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Verleihung des Konrad-Duden-Preises 2001 im Schloß Mannheim
„Aha, die Rechtschreibreformgegner sind wieder aktiv!“

Von unserem zur Preisverleihung entsandten Korrespondenten Jürgen Langhans, Karlsruhe

Hans-Werner Eroms, Professor für Germanistik an der Universität Passau, erhielt für seine wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet des Sprachgebrauchs in der Politik und im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung den mit 12.500 Euro dotierten Konrad-Duden-Preis 2001. Der Preis, gestiftet von der Stadt Mannheim und dem Verlag Mannheimer Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, wird alle zwei Jahre im Rahmen der Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) vergeben. Mit diesem Preis werden Germanisten geehrt, deren Forschungen auch öffentliche Wirkung entfalten. Die Festrede hielt im Beisein des Urenkels von Konrad Duden der Preisträger des Jahres 1999, Professor Siegfried Grosse, Ruhruniversität Bochum.

In seinem Festvortrag "Klammer und K-Frage: Konstanten und Kurzläufer in der deutschen Sprache" ging Eroms zu Beginn auf das deutsch-englische Mischvokabular ein. Es seien nur "ganz wenige Bereiche ..., in denen englische Ausdrücke verwendet werden; unsere alltägliche Sprache wie die Sprache der Dichtung sind weitgehend frei von Anglizismen. Es sind im Grunde nur ganz bestimmte Fachsprachen wie die der Computertechnik und der Werbung, deren Einfluß ich jedoch nicht verharmlosen möchte. Und wir sollten vielleicht darauf achten, daß sie nicht zu sehr auf andere Bereiche übergreifen."

Die heute dominierende Spaßgesellschaft stelle die Bildung hinten an, kommentiert Eroms das beschämende Abschneiden deutscher Schüler beim Leseverständnis, einem Thema der Pisa-Studie. "Als Vorbereitung auf die nächste Pisa-Studie sollten wir auf ein waches und bewußtes Formulieren achten, in den Medien, in der Schule und bei uns selbst." Eroms kritisiert die unzureichende Betreuung in Schulen und im Elternhaus.

In seinen Ausführungen zum kontrovers diskutieren Thema der Rechtschreibreform gibt sich der weltweit anerkannte Germanist überaus diplomatisch. Als Ausweg aus dem heutigen Mißstand sieht Eroms hauptsächlich den Konsens. "Es kann aber nur einen Mittelweg geben, der behutsam die Fäden aufnimmt, keine Maschen fallen läßt, d. h. alles berücksichtigt und vielleicht neu verknüpft, wie es im Großen und Ganzen ja auch geschehen ist ... Das Risiko von Ländersonderwegen, wie es sich ja bei der Rechtschreibreform gezeigt hat, muß dabei wohl in Kauf genommen werden. Aber natürlich nur so weit, daß schließlich ein Konsens gesucht wird, wie es auch geschehen ist." Eroms sieht drei Faktoren, die die Debatte um die Rechtschreibreform interessant machen:

(1) Von der Rechtschreibung und ihrer Reform seien alle betroffen, jeder und jede fühle sich aufgerufen mitzudiskutieren.

(2) Die Debatte werde öffentlich ausgetragen. "Waren es zunächst Berichte, Kommentare und Leserbriefe vor allem in den Printmedien, so ist es jetzt das Internet, wo sich das manifestiert."

(3) Fast alle, die sich äußern, hätten Patentrezepte anzubieten.

Tatsache dürfte sein, daß das Internet eher ein Ausweich-Medium für reformkritische Texte darstellt, seit dem die Printmedien mit der Umstellung auf den Neuschrieb kritische Leserbriefe boykottieren.

Eroms beklagte die "Besserwisserei der Fachleute" in der Rechtschreibdiskussion: "In der Sprachwissenschaft war die Auffassung sehr verbreitet gewesen, daß Rechtschreibung eigentlich kein Thema sei, mit dem sich eine theoriebezogene Wissenschaftsdisziplin befassen müßte. Das sei allenfalls ein Schulproblem, ein Bereich, in dem nur durch geschicktes Einüben die Beherrschung der Regeln mechanisch und automatisch durchgeführt werden müsse. Weit gefehlt – erst beim Debattieren über die Eingriffe in den Regelbestand zeigte sich, wie kompliziert die Rechtschreibregeln im Grunde sind: Sie gehorchen im Deutschen einer Vielzahl von Prinzipien."

