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Allzeit gesunde Sprache?

Blütenlese von Ansichten über die deutsche Sprache – Buchbesprechung

Jürgen Schiewe: Die Macht der Sprache.
Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. C. H. Beck München 1998. 68 DM.


Von Prof. Theodor Ickler


Sprache wird gewöhnlich erst durch Störungen ihres allzu gewohnten Funktionierens zum Gegenstand der Aufmerksamkeit. Am Anfang der Sprachwissenschaft steht daher neben der philologischen Aufhellung fremdgewordener Ausdrucksweisen die Kritik mißlungener oder anstößiger Rede. Auch der Sprachunterricht forderte stets sein Recht. Erst in jüngster Zeit sind solche praktischen Gesichtspunkte aus einer Wissenschaft ausgeschieden worden, die sich als reine Theorie begreifen möchte.

Jürgen Schiewe meint wie viele andere, diese methodische Enthaltsamkeit aufbrechen zu können. Er hat sich in seiner Dissertation (über die politische Sprachkritik Carl Gustav Jochmanns) und in zahlreichen Aufsätzen mit ausgewählten Kapiteln aus der Geschichte der Sprachkritik befaßt und stellt einiges daraus nun aufs neue zusammen. Das Buch handelt allerdings weder von der Macht der Sprache noch ist es eine Geschichte der Sprachkritik. Es ist vielmehr eine mit umfangreichen Zitaten ausgestattete Blütenlese von Ansichten deutscher Autoren über die Sprache.

Eine Ausnahme von dieser Beschränkung macht nur das erste Kapitel, das die bekannte Diskussion des Platonischen „Kratylos“ über die Richtigkeit der Namen referiert und kommentiert, freilich ohne auf die abgründige Ironie gerade dieses Werkes oder gar auf den Zusammenhang mit den logisch-sprachphilosophischen Hauptwerken (vor allem dem „Sophistes“) einzugehen. Schiewe ist denn auch nicht an philologischer Interpretation interessiert, sondern zieht den Dialog nur zur Einführung in zeichentheoretische Modellvorstellungen heran und verläßt die wahrlich reiche sprachkritische Literatur der Antike sogleich wieder, um zu einer flüchtigen Skizze des mittelalterlichen Nominalismus-Streits überzugehen.

Von da an werden nur noch deutsche Autoren vorgestellt – eine Ausblendung des europäischen Kontextes, die sich aus sachlichen Gründen nicht rechtfertigen läßt und viel provinzieller wirkt als die Köpfe, um die es geht: Leibniz, Herder, Campe, Jochmann und all die anderen. Nach Schiewe kann Sprachkritik sinnvollerweise nur als Kritik des Sprachgebrauchs, nicht aber des Sprachsystems geübt werden, und eben dies soll der Gang durch ihre Geschichte zeigen.

Doch schon der breit dargestellte Übergang von der lateinischen zur deutschen Wissenschaftssprache, dem Schiewe bereits eine frühere Arbeit gewidmet hatte, beruht nicht auf einer Kritik des Sprachgebrauchs, sondern allenfalls auf Gedanken über den Status der Sprachen sowie über die Eignung unterschiedlicher Systeme zur Erfüllung besonderer Aufgaben. Ferner wäre hier die empfindlichste Lücke in Schiewes Darstellung zu nennen: die systemvergleichende Kritik der Sprachen im Anschluß an die bahnbrechende Typologie Humboldts und Schlegels, die eine heftige Diskussion, zum Beispiel über den Rang des Chinesischen, hervorrief, bis Georg von der Gabelentz einem linguistischen Egalitarismus das Wort redete, ohne aber das Thema Sprachbewertung damit endgültig von der Tagesordnung absetzen zu können.

