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Der Rückbau der Reform

Duden und Bertelsmann folgen der Rechtschreibkommission

Von Theodor Ickler

Es gibt unveröffentlichte, nur den beiden Wörterbuchredaktionen von Duden und Bertelsmann mitgeteilte, über das amtliche Regelwerk hinausgehende und von ihm teilweise auch abweichende Empfehlungen der Rechtschreibkommission.

Es gibt eine unveröffentlichte, nur den Redaktionen von Duden und Bertelsmann bekannte 60seitige Liste von mit der Kommission "vereinbarten Trennstellen".

Dies erklärt hinreichend, daß die führenden Wörterbücher jetzt zwar untereinander stärker übereinstimmen, um so mehr aber von früheren Ausgaben und auch von der amtlichen Regelung abweichen. Die umgestellten Wörterbücher, Schulbücher usw. der ersten drei Jahre seit 1996 sind daher schon wieder überholt.

A. DUDEN

Werner Scholze-Stubenrecht (stellvertretender Leiter der Dudenredaktion) schreibt unter dem Titel "Das morphematische Prinzip in der Umsetzung der Reform" (Sprachwissenschaft 2/2000, Unterstreichungen hinzugefügt):

Die Dudenredaktion versucht seit 1996, bei der Umsetzung der Reform drei Grundsätzen gerecht zu werden:

1. Die amtliche Regelung ist strikt zu befolgen, und zwar ihrem Wortlaut nach.

... Die Dudenredaktion ist nur wenig geneigt, in den Dudenwerken etwas zu verwirklichen, was im Gespräch mit einzelnen Mitgliedern der Kommission von diesen als das in den Regeln eigentlich Gemeinte beschrieben wurde, solange das sich aus dem Wortlaut der Regeln nicht ablesen lässt. Wir sind der Meinung, dass das Regelwerk in seiner vorliegenden Ausformulierung maßgebend sein muss, denn nur auf einer solchen Grundlage lassen sich zum Beispiel über Schulnoten entscheidende Fragen mit der nötigen Verbindlichkeit klären.

2. In Zweifelsfällen ist den Empfehlungen der Zwischenstaatlichen Kommission für Rechtschreibung zu folgen, soweit solche vorliegen.

Dieses Prinzip konnte naturgemäß erst seit dem 25. März 1997 befolgt werden, da es die Kommission vorher (also auch in der Zeit, als die 21. Auflage der Dudenrechtschreibung bearbeitet wurde) noch nicht gab. Auch heute kann die Kommission nicht als beliebig abfragbare Auskunftsstelle für das lexikographische Tagesgeschäft angesehen werden, da sie nur in mehrmonatigen Abständen zusammentritt und dabei auch nicht ad hoc die verschiedensten Problemfälle abarbeiten kann. Deshalb berät sich die Dudenredaktion sporadisch mit einzelnen Kommissionsmitgliedern oder anderen Linguisten, natürlich unter dem Vorbehalt, dass in grundsätzlichen Fragen der Gesamtkommission nicht vorgegriffen, deren Entscheidung nicht vorweggenommen werden kann. Was hingegen von der Kommission selbst als verbindlich oder als Empfehlung verabschiedet wurde, wird von der Dudenredaktion als ebenso maßgeblich wie das amtliche Regelwerk angesehen.

3. Der Umgang mit Schreibvarianten wird werkspezifisch geregelt.

(Hier folgen Ausführungen über den Schülerduden und das Praxiswörterbuch.

Scholze-Stubenrecht führt dann eine Reihe von unklaren oder gar widersprüchlichen Regeln an, ferner Widersprüchliches aus dem amtlichen Wörterverzeichnis. Er weist zum Beispiel nach, daß gewinnbringend, das im Wörterverzeichnis steht, dem Paragraphen 36 eindeutig nicht entspricht usw. Unklar bleibe, was "Zitatwörter" sind und was als "fachsprachlich" von der Reform ausgenommen ist. Er beklagt die unscharfe Formulierung über Wörter, "die sich aufeinander beziehen lassen" und fährt dann fort:)

So kann man allein dem amtlichen Wörterverzeichnis entnehmen, dass die Beziehungskette Nummer – nummerieren nicht weitergeführt werden soll zu Numero und Numerale, die von vielen Sprachteilhabern sicher als nicht allzu weit entfernt von Nummer angesehen werden dürften. Es zeigt sich an diesem Beispiel, dass es für die lexikographische Umsetzung der Reform unbedingt ratsam ist, zunächst das amtliche Wörterverzeichnis vollständig abzuarbeiten und erst bei den hier nicht verzeichneten Stichwörtern mit Regelanwendungen zu arbeiten.

(Zur Worttrennung führt er u. a. aus:)

Um eine gewisse Einheitlichkeit in den Wörterbüchern vorzubereiten, wurde vor zwei Jahren in Zusammenarbeit mit Vertretern der Zwischenstaatlichen Kommission für Rechtschreibung eine inoffizielle Liste von ca. 60 Seiten Umfang erstellt, in der die wichtigsten in diesem Punkt zweifelhaften Wörter mit vereinbarten Trennstellen gesammelt sind.

Schlussbemerkung:

(...)

Es hat sich gezeigt, dass sowohl die Schwächung des morphematischen Prinzips, etwa zugunsten der Fremdwortintegration oder der syllabierungsgerechten Worttrennung, zu neuer Schreibunsicherheit führen kann, als auch seine Stärkung, etwa bei der Schreibung stammverwandter Wörter oder bei der Unterscheidung zwischen Wortgruppe und Zusammensetzung.

B. Bertelsmann

Der Bertelsmann-Verlag teilt am 24. Oktober 2000 brieflich mit:

Wir können nur immer wieder betonen, dass wir uns bei der Erstellung unserer Wörterbücher strikt an die Vorgaben aus Mannheim halten und nicht versuchen, eigenmächtig Normen zu setzen. Einzelne Verlage sollten ja, so das Ziel der Reform, nicht mehr für die Festsetzung orthografischer Konventionen zuständig sein.

(...)

Dass wir für nächstes Jahr eine Neuausgabe planen, ist nicht zutreffend. Da die Kommission bislang keine Änderung des Regelwerks vorgenommen hat und diverse Zweifelsfälle in den letzten Jahren abschließend geklärt wurden, besteht dazu kein Anlass. Der "Bertelsmann" verzeichnet ja bereits seit 1999 vollständig alle Präzisierungen, die andere Wörterbücher erst jetzt eingearbeitet haben.

 

 
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