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Tief greifend, aber nicht zufrieden stellend

Zur Neuauflage von Dudens deutscher Rechtschreibung (2000)

von Professor Theodor Ickler



Zusammenfassung

Entgegen anderslautenden Behauptungen zeigt der neue Duden eine Fülle tiefgreifender Änderungen gegenüber der ersten reformierten Auflage, aber auch gegenüber der amtlichen Neuregelung. Angesichts der übermäßig aufgeblähten Zahl der Einträge (120.000) ist der Anteil der geänderten Wörter zwar prozentual gering, es sind jedoch durchweg besonders häufig gebrauchte Wörter. Die Neubearbeitung ist in ständigem Kontakt mit der zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission entstanden und hat deren Billigung gefunden; die Änderungen entsprechen weitgehend jenen Vorschlägen, die von der Kommission schon vor drei Jahren vorgeschlagen wurden, aufgrund eines Vetos der Kultusminister und des Bundesinnenministers jedoch nicht vorgenommen werden durften.

Mit dem neuen Duden ist die gesamte bisher erschienene Reformliteratur überholt, alle Rechtschreibmaterialien müssen erneut überarbeitet und die Schul- und Kinderbücher bei nächster Gelegenheit noch einmal revidiert werden. Trotzdem sind noch fehlerhafte Regeln stehen geblieben, die, da sie grammatisch falsche Schreibweisen erzwingen, weitere Korrekturen unumgänglich machen.

***

Besorgnis erregend

Ein Hauptfehler der Neuregelung war es, die Adjektive vom Typ besorgniserregend aufzulösen und stattdessen nur noch das syntaktische Gefüge aus einem Partizip und einer substantivischen Ergänzung gelten zu lassen: Besorgnis erregend. Grammatische und stilistische Gründe sprechen dafür, daß es auch das zusammengesetzte Adjektiv weiterhin geben muß. Die Hauptgründe sind die gesamthafte Steigerbarkeit (noch besorgniserregender, sehr besorgniserregend) sowie der prädikative Gebrauch (das ist besorgniserregend). In beiden Fällen ist das Partizipialgefüge ausgeschlossen. Dieser schlagende Einwand, der sich übrigens bereits in einem Duden-Taschenbuch von 1996 aus der Feder der führenden Schweizer Reformer Gallmann und Sitta findet, führte im Dezember 1997 zu Vorschlägen der Rechtschreibkommission, den Paragraphen 36 einer „unumgänglich notwendigen“ Änderung zu unterziehen. Nach der Ablehnung dieser Vorschläge durch die Kultusminister und den deutschen Innenminister verlegten sich die Reformer darauf, die Änderung als bloße Interpretation auszugeben und sie stillschweigend in die neuesten Wörterbücher und sonstigen Rechtschreibmaterialien einzuschleusen. Den expliziten Widerspruch zur amtlichen Regelung nehmen sie in Kauf. So steht im amtlichen Wörterverzeichnis ganz eindeutig: Furcht [einflößen/einflößend]; so stand es dann auch im Duden von 1996, aber 2000 liest man eine Furcht einflößende, auch furchteinflößende Vorstellung. Ebenso Furcht erregend/furchterregend — beides mit Hinweis auf die gesamthafte Steigerung. Hier einige dieser Revisionen:

Abscheu erregend/abscheuerregend
Achtung gebietend/achtunggebietend
Aufsehen erregend/aufsehenerregend
Besorgnis erregend/besorgniserregend
Ehrfurcht gebietend/ehrfurchtgebietend
Ekel erregend/ekelerregend
Epoche machend/epochemachend
Erfolg versprechend/erfolgversprechend
Erholung suchend/erholungsuchend
Furcht einflößend/furchteinflößend
Furcht erregend/furchterregend
Glück bringend/glückbringend
Glück verheißend/glückverheißend
Hitze abweisend/hitzeabweisend
Kosten sparend/kostensparend
Krebs erregend/krebserregend
Musik liebend/musikliebend
Platz sparend/platzsparend
Profit bringend/profitbringend
Respekt einflößend/respekteinflößend
Schauder erregend/schaudererregend
Schrecken erregend/schreckenerregend
Schwindel erregend/schwindelerregend
Staub abweisend/staubabweisend
Staunen erregend/staunenerregend
Unheil verkündend/unheilverkündend (aber nur „Unheil bringend, kündend“)
Verderben bringend/verderbenbringend
Vertrauen erweckend/vertrauenerweckend
viel sagend/vielsagend (aber nur nichts sagend)
viel versprechend/vielversprechend
Wasser abstoßend/wasserabstoßend
Wasser abweisend/wasserabweisend
weinbauend ist gestrichen
Welten umspannend ist gestrichen

(Einige andere Fälle wie mitleiderregend waren schon 1996 eingetragen — im Widerspruch zu § 36 der amtlichen Neuregelung.)

