahrt sich gegen die Ansicht eines Kultusministers, dieser Eingriff in die Sprache sei die nebensächlichste Sache der Welt, und gegen dessen Empfehlung an einen Schriftsteller, keine Notiz davon zu nehmen. Vielmehr sei es gerade die Aufgabe der Schriftsteller, auf ihr Werkzeug, die Sprache, zu achten: „Ein Dichter, der hinnähme, daß der Bau dieser Sprache beschädigt und sie um einen nicht unbedeutenden Teil ihrer Differenzierungen gebracht wird, müßte als Dichter zurücktreten. Und als Deutscher.“

„Zweite Ausbürgerung aus deutschen Schulbüchern“

Kunze nimmt die Sprachbeschädigung nicht hin und besteht darauf, daß in Schulbüchern seine Texte in der bewährten Rechtschreibung erscheinen; auch um den Preis, daß bayerische Schulbücher deswegen jetzt ohne Kunze auskommen müssen: „Meine zweite Ausbürgerung aus deutschen Schullesebüchern hat also bereits begonnen – diesmal durch die Kultusministerinnen und Kultusminister der Bundesrepublik Deutschland.“ Kunze spielt damit auf seine DDR-Vergangenheit an.

DDR-Dissidenten für die Rechtschreib-Resolution

Gerade diejenigen, die mit der mitteldeutschen Diktatur schmerzliche Erfahrungen gemacht haben, sind gegenüber Regierungseingriffen in die Sprache besonders aufmerksam. So unterstützen mit dem Dichter Reiner Kunze, dem Schauspieler Manfred Krug und dem Schriftsteller Günter Kunert drei prominente DDR-Dissidenten die Resolution zur Wiederherstellung der Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung (http://www.deutsche-sprachwelt.de/archiv/resolution.shtml). Kunert, Krug und Kunze haben bereits während der DDR-Diktatur mit der Unterzeichnung einer Resolution auf sich aufmerksam gemacht. 1976 unterschrieben sie den Protestbrief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Kunze schreibt in seiner Denkschrift: „Die Erfahrung hat gezeigt, daß sich auf lange Sicht die Demokratie zum Diktat bitten läßt.“

Vorsätze aus der DEUTSCHEN SPRACHWELT

Am Ende der Denkschrift findet der Leser „Resümees“ zur Rechtschreibreform, unter anderem von Peter Eisenberg, Theodor Ickler, Thomas Steinfeld, Helmut Glück und Wolfgang Illauer. Die Denkschrift schließt mit einem Zitat aus der DEUTSCHEN SPRACHWELT http://www.deutsche-sprachwelt.de (Gerhard Sauer: Schreiben leichtgemacht, in: 3. Ausgabe, 20. Januar 2001, Seite 6):

„Nachsätze, die zu Vorsätzen taugen, und deren Verfasser ein Lob verdient. 'Eigentlich ist es eine ganz einfache Sache mit der Rechtschreibung. Als ich in die Volksschule ging, wurde uns rechtschreibschwachen Schülern empfohlen, bei Unsicherheiten darüber, wie man ein Wort nach den Gepflogenheiten schreibe, das Wort erst einmal – so gut man es konnte – hinzuschreiben und dann nach Gefühl zu beurteilen, ob es richtig oder falsch geschrieben sei. Hatte man den Eindruck, daß das Wort 'komisch‘ aussah, sollte man es noch einmal in anderer Form schreiben und solange damit fortfahren, bis man meinte, die richtige Fassung gefunden zu haben.

Mit diesem Verfahren gelangte man nahezu bei allen Wörtern, die man schon einmal gelesen hatte, auf die richtige Version. Dieses Verfahren des Versuchs und Irrtums war eine kluge Methode, angewandt in einer kleinen Dorfschule von einem Lehrer, der wahrscheinlich keine großartige akademische Ausbildung genossen hatte – er stammte aus Lemberg und war am Anfang des vorherigen Jahrhunderts geboren –, der aber ein Mitgefühl für die Not der Schüler hatte und es letztlich mit Weisheit geschafft hat, daß wir alle weitgehend fehlerfrei schreiben lernten.

Damals gab es noch nicht die Legastheniedefinition. Es blieb uns nichts anderes übrig als geduldig schreiben zu üben und viel zu lesen. Der zweite Rat, den wir nämlich in dieser Dorfschule erhielten, war, viel zu lesen, die Heimatzeitung und Bücher ... In der Tat glaube ich heute, rechtes Schreiben habe ich von Karl May gelernt, dessen Bücher ich mir aus der Bibliothek der Kreisstadt auslieh ... Schreiben ... wird durch Nachahmung gelernt. Man liest ein Wort, auf geheimnisvollen Wegen prägt sich seine schriftliche Gestalt ein, und man kann es später auch selbst wiedergeben; vielleicht nicht auf Anhieb, aber mit Hilfe des oben geschilderten schrittweisen Prozesses.'“

Reiner Kunze: Die Aura der Wörter. Denkschrift, Stuttgart 2002, 60 Seiten, gebunden, 16 Euro. Zu beziehen über den Buchdienst der DEUTSCHEN SPRACHWELT: buchdienst@deutsche-sprachwelt.de.

Vgl. Thomas Paulwitz: Für die Freiheit des Wortes. Autorenkreis verleiht Reiner Kunze den Hans-Sahl-Literaturpreis, in: DEUTSCHE SPRACHWELT, 5. Ausgabe, 20. September 2001, Seite 1. Die DEUTSCHE SPRACHWELT ist zu beziehen über bestellung@deutsche-sprachwelt.de.

 

 
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