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Die Sprache dem Markt überlassen?

Kritische Anmerkungen einer Schriftstellerin und Aufruf zur Sprachpflege

Essay von Verena Raupach

Heute möchte ich mich in die leidige „Engleutsch“-Debatte einschalten; und zwar deshalb, weil ich als Autorin ein besonderes Interesse an meinem „Arbeitsmaterial Sprache“ habe. Ich sah neulich im Fernsehen (3sat) eine Debatte, in der es just um diese Frage ging. Auslöser der Diskussion war die Stellungnahme des Berliner Innensenators Werthebach, der sich ja bekanntlich gegen die grassierende Sprachverhunzung ausgesprochen hatte. Diskussionsleiterin war Nina Ruge. Ein Vertreter der Werbeindustrie meinte, daß nur deshalb so viele Anglismen verwendet würden, weil Menschen jenseits der 50 als Konsumenten nicht mehr interessant seien. Existent seien vielmehr Leute zwischen zwanzig und fünfzig Jahren, die auf diese Werbetexte vermehrt ansprächen. Sollte sich dereinst herausstellen, daß es mit diesen „coolen“ Texten nichts mehr zu verdienen gäbe, würde die Werbewirtschaft von selbst zum Deutschen zurückkehren. Man solle also dem „Markt“ die Regulierung überlassen.

Damit hat sich ein Problem herausgeschält, das es in dieser Form in der Geschichte unserer Sprache noch nicht gegeben hat. Zwar bekräftigen „liberale“ Zeitgenossen immer wieder, daß die deutsche Sprache viele Fremdwörter verdaut habe. Unter anderem weisen sie auf das Französische hin, das als Salon- und Besatzungssprache, als Sprache der hugenottischen Einwanderer viel Einfluß auf das Deutsche genommen habe; alles richtig: Doch noch nie ist so unverblümt und kaltschnäuzig die Sprache Mitteleuropas zum Zwecke des Geldverdienens vergewaltigt worden, noch nie wollte man mit Sprachverhunzung Gewinne machen!

Mit der Übernahme des Französischen durch den Adel wollte er, dumm genug, zunächst den Hof von Versailles nachahmen, sich einen „vornehmen“ Anstrich geben, sich vom gemeinen Bürger absetzen, indem er das gekünstelte und näselnde Hoffranzösisch vorzog, doch Geld verdienen wollte er damit nicht! Das aber will die Industrie heute und vergißt dabei in ihrem Globalisierungsrausch, daß Menschen um die 50 herum noch etwa dreißig Jahre zu leben haben, daß sie über viel Geld zum Ausgeben verfügen und, jung und neugierig geblieben, am Leben „draußen“ teilnehmen möchten. Die Werbebranche stellt also eine ganze Bevölkerungsgruppe rüde an den Pranger, nur weil sie reifer ist und infolgedessen den Versprechungen der ewig jugendlichen Modelle skeptisch gegenübersteht, und wendet sich mit einem Kauderwelsch an die jungen Leute, von denen sie annimmt, daß diese die Sprachscheußlichkeiten schätzten und auf die primitiven Werbeattacken hereinfielen.

Weit gefehlt! Auch die Jüngeren können mit dieser windigen Argumentation gar nichts anfangen! Viele verstehen kein Englisch, allenfalls ein wenig Schulenglisch, von den Texten der „Rapper“ ganz zu schweigen. Sie sind also, laut Umfragen, mehrheitlich gegen die Sprachzerstörung durch die Werbewirtschaft!

Viele wagen aber nicht aufzumucken, um ihre mangelnden Sprachkenntnisse nicht enttarnen zu müssen. Sie tun als ob, weil sie weltoffen und modern sein möchten. Das ficht die Industrie aber nicht an, gegen den erklärten Willen der Bevölkerung. In häßlicher diktatorischer Manier versucht sie, sich einen internationalen Anstrich zu geben, und vergißt dabei, daß sie die Konsumenten nur verärgert.

Was könnte zum Beispiel die Computer-Branche an Kundschaft gewinnen, übersetzte sie ihre fürchterlichen Fachbegriffe in griffige deutsche Ausdrücke! Gerade auch die nicht mehr ganz jungen Menschen wollen ins Netz, wollen mitreden können, wollen „am Ball“ bleiben, trauen sich aber nicht, weil sie das PC-Chinesisch nicht nur abscheulich finden, sondern es auch nicht verstehen! Wer von ihnen hat schon den Nerv, sich mit einem Englisch-Wörterbuch neben seinen Rechner zu setzen?

Der neue Kulturminister Nida-Rümelin verstieg sich sogar zu der Aussage, daß man die deutsche Sprache nicht zu pflegen brauche, denn das sei ein Zeichen mangelnden Selbstbewußtseins. So etwas Dummes habe ich lange nicht gelesen, als ob die Pflege an sich ein Zeichen von Schwäche wäre!

Wenn die Katze ihr Fell pflegt, tut sie das nicht aus mangelndem Selbstbewußtsein, sondern aus Vernunft. Fellpflege ist ein vernünftiger Mechanismus der Natur zur Gesunderhaltung und zur sozialen Pflege innerhalb einer Gruppe (zum Beispiel Schimpansen). Wenn eine Stadt ihre Straßen reinigt und pflegt, dann tut sie das, um Seuchen abzuwenden, ihr Erscheinungsbild angenehm zu präsentieren und den Bürgern ein Gefühl der Solidarität mit ihrem Gemeinwesen zu vermitteln. Es wäre eher ein Zeichen mangelhaften Selbstbewußtseins, täte sie das nicht!

Deshalb hat jeder Mensch Anspruch auf die Pflege und Erhaltung seiner Muttersprache, jede auch noch so kleine Sprache, jede Regionalsprache wie beispielsweise das Ladinische oder Baskische, muß im Interesse der gesamten Menschheit bewahrt werden, denn sie gibt dem Menschen Identität, Sicherheit und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, von den kulturellen Vorteilen ganz zu schweigen.

Auch unsere Sprache hat „Fellpflege“ verdient, ohne jedoch in verkrampften Purismus zu verfallen. Neuzugänge haben einer Sprache immer gut getan, haben sie flexibel und geschmeidig gemacht und sie vor Verkarstung bewahrt. Nicht zuletzt deswegen ist die deutsche Sprache so enorm vielseitig, farbig und kraftvoll! Sie eignet sich vorzüglich dazu, fast alles auszudrücken. Doch sollte man gerade deswegen darum bemüht sein, dieser entsetzlichen Sprachverhunzung ein Ende zu setzen, denn so gezielt und niederträchtig ist dem Deutschen noch nie, in seiner ganzen Geschichte nicht, zu Leibe gerückt worden. Das hat die Sprache Martin Luthers, Goethes, Hölderlins, Heines, Musils und Canettis nicht verdient. Letzterer singt in seinen Lebenserinnerungen immer wieder das hohe Lied der deutschen Sprache, obwohl seine Muttersprache Spanisch war.

Dennoch ist mir um unsere Sprache nicht bange, sie wird die Kraft und Widerstandsfähigkeit haben, die harschen Attacken der „Werbe- und Computerfuzzis“ zu überstehen, wenn, ja wenn man sich endlich dazu aufraffte, ihr eine kluge Pflege angedeihen zu lassen und wenn, was Gott beschleunigen möge, diese Geldfetischisten endlich älter als fünfzig Jahre sind!

 

 
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