Weder Gabelentz noch das große zusammenfasssende Kapitel „Sprachbewertung“ im fünften Band von Friedrich Kainz´ „Psychologie der Sprache“ scheinen dem Verfasser bekannt zu sein. Beides hätte ihn von der Meinung abbringen können, Sprachsysteme als ganze seien nicht kritisierbar. Schiewe postuliert, daß eine Sprache als System nicht „krank“ sein könne, „Sprachpflege“ daher unmöglich und dieser Begriff völlig aufzugeben sei. Damit setzt er sich über die Tatsache hinweg, daß in der ganzen Welt planmäßig an der Verbesserung (Modernisierung) ganzer Sprachsysteme wie Hindi, Arabisch oder Suahili gearbeitet wird.

Übrigens erkennt der Verfasser gelegentlich durchaus an, daß der Dreißigjährige Krieg die deutsche Sprache „erheblich in Mitleidenschaft gezogen“ habe, so daß die Sprachgesellschaften etwas zu tun bekamen – mit "Spracharbeit", die zweifellos am Sprachsystem ansetzte. Hierher gehört auch ein großer Teil der ausführlich dargestellten Vorschläge von Leibniz. Sogar die gegenwärtige Manipulation am orthographischen System des Deutschen („Rechtschreibreform“) wird von ihren Urhebern mit Recht als "Sprachpflege" ausgegeben und nicht, wie es nach Schiewe sein müßte, unter Sprachkritik subsumiert.

Die Fremdwortdiskussion ist nach Auffassung des Verfassers kein ernstzunehmendes Thema mehr. In Wirklichkeit steht sie, auch in Fachkreisen, unter dem Titel „Anglisierung des Deutschen“ nach dem Abflauen der feministischen Linguistik im Mittelpunkt der heutigen Sprachkritik. In diesem Zusammenhang folgt Schiewe dem vor über dreißig Jahren eingerissenen Brauch, auf Eduard Engel herumzutrampeln, der um die Jahrhundertwende angeblich einen chauvinistischen Purismus vertreten und die nationalsozialistische Volksverhetzung in nicht mehr überbietbarer Weise vorweggenommen habe.

Dieses auf Unkenntnis beruhende Märchen hat Peter von Polenz in die Welt gesetzt, von dem Schiewe sowohl die Belege als auch die Urteile ungeprüft übernimmt. In Wirklichkeit vertrat der polyglotte Kosmopolit Engel genau dieselben aufklärerischen Ideale, die Schiewe an Campe und Jochmann rühmt, und an den Fremdwörtern tadelte er nicht ihre Herkunft, sondern ihre Unverständlichkeit, die unnötigen sozialen Barrieren, die sie errichten, und nicht zuletzt das sprachliche Imponiergehabe.

Engels unübertroffene „Deutsche Stilkunst“ war es auch, aus der Ludwig Reiners alles Wesentliche für seine eigene „Stilkunst“ übernahm, die übrigens kein anderer als Schiewe neu bearbeitet hat. Seine Hauptquelle zu nennen, schien Reiners im Dritten Reich nicht opportun, und dabei blieb es. Von den bekanntesten Autoren werden jeweils die bekanntesten Stellen ausgiebig zitiert. Es fehlen weder Chandos/Hofmannsthals „modrige Pilze“ noch jene Dirne, die Karl Kraus zur Jungfrau gemacht haben will.

Als erste Einführung in bestimmte Arten von Sprachkritik ist all dies wohl brauchbar, doch wäre dem Leser besser gedient, hätte Schiewe sich entschlossen, auf dem Wege des Zitierens noch einen Schritt weiter zu gehen und lediglich eine Textsammlung zu bieten. Was Orwell oder Klemperer gesagt haben, liegt ja offen zutage und braucht nicht breit paraphrasiert und kommentiert zu werden. Seinen eigenen Vornamen führt Schiewe übrigens auf „Gregor“ und dieses wiederum auf „agricola“ zurück; falls dies ein Scherz à la Kratylos sein soll – wo ist die Pointe?

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