Der ganze Umfang der Änderungen würde sich zeigen, wenn man auch die nicht eigens aufgeführten, aber gewiß analogen Fälle berücksichtigte: Strom sparend, Besitz ergreifend usw. - Allerdings bleibt hier eine gewisse Unsicherheit, denn die Revision verfährt keineswegs konsequent. Einerseits sind nämlich Fälle wie nichts sagend bisher nicht geändert, obwohl gesamthafte Steigerung üblich ist: noch nichtssagender, besonders nichtssagend. Andererseits sind aber nicht nur gesamthaft steigerbare Adjektive wenigstens fakultativ wiederhergestellt, sondern auch solche, bei denen Steigerung kaum oder gar nicht in Betracht kommt; dies jedoch sehr unsystematisch, also noch nicht etwa eisenverarbeitend, funkensprühend, ölexportierend, wohl aber: epochemachend, erholungsuchend. (Der Rotdruck ist wiederum unberechtigt, denn die Neuerungen sind damit aufgehoben; versäumt ist wiederum der Hinweis auf obligatorische Benutzung des Adjektivs bei prädikativem Gebrauch: das ist epochemachend.) Ganz neu eingetragen sind Kraft raubend/kraftraubend und einige andere Fügungen dieser Art.

In umgekehrter Richtung sind auch getrennt geschriebene Gefüge nachgetragen:

fruchtbringend/Frucht bringend
fruchttragend/Frucht tragend
zeitraubend/Zeit raubend
zeitsparend/Zeit sparend

Manchmal schießen die Autoren über das Ziel hinaus: blutreinigend, blutbildend, blutstillend, blutsaugend werden jetzt alle gleich behandelt, also „auch Blut reinigend“ usw. - Das ist aber falsch im Sinne der amtlichen Regelung, denn es heißt zwar Blut bilden, aber nicht Blut reinigen (sondern das Blut reinigen); das wußten die Reformer und Dudenautoren Gallmann und Sitta 1996 in ihrem Duden-Taschenbuch noch sehr gut (S. 127). Sie verweisen auch auf durststillend, das aus demselben Grunde erhalten geblieben ist. Bei kostendeckend, Kosten sparend, „auch kostensparend“ ist das wenigstens halbwegs berücksichtigt, auch wenn kostensparend (das die Ausgabe von 1996 noch nicht wieder kannte) den Regeln widerspricht und die gesamte Rotschreibung sowieso fehl am Platze ist, denn es bleibt nun wieder alles beim alten.

zartbesaitet ist wieder Haupteintrag (im Kasten umgekehrt), ebenso verhält es sich bei zartfühlend, aber die Steigerung, die hier auch Getrenntschreibung rechtfertigen soll, wirkt seltsam: zarter fühlend. Und ist zartestfühlend überhaupt belegbar?

Leid Tragende

Neben leidtragend findet man neuerdings auch Leid tragend, jedenfalls im Kasten; dagegen im Wvz. nur leidtragend. Dazu der Beispielsatz im Kasten: Die Leid Tragenden sind die Kinder (!).

1996: fest angestellt, fest besoldet, der Festangestellte, Festbesoldete. 2000: festangestellt, der fest Angestellte, auch Festangestellte (ebenso zu besoldet). Der Übergang von fest angestellt zu Festangestellte ist grammatisch unmöglich (so auch die Reformer Gallmann und Sitta a.a.O.). Dieses setzt ein Adjektiv festangestellt voraus. Ebenso zu Dienst habende, der Diensthabende (aus den Regeln ableitbar wäre nur Dienst Habende, aber dies wird überhaupt nicht angeführt!). Dienst leistend ist neu eingeführt; es scheint aber keinen Dienstleistenden und keinen Dienst Leistenden zu geben, wohl aber neben dem Zivildienstleistenden neuerdings auch den Zivildienst Leistenden. Zu den Daheimgebliebenen gesellen sich daheim Gebliebene, nur daheimgebliebene Urlauber soll es nicht geben. All das wird sich nicht halten lassen.

Unter den mit „K 1“ usw. bezeichneten Regeln finden sich weitere Hinweise, die mit einem „D“-Symbol gekennzeichnet sind und Interpretationen des Duden enthalten. Darunter auch die Regel S. 46 (als Ergänzung zu K 58), wonach bei Substantivierung auch Zusammenschreibung eintritt, obwohl sie grammatisch nicht ableitbar ist. Dieser unmögliche Übergang wird auch von der Reformkommission neuerdings behauptet. Übrigens hebt er den Anspruch auf Neuregelung und Rotdruck auf, denn Arbeit suchende Menschen, Arbeit Suchende und Arbeitsuchende hat es ja bisher schon ganz genauso gegeben.

Neu nachgetragen sind: spät Gebärende (neben Spätgebärende), schwer Kranke (neben den irregulären Schwerkranken), der nicht Geschäftsfähige, das nicht Gewünschte, der nicht Sesshafte. Solche Gefüge waren natürlich auch bisher möglich; es wird leider nicht darauf hingewiesen, warum man sie meist vermeidet und durch echte Zusammensetzungen ersetzt. Eine neue Variante ist auch nicht zielend (ein schulgrammatischer Fachausdruck für „intransitiv“); das immer noch zugelassene nichtzielend widerspricht allerdings der Regel, daß beim Partizip nur noch getrennt geschrieben wird.