Vor allem sei es das sogenannte Stammprinzip, mit dem die Wörter einen konstanten grafischen Ausdruck bekommen, indem man etwa "Hand" nicht mit "t", wie man es spricht, sondern mit "d" schreibt, weil es "Hände" heißt, und dieses Wort nun wieder nicht mit "e", sondern mit "ä", weil es eben "Hand" heißt. "Dieses Prinzip bildet sich seit dem späten Mittelhochdeutschen aus und ist ein Faktum der deutschen Sprachgeschichte, an dem auch niemand etwas ändern will."

Die Schwierigkeit, eine alte oder neue Rechtschreibregel zu verstehen, merke man im Grunde erst, wenn man sich selber bei Verstößen ertappt. "Bekanntlich ist beschlossen worden, jetzt "belämmert" mit "ä" statt "e" und "einbläuen" mit "äu" statt "eu" zu schreiben, um diese Wörter an ihre Wortverwandten anzuschließen, damit auch sie dem Stammprinzip Genüge tun und besser zu lernen wären. Hier merkt der Sprachhistoriker auf: "Belämmert" hat ursprünglich nichts mit "Lamm" zu tun ... Darf man hier dem Trend der Schreibung in der Bevölkerung nachgeben? Muß man nicht die sprachgeschichtliche Richtigkeit zur Geltung bringen? Oder ist nicht auch die Volksetymologie, die sich in hunderten und, wenn man unseren Namenschatz dazurechnet, in tausenden von Wörtern bemerkbar macht, eine sprachliche Regel und keine Fehlerhaftigkeit? Natürlich ist sie das."

Danach referierte Eroms über "Kurzläufer" und "Eintagsfliegen". Kurzwörter werden erfunden, sie sind eine Art Blickfang, der plötzlich populär wird. Das von der Journalistin Susanne Höll, Süddeutsche Zeitung, erfundene Wort "K-Frage" habe "wie eine Bombe eingeschlagen". Heute ist die "K-Frage" gelöst, aber das Wort existiert weiter und erfeut sich dabei neuer Bedeutungen: Für den Exschwergewichtsweltmeister Witali Klitschko stellt sich "die K-Frage; K wie Karriere". Sandra Maischberger stellt sich selbst die K-Frage: Dies sei "der klassische Konflikt: Kinder oder Karriere", und ein Leserbriefschreiber zur Beschaffung eines teuren Flügels für den Passauer Rathaussaal: "Die K-Frage in allen Köpfen: Klavierqualität kontra Krähwinkel ..." So wuchere das "K" weiter, fuhr Eroms fort. "Aber noch interessanter ist es zu sehen, daß nun schnell auch das "K" durch beliebige andere Buchstaben unseres Alphabets ersetzt wird: "Die D-Frage ist verschoben" (... ob Sebastian Deisler eingesetzt werden soll; Welt am Sonntag, 27.01.02). Aufgabe der Sprachwissenschaft sei es, die formalen Muster solcher Formulierungen zu ermitteln, vergleichbare Ausdrucksweisen zu suchen und sie aus den Strukturgesetzlichkeiten unserer Sprache zu erklären, so Eroms zu diesem Thema.

Die insgesamt sehr festlich und stilvoll angelegte Preisverleihung hatte Zaungäste: Während der gesamten Veranstaltung waren Vertreter des VRS (Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege) anwesend. Die am Haupteingang vom VRS fast vierhundertmal verteilte Flugschrift "Babylonisches Schriftsprachengewirr" fand regen Zuspruch. Daß die anwesenden Vertreter der Rechtschreibreform nicht sehr erfreut über die Flugblätter waren, ist verständlich. Professor Augst nahm "sein" Flugblatt jedoch mit einem freundlichen Dankeschön entgegen: "Aha, der VRS ist wieder mal aktiv!" Professor Wermke reagierte hingegen ziemlich barsch: "Ach, hören Sie doch damit auf. Sie kommen um Jahre zu spät!" Professor Sitta, ehemals Präsident der Arbeitsgruppe Rechtschreibreform der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren und heute Mitglied der Rechtschreibkommission, riß Herrn Peil (VRS) das Flugblatt mit den Worten aus der Hand: "Oh ja, her damit, ich sammle Schwachsinn!"

 

 
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