Nicht sehr wohl schmeckend

Eines der größten Probleme sind für die Neuregelung die durchweg sehr häufig gebrauchten Verben mit dem Zusatz „wieder-“. Der äußerst mißverständlich formulierte Paragraph 34 (1) führte dazu, daß der erste Reformduden in gutem Glauben, wenn auch sicherlich mit schlechtem linguistischen Gewissen, zwei Dutzend Verben dieser Art aufspaltete: wieder sehen usw. Vom schnell wieder zum Leitwörterbuch gewordenen Duden drang diese Fehlschreibung in alle Kinder- und Schulbücher sowie in die überaus befremdliche Schreibung der Nachrichtenagenturen. Hier war also eine größere Reparatur fällig, doch wie sieht sie aus? Wieder zusammenzuschreiben sind: wiederaufbereiten, wiederaufführen, wiederbeleben, wiedersehen. Fakultativ „auch“ zusammengeschrieben kommen vor: wiederaufbauen, wiederentdecken, wiedererkennen, wiedereröffnen, wiedererwecken, wiederfinden, wiedergeboren, wiedervereinigen, wiederverwenden, wiederverwerten, wiederwählen. Weiterhin getrennt zu schreiben sind: wieder aufnehmen, wieder aufsuchen, wieder auftauchen, wieder einfallen, wieder einsetzen, wieder gutmachen und wieder herrichten. Hier glaubt die Redaktion, wie der zugehörige Kasten zeigt, weiterhin, daß der Verbzusatz wieder die Bedeutung nochmals, erneut habe und daher laut § 34 getrennt zu schreiben sei. Das ist natürlich nicht richtig. Wer etwas wiederherrichtet, muß es nicht zuvor schon einmal hergerichtet haben, sondern versetzt es durch Herrichten in den früheren Zustand zurück; dieselbe Überlegung führt den Duden dazu, bei wiederherstellen, das unmittelbar auf wieder herrichten folgt, die Zusammenschreibung beizubehalten. Man muß nach den Erfahrungen mit dem ersten Bericht und der Mannheimer Anhörung (Januar 1998) leider annehmen, daß auch die Rechtschreibkommission den Zusammenhang immer noch nicht verstanden hat. Hier ist also die nächste Revision fällig.

Der schlimmste Fehler (und ein Grund, den neuen Duden sofort wieder zurückzuziehen) ist jedoch folgender: Die Redaktion führt bei den fakultativen Getrenntschreibungen jeweils zwei Formen mit ganz unterschiedlichem Betonungsmuster an und erklärt dazu im Info-Kasten:

„In vielen Fällen ist Getrennt- oder Zusammenschreibung möglich, vor allem dann, wenn die Betonung entweder nur auf 'wieder' oder sowohl auf 'wieder' als auch auf dem Verb oder Adjektiv liegen kann: die Firma wieder aufbauen, auch wiederaufbauen (...)“ (S. 1074)

Die vorige Ausgabe wußte noch wie alle früheren, daß der normale Wortakzent von wiederaufbauen nicht auf wieder, sondern auf auf liegt. Die neueste Aussprache kommt, wenn überhaupt, nur unter seltenen pragmatischen Sonderbedingungen in Betracht. Dieser Fehler scheint darauf zurückzugehen, daß der Bearbeiter die Betonungverhältnisse der Präfixverben (wieder entdecken/wiederentdecken, so S. 1075 s. v.) unbesehen auf die ganz anders gebauten Doppelpartikelverben übertragen hat.

Außerdem aber handelt es sich bei wieder aufbauen („aufs neue aufbauen“) und wiederaufbauen („durch Aufbauen in den früheren Zustand bringen“) um völlig verschiedene Ausdrücke, so daß die beiden Schreibweisen keinesfalls als orthographische Varianten angeführt und durch ein irreführendes „auch“ verknüpft werden dürfen!

Bei den vielen Zusammensetzungen von Partizipien und Adjektiven mit hoch- sind zahlreiche Änderungen vorgenommen worden, die aber selten einleuchten und insgesamt eine große Unsicherheit der Reformer verraten. Neuerdings wiederzugelassen sind: hochbegabt (aber nur schwach begabt; immerhin gibt es jetzt wieder die Hochbegabtenförderung und nicht nur die Hoch-Begabten-Förderung), hoch gespannt (mit der schwer lernbaren Differenzierung hochgespannte Ströme/hoch gespannte Erwartungen), hochgesteckt (hochgesteckte Haare/hoch gesteckte Ziele), hochgewachsen. Daneben gibt es neue Getrenntschreibungen von Wörtern, die bisher angeblich zusammenzuschreiben waren, die aber der Duden von 1991 gar nicht enthielt: hoch angesehen, hoch dosiert, hoch motiviert, hoch spezialisiert.

Der Info-Kasten zu hoch ist von ungewöhnlicher Kompliziertheit. Dazu nur ein Beispiel: Es wird behauptet, Zusammenschreibung trete ein, wenn hoch rein intensivierend gebraucht wird: hochanständig (sehr anständig) usw. Ist dies aber nicht auch bei hochempfindlich der Fall? Doch gerade dies darf nur getrennt geschrieben werden! (Diesen Kasten sollte man vorzeigen, wenn wieder einmal behauptet wird, die Reform mache das Schreiben leichter!)

Bei den ebenfalls problematischen Partizipien mit wohl- sind folgende Änderungen vorgenommen worden: Die Getrenntschreibung wird fakultativ ausgedehnt auf wohl erzogen, wohl geformt, wohl gelitten, wohl genährt, wohl geraten, wohl proportioniert, wohl schmeckend (aber nur wohlriechend!). Umgekehrt wird fakultative Zusammenschreibung (wieder)eingeführt bei wohltemperiert. wohl vorbereitet ist neu eingefügt; es wurde bisher angeblich zusammengeschrieben, war aber im Duden von 1991 gar nicht enthalten.

Dieser Teil der Neuregelung krankt daran, daß die Reformer mit dem Kriterium der Steigerbarkeit arbeiten und — in schlechter Dudentradition — fälschlicherweise annehmen, besser sei der Komparativ zu wohl, während es in Wirklichkeit der Komparativ zu gut ist. besser schmeckend gehört also zu gut schmeckend, während wohlschmeckend natürlich den Komparativ wohlschmeckender hat und daher ebenso zusammengeschrieben werden müßte wie wohlriechend, wo die Dudenredaktion sonderbarerweise anders verfährt. Daß all dies nicht so bleiben kann, liegt auf der Hand.

Andere Verbzusätze zeigen sporadische Änderungen gegenüber der vorigen Auflage, ohne daß die dahinter stehenden Überlegungen dem Benutzer deutlich würden. hinterdrein laufen kann neuerdings auch getrennt geschrieben werden; aber man muß sich geradezu wundern, daß es überhaupt wie hinterherlaufen zusammengeschrieben werden darf, denn nur hinterher steht in der geschlossenen Liste von § 34 (1). (Übrigens muß es mit sein wieder getrennt geschrieben werden, also hinterher sein! Auch dies gehört zu den vielgerühmten „Vereinfachungen“.) Bei dafürkönnen hatte der Duden 1996 Getrenntschreibung vorgeschrieben, der neue läßt auch die Zusammenschreibung wieder zu und fügt noch die Paare dafürhalten/dafür halten, dafürsprechen/dafür sprechen und dafürstehen/dafür stehen hinzu. Natürlich muß man nun zusätzlich lernen, daß es hier einen Spielraum gibt, anderswo aber wieder nicht. Nach dem alten Duden konnte man den Oberkörper frei machen oder ein paar Tage (und natürlich auch einen Brief) freimachen. 1996 legte der Reformduden fest: auch der Oberkörper wird freigemacht. Die neue Ausgabe kehrt genau zur alten Regelung zurück und macht wenigstens an dieser Stelle jeglichen Rotdruck rückgängig. wachhalten kann neuerdings wieder zusammengeschrieben werden, mit der schwer deutbaren Unterscheidung „jemanden wach halten, auch wachhalten; Erinnerungen wachhalten, auch wach halten“. Bei wachrufen, wachrütteln ist aber nur Zusammenschreibung zulässig. warmhalten darf wieder zusammengeschrieben werden, aber nur wenn es um einen Freund geht; das Essen wird, wie im alten Duden, warm gehalten. Bei warmlaufen ist es wieder ein wenig anders: den Motor warm laufen oder warmlaufen lassen, sich selbst warm laufen oder warmlaufen. Auch heißlaufen kann neuerdings getrennt geschrieben werden. Ist das alles nun leichter zu lernen als die alte, ebenso sprachferne Dudenregelung? Was nützt die „Liberalisierung“, wenn sie an von Wort zu Wort wechselnde Bedingungen geknüpft ist, die sich nicht vorhersagen lassen — und von einer Auflage zur nächsten so unterschiedlich festgelegt werden? Dabei beschränke ich mich hier auf die neuen Unklarheiten, zu denen ja noch Tausende von längst bekannten hinzukommen (kleinkriegen, aber klein machen.).

Miss-Stände

Obwohl, recht verstanden, auch nach der herkömmlichen Rechtschreibung Bindestriche fast nach Belieben gesetzt werden konnten, haben die Reformer viel Aufhebens davon gemacht, daß sie nun großzügiger verwendet werden dürfen. Der neue Duden zeigt überraschend viele obligatorische Bindestriche. Substantivierte Infinitive vom Typ das Außerachtlassen sind nicht mehr zulässig, es muß jetzt Außer-Acht-Lassen geschrieben werden. Daher auch „das Nicht-zustande-Kommen, auch Nicht-zu-Stande-Kommen“ (bisher Nichtzustandekommen, so auch noch 1996).

Zur Entzerrung der neuen Buchstabenhäufungen wird bekanntlich der Bindestrich vorgeschlagen, der in reformierten Texten zu so linkischen Gebilden wie Schnell-Lebigkeit führt. Der neue Duden führt an: Brenn-Nessel, Miss-Stand, Miss-Stimmung, Still-Legung, Stoff-Fetzen u. a. - lauter ungeschickte Versuche, aus einer selbstgeschaffenen Kalamität wieder herauszukommen.

Bekanntlich werden jetzt auch nach arabischen Ziffern Bindestriche notwendig, die man bisher mit Recht für überflüssig hielt: 3-mal. (Dabei erweist sich die Lehre vom Bindestrich als lückenhaft, denn der gelegentlich hinzukommende Ersparungsstrich nach Wortresten müßte eigentlich Verdoppelung des Zeichens ergeben: 2-- bis 3-mal; das ist natürlich nicht gemeint.)

Die Regel, wonach bei Ableitungen von mehrteiligen geographischen Namen der Bindestrich weggelassen werden kann (Bad Hersfelder, New Yorker), führt nun auch zu gewöhnungsbedürftigem Costa Ricaner, Puerto Ricaner; die alten Schreibweisen (1996 noch als einzige angeführt) Costaricaner, Puertoricaner sollen jetzt gar nicht mehr zulässig sein.

Zwei Mass Bier und weitere Überraschungen

Völlig neu und sehr überraschend ist die Großschreibung bei heute Früh. Die Kritik hatte darauf hingewiesen, daß es widersinnig ist, in heute abend usw. die Tageszeit anders aufzufassen als in heute früh und daher groß zu schreiben. Diesem Einwand will der Duden nun offenbar zuvorkommen, indem er auch Früh als Substantiv deutet. Allerdings ist die Früh gar nicht durch ein eigenes Stichwort vertreten, sondern kommt nur idiomatisch gebunden unter die Frühe vor: in der Früh. Die Frühe wiederum kommt hier nicht in Betracht: heute Frühe gibt es nicht. Vielleicht erklärt sich daher, daß heute Früh nur fakultativ („auch“) möglich sein soll, anders als all die obligatorischen Großschreibungen der anderen Tageszeiten. Im amtlichen Regelwerk gibt es dazu kein Beispiel.
Der Duden hat es auch versäumt, für Dienstag früh usw. die notwendige Folgerung zu ziehen, daß hier zumindest auch Dienstagfrüh (wie Dienstagabend) vorgesehen werden muß. (Zufällig findet man dieses Versäumnis schon im Mustereintrag auf dem vorderen Einbanddeckel.)

Aus der Neuregel, daß man nach Belieben auch Ja sagen schreiben könne (obwohl der Grund dieser Großschreibung schwer einzusehen ist), hat die Redaktion wahrscheinlich zu Recht gefolgert, daß nun alle Partikeln in diesem Zusammenhang auch groß geschrieben werden dürfen: Hallo rufen, du musst Danke sagen, ich möchte Danke schön sagen, Bitte sagen (aber nicht Bitte schön?), Ja sagen, Ach und Weh schreien, Pieps sagen usw. - In diesem Bereich wartet die Reform bekanntlich mit vielen unvorhersagbaren Neuschreibungen auf, zum Beispiel: aus Schwarz Weiß machen (bisher aus schwarz weiß machen), jenseits von gut und böse (bisher jenseits von Gut und Böse). Was damit leichter werden soll, ist unerfindlich.

Die Schreibweise Justizium („Gerichtsstillstand“) mit z wegen Justiz ist absurd, weil darin -stitium (zu lat. stare) steckt, ebenso wie in Solstitium.

Der vielbelachte Spinnefeind ist wieder gestrichen, aber das grammatisch ebenso falsche jemandem Todfeind sein ist hinzugekommen, weil die Reformer um Gerhard Augst nicht zugeben wollen, daß sie sich mit jdm. Feind/Freund sein geirrt haben.
leicht behindert fehlt immer noch, obwohl es im amtlichen Wörterverzeichnis ausdrücklich angeführt ist. Neu hinzugekommen ist rein weiß. Beim Paukenschlägel (bisher Paukenschlegel) ist jetzt nur die Umlautschreibung zulässig, ganz gleich, wie mancher es aussprechen mag. (Dabei ist die Unterscheidung von langem ä und e durchaus noch standardgemäß.) - Zu lang gestreckt: Hier muß auch Zusammenschreibung vorgesehen werden, denn das Adjektiv wird als ganzes gesteigert: Er erscheint noch langgestreckter als die vorher besprochenen Arten (Grzimek Bd. 5, S. 169); die kleinste Art ist etwas langgestreckter (ebd. S. 263).
„Maß, bes. bayr. auch Mass; 2 Mass Bier“: Hier bekommen die süddeutschen Kritiker also doch noch recht. Allerdings fragt man sich sogleich, warum andere Regionen vernachlässigt werden. Wären nicht Spass, Fussball, ja auch Glass ebenso zu berücksichtigen?

Die Neuschreibung Kreme aus dem amtlichen Wörterverzeichnis hatte der Duden 1996 einfach vergessen, jetzt ist sie überall nachgetragen, auch in Butterkreme usw.; nur das zugehörige Verb kremen ist nicht angepaßt worden, hier bleibt es bei cremen, während einkremen schon im alten Duden stand.

Das amtliche Regelwerk ist so unübersichtlich, daß sogar der Mitverfasser Klaus Heller überrascht war, als ich ihn darauf hinwies, daß nach § 55 (4) nochmal nur noch zusammengeschrieben zulässig ist. Im ersten Reformduden war der Eintrag glatt übersehen, es gab nur noch mal, wie im alten Duden. Jetzt soll es auch nochmal geben, aber die amtliche Regelung läßt diesen Ausweg nicht zu. Übrigens fehlt im Kasten zu Mal ausgerechnet jedes Mal, obwohl doch die Beseitigung des Wortes jedesmal ein besonders auffälliger Eingriff in den deutschen Wortschatz ist.

Modernjazz ist nicht die alte und Modern Jazz nicht die neue Schreibung, sondern es verhält sich gerade umgekehrt. 1996 war das noch richtig dargestellt. Daß hierlassen usw. bisher nur zusammengeschrieben wurde, stimmt so nicht; vgl. Duden 1991 s. v. hier und da. Falsch ist auch die Angabe, bisher habe es nur festgeschnürt gegeben. Es soll übrigens jetzt heißen ein festgeknotetes Seil, aber eine fest geschnürte Schlinge. Kein geringes Lernproblem! Saucenlöffel, Saucenschüssel standen zufällig nicht im alten Duden, wohl aber Sauce; die Zusammensetzungen waren also auch bisher möglich, der Rotdruck ist nicht gerechtfertigt.

Der Armesünder ist weiterhin unzulänglich dargestellt. Der Duden bemüht sich, die absurde Neuregelung plausibel vorzuführen, doch die Angabe, bei Flexion des Erstgliedes werde getrennt geschrieben, ist nicht richtig exemplifiziert. Denn die Beispiele lassen die Flexion erst mit dem Genitiv beginnen, so daß man meinen könnte, der arme Sünder sei unzulässig. Die vorgeführte Reihe lautet absurderweise: der Armesünder, des armen Sünders usw. gegenüber der Armesünder, des Armesünders usw.

Zu Hämorroiden wird in der Ausgabe von 1996 richtig gesagt, daß es eine eingedeutschte Variante Hämorriden gibt; es ist allerdings keine Schreibvariante, sondern die Schreibung folgt der anderen Aussprache. In der Neuausgabe werden beide Formen als bloße Schreibvarianten angeführt; das ist deutlich schlechter.

Mit Befriedigung nehmen wir zur Kenntnis, daß entgegen dem amtlichen Wörterverzeichnis nun klein geschrieben wird: das ist mir wurst/wurscht; denn man sagt ja auch wie wurscht mir das ist usw. - ein deutlicher Hinweis auf Entsubstantivierung. Leider bleibt es bei falschem so Leid es mir tut, wie Recht du doch hattest usw.; auch Pleite gehen wäre endlich zu korrigieren. Im Dezember 1997 war die Kommission dazu bereit, aber die Kultusminister untersagten bekanntlich jede Korrektur; sogar offensichtliche Versehen blieben im Regelwerk stehen, und so trat es dann in Kraft.

Pars pro Toto

Die Fremdwortschreibung ist durch die Neuregelung deutlich erschwert. Bisher galt die einfache Regel, daß in mehrteiligen Fremdwörtern alle Bestandteile außer dem ersten klein geschrieben werden: Dolce vita, Ultima ratio usw. (Nur für das Englische gab und gibt es Sonderregelungen.) Neuerdings muß man die Wortart aller Teile kennen, damit man die Substantive groß schreiben kann. Hier hatten alle reformierten Wörterbücher, besonders das von Bertelsmann, nur sehr lückenhaft umgestellt. Der neue Duden repariert nun die vergleichsweise wenigen Fehler der ersten Ausgabe: Aide-Mémoire, Nomen Acti (ebenso Actionis, Agentis, Instrumenti), Pars pro Toto.

Das Französische scheint hier besondere Schwierigkeiten zu bereiten, die es bisher nicht gab: Dem Agent provocateur wird der Agent Provocateur zur Seite gestellt, dem Chapeau claque der Chapeau Claque.

Fachsprache

Die Fachsprachen sollen von der Reform nicht betroffen sein — eine verständliche Vorsichtsmaßnahme der Reformer, weil sie keinen Widerstand von seiten der Wissenschaften heraufbeschwören wollten. Natürlich wußten sie, daß auf die Dauer kein Bereich der Sprache verschont bleiben würde. Immerhin sollte vorläufig Ruhe herrschen. Dieses Hintertürchen hat die Dudenredaktion schon im „Praxisduden“ genutzt. Der neue Duden stellt nun blindfliegen, blindschreiben und blindspielen wieder her. Allerdings wäre auf diesem Wege noch manche Härte zu vermeiden gewesen. Niemand hat je Fonetik, Fonem usw. geschrieben, erst recht nicht wäre es nötig gewesen, die Antiphon der Kirchensprache in Antifon umzuwandeln. (Und das Kolophonium in Kolofonium zu ändern ist erst recht unangebracht, weil darin nicht der Stamm phon, sondern der Name der Stadt Kolophon zu erkennen ist. )

Auf vielfache Vorhaltungen hat sich die Dudenredaktion dazu durchgerungen, wenigstens die Not leidenden Kredite wieder in notleidende umzuwandeln; das wird als „fachsprachlich“ gerechtfertigt. Die Bevölkerung bleibt jedoch ganz unfachlich Not leidend.

Ohne ausdrücklichen Bezug auf die Fachsprache werden die sportspezifischen Ausdrücke halblinks und halbrechts (spielen) wiederhergestellt, die Getrenntschreibungen nur noch als Varianten geduldet. Der traditionelle Unterschied (halb links = 'ein wenig links', halblinks = 'auf der halblinken Position') ist aufgehoben, kaum zum Vorteil der Sprache, und für den Lerner ist die punktuelle Beliebigkeit auch kein Gewinn.

Odreieck

Gleich nach ihrem Erscheinen war die erste Auflage des Reformdudens den Vorwürfen der Bertelsmannfraktion ausgesetzt, nicht alle zulässigen Trennungen seien angeführt (sie waren es übrigens seinerzeit auch im Bertelsmann-Wörterbuch nicht). In weiteren Bänden, vor allem im „Praxiswörterbuch“ und nun in der Neuauflage der Rechtschreibung tritt der Dudenverlag die Flucht nach vorn an und gibt auch die absurdesten Trennungen ohne jede Differenzierung an. Das ist nicht im Sinne des Benutzers, der ja nicht die banausenhaften Trennungen vorzufinden hofft, die er sich selbst ausdenken kann und mit denen er sich möglicherweise lächerlich macht, sondern die besseren, sprachgerechten; sonst würde er nicht nachschlagen. Es hätte nahegelegen, nur die guten Trennungen anzuführen und auf die schlechteren nur pauschal zu verweisen. Die amtliche Regelung sieht eine solche Abstufung zwar nicht vor, schließt sie aber auch nicht aus. Dazu einige Beispiele:

Zu Deng Xi-ao Ping usw: Man sollte hier doch wohl, wie es auch in der Aussprache angedeutet ist, die chinesische Einsilbigkeit solcher Wörter berücksichtigen und auf eine Trennung verzichten.

Es folgt eine kleine Auswahl von Trennungen:

A-bitur (aber Consilium Ab-eundi!), a-däquat, ap-ropos, Audi-ovision, Ausgehu-niform, Bassa-rie, Bibli-ograf, Bleia-sche, Cro-margan, De-oroller, Di-alog, Diag-nose (auch Prog-nose, aber nur Dia-gramm, Pro-gramm), Du-odenum, Esse-cke, Fide-ikommiss, ge-ozentrisch, Ge-ograph, Ge-odreieck, Harvardu-niversität (aber nur Lomonossow-universität), I-nundation, Koloni-akübel, Kont-rast (aber nur Kon-trakt), Kont-rolle, Kore-akrieg, Malu-tensilien, Parak-let (aber nur Para-klase), Subs-kribent, Subs-tanz (aber nur Sub-stantiv)

Die Dudenredaktion gibt durch ihre eigene Praxis zu erkennen, daß sie die Trennung ei-nander für die bessere hält, denn selbst dort, wo ein-ander eine bessere Zeilenfüllung ergäbe, trennt sie ei-nander und nimmt dafür mehr leeren Raum am Zeilenende in Kauf (zum Beispiel s. v. Spagatprofessor). Ebenso bevorzugt die Redaktion die Trennung Res-pekt.

In der Ausgabe von 1996 hatte die Dudenredaktion nur die Neutrennungen hi-nab usw. ausdrücklich vorgeführt, auf die klassische Trennung wurde durch pauschale Angabe einer Paragraphennummer verwiesen. Diese Bevorzugung der „Trennung nach Sprechsilben“ ist jetzt aufgegeben, alle Trennstellen sind gleichberechtigt vorgeführt, also hi-n-ab usw. Ebenso in zahllosen Fällen. Nur aus dem Regelverweis, d. h. durch zusätzliches Nachschlagen, konnte man 1996 allenfalls herausfinden, daß Diok-letian vielleicht auch noch etwas sinnvoller getrennt werden könnte. Der neue Duden führt die Trennung Dio-kletian immerhin gleichberechtigt vor; ihre Überlegenheit wird aber mit keiner Silbe angedeutet.

Im Anschluß an eine Vorlage zur „Mannheimer Anhörung“ werden nun tatsächlich die neuen Trennungen Po-wer und To-wer eingeführt, und bei den Telto-wer (!) Rübchen soll die bisherige Trennung gar nicht mehr möglich sein. - Bei Chewinggum (einem ganz ungebräuchlichen Wort, das aber im amtlichen Wörterverzeichnis steht, weil es der Duden mitschleppte) und einigen anderen Einträgen sind bewährte Trennstellen fälschlicherweise als neu gekennzeichnet.

Aussprache

Die Behandlung der Aussprache im Duden ist nicht erst heute ein Ärgernis. Wir finden nun:

Change (Geldwechsel) [tschehntsch], Update [apdeht], Mainstream [mehnstrihm] usw. (aber nicht konsequent! vgl. Edutainment [edjutein...], aber wiederum Entertainer [...tehner]); Handout [häntaut, 1996 noch händaut] (ich transkribiere hier aus technischen Gründen in Normalschrift).

Die vulgärstmögliche Aussprache bei vielen Fremdwörtern ist gerade beim Englischen widersinnig und unterläuft die Bildungswirklichkeit mit dem obligatorischen Englischunterricht in allen Schulen. Es ist auch nicht so, daß damit der allgemein übliche Aussprache-Standard korrekt wiedergegeben wäre. Gerade der verhältnismäßig gebildete Benutzerkreis des Dudens führt keineswegs überall die Auslautverhärtung durch und spricht auch sonst etwas gepflegter.

Sowohl mit der Silbentrennung als auch mit der Aussprache zeigt die Dudenredaktion, daß sie sich weder den Benutzern noch der Sprachkultur verpflichtet fühlt, sondern allein den Kultusministern, die es gegen jede Kritik abzuschirmen gilt. Wie radikal diese Willfährigkeit geht, zeigt nichts deutlicher als die Tatsache, daß aus allen Publikationen des Verlagskonzerns (Langenscheidt, Brockhaus, Meyer, Bibliographisches Institut, Duden) im Zuge der Reform das deutsche Wort selbständig entfernt und dafür das wenig gebräuchliche, einigermaßen kakophone selbstständig eingesetzt worden ist. Gerade weil dieser Wechsel im Grunde gar nichts mit Orthographie zu tun hat, ist er so bezeichnend für den neuen Ungeist.

Wie viele Regeln?

Obwohl die Neuregelung, wie man auf den ersten Blick sieht, wesentlich umfangreicher ist als der Regelteil im alten Duden, arbeitete die Reformpropaganda von Anfang an mit dem Argument, die Zahl der Regeln würde reduziert. Auch der damalige Vorsitzende der KMK, Rolf Wernstedt, behauptete noch im Herbst 1997, die 212 Dudenregeln seien auf 112 reduziert worden. Die falschen Zahlen stehen schon in den „Informationen“ der KMK vom 1.12.1995, gehören also wohl zu den Voraussetzungen, von denen die Kultusminister bei ihrem Reformbeschluß ausgingen. Ebendort findet sich auch die Behauptung, 52 Kommaregeln würden auf 9 reduziert. (In Wirklichkeit umfassen die unerhört komplizierten neuen Kommaregeln zehn DIN-A4-Seiten, genau wie die alten.

Der Leiter der Dudenredaktion hat mit Recht darauf hingewiesen, daß die mit R 1 bis R 212 gekennzeichneten „Richtlinien“ des Duden noch nicht die Regeln, sondern bloße Adressen waren, unter denen man die eigentlichen Regeln fand. Das ist mit den „Paragraphen“ der Neuregelung und den „Kennziffern“ des neuesten Duden nicht anders. Dennoch ist es aufschlußreich, auch das bloße Spiel mit den Zahlen etwas genauer zu betrachten.

Von den 212 alten Dudenrichtlinien behandelten nur 180 orthographische Fragen, und auch davon waren neun bloße Zusammenfassungen, so daß es in Wirklichkeit 171 orthographische Richtlinien gab. 37 davon bezogen sich auf das Komma. In einer internen Anweisung der Dudenleitung an die Mitarbeiter hieß es 1996:

„Neuregelung: Das amtliche Regelwerk ist in 112 Hauptregeln gegliedert.

Umsetzung: Die Dudenrichtlinien werden auch künftig Hinweise enthalten, die über den rein orthographischen Bereich hinausgehen. Durch Neustrukturierung und vor allem durch Zusammenfassung einzelner Regeln und Regelbereiche wird die Zahl der Richtlinien von 212 auf 136 gesenkt.

Begründung: Die inhaltlich falsche, aber politisch wirksame Formel 'aus 212 mach 112' muß auch im Duden ihren angemessenen Ausdruck finden.“

Die Dudenredaktion bekannte sich also zur Mitwirkung an einem Täuschungsmanöver, das die Reformer, vor allem aber die Kultusminister in großem Stil inszeniert haben. Im ersten Reformduden von 1996 war folglich die gesamte Regelungsmaterie (einschließlich grammatischer Fragen, wie im Duden üblich) auf nur 136 Richtlinien verteilt, bei ungefähr gleichem Umfang. Auf das Komma bezogen sich 25 Richtlinien. Die Neuauflage gibt den billigen Zähltrick auf. Es werden nun ausschließlich orthographische Regeln angeführt, und die Zahl der Kennziffern beträgt 169, was fast genau wieder auf die 171 Richtlinien des alten Duden hinausläuft; die „9 Kommaregeln“ sind auf 32 Kennziffern mit zahlreichen Unterpunkten verteilt.

Welche weiteren Änderungen sind zu erwarten?

•Die Großschreibungen Leid tun, Recht haben, Pleite gehen, Bankrott gehen müssen zurückgenommen werden, da sie grammatisch falsch sind.

•Zu den Steigerungsformen wie zufriedenstellender usw. muß auch der Positiv zufriedenstellend usw. wiedereingeführt werden, womit alles wieder beim alten wäre.

•Ebenso gehört zur Substantivierung zusammengesetzter Adjektive (Leidtragender, Diensthabender) selbstverständlich eine ebenso zusammengesetzte Grundform (leidtragend, diensthabend).

•Wenn es blutbildend, krebserregend usw. wieder gibt, ist nicht einzusehen, warum es eisenverarbeitend, fleischfressend und zahllose andere Ausdrücke dieser Art nicht geben sollte; sie werden gewiß bald wiederhergestellt.

•Die willkürlich verfügte Getrenntschreibung bei auseinander setzen, wieder herrichten usw. wird zurückgenommen.

•Die Getrenntschreibung von so genannt wird zurückgenommen werden; sie ist wahrscheinlich eine unbeabsichtigte Folge von § 36, denn die Schweizer Mitverfasser des Regelwerks, Gallmann und Sitta, wußten in ihrem Kommentar aus dem Jahre 1996 noch nichts davon.

•Die Weglaßbarkeit vieler Kommas ist außerhalb der Schule nirgendwo akzeptiert und beispielsweise von den Nachrichtenagenturen und Zeitungen ausdrücklich zurückgewiesen worden. Auch in nochmals überarbeitete Schulbücher werden die weggestrichenen Kommas schon wieder eingesetzt. Man sollte diesen Teil der Neuregelung streichen.

•Die Volksetymologien (Zierrat, einbläuen, Tollpatsch) wenigstens nicht mehr obligatorisch vorzuschreiben war schon 1997 vorgesehen; das dürfte bald kommen.

Einfacher und billiger als fortwährende Reparaturen wäre es, die „alte“, in Wirklichkeit modernere Orthographie wieder in ihre Rechte einzusetzen — natürlich ohne die alte Privilegierung des Duden mit seinen in der Tat kritikwürdigen Haarspaltereien.

 

 
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