Shakespeare,
ein heimlicher katholischer Untergrundkämpfer?
Glosse von Verena Raupach
Gerade haben wir das Goethe-Jahr mit einer Vielzahl neuer Publikationen und Forschungsergebnissen hinter uns, da muß der größte Dramatiker aller Zeiten, William Shakespeare, die Lücke füllen, die uns der größte Dichter der Deutschen hinterlassen hat. Shakespeare, Shakespeare und kein Ende! Hildegard Hammerschmidt-Hummel, Professorin für Anglistik, wartet in ihrem neuen Buch mit der seltsamen These auf, der englische Dramatiker sei in Wahrheit ein katholischer Untergrundkämpfer gewesen.
Das scheint mir harter Tobak zu sein!
Mein erster Gedanke war, ob die Autorin nicht etwa einer Verwechslung anheim gefallen wäre, meinte sie vielleicht den Zeitgenossen des großen Engländers, Christopher Marlowe, der als Agent der Königin, sozusagen im Gewande eines Scheinkatholiken, die böse papistische Gegenseite ausspionieren sollte? Nein, sie meint tatsächlich William Shakespeare, den Sohn des John Shakespeare und seiner Ehefrau Mary, geb. Arden, die erklärtermaßen aus einem katholischen Geschlecht stammte.
So gut, so schön, wenn dem so war, wird unser Dichter wohl nicht so pingelig mit seiner Religionszugehörigkeit gewesen sein, und vielleicht hat er sogar hin und wieder einem armen verblendeten Katholiken Unterschlupf gewährt, Künstler sollen ja bisweilen großzügig sein! Nehmen wir das mal zu seinen Gunsten an, aber ihn deswegen gleich zu einen Untergrundkämpfer zu stempeln? Na, ich weiß nicht!
Nun, da erhebt sich doch zu allererst die Frage, war Shakespeare überhaupt Shakespeare oder etwa, wie uns jüngst allerlei Publikationen glaubhaft versichern wollten, der 17. Earl of Oxford, Edward de Vere? Angeblich sollen Schriftvergleiche und "Geständnisse" eindeutig auf dessen Urheberschaft auf das gewaltige dramatische Werk hinweisen. Stimmt das, dann wäre der wahre Shakespeare, nämlich Edward de Vere, nicht katholischer Untergrundkämpfer gewesen, sondern Mitglied am Hofe der jungfräulichen Königin, Elisabeth I.
Zurück zum richtigen Shakespeare, es ist nichts darüber bekannt, daß er solch geheimer Mission frönte, zwar munkelt man seit den vierziger Jahren darüber, daß er in zartem Alter von 17 bis 19 Jahren in dem katholischen Haushalt eines Alexander Hoghton unter dem Namen "Skakeshaft" zugebracht habe, man brachte eine Kopie der "Hall-Chronik" mit handschriftlichen Vermerken des Dichters damit in Verbindung, doch mehr weiß man schon nicht mehr. Und wenn er es doch war? Na, und? Das tut doch seinem Genie keinen Abbruch und sein Werk neu zu schreiben, brauchen wir deswegen auch nicht!
Ach da fällt mir etwas ein: Da geisterte doch um 1787 herum ein seltsamer Deutscher namens Jean Philippe Möller in Rom herum! Wann kommt ein Germanist auf den schaurig-schönen Gedanken, daß diese konspirative Erscheinung, die sich in Wahrheit Johann Wolfgang Goethe nannte und soeben der Fron einer strengen Dame entflohen war, vielleicht als päpstlicher Geheimagent agierte und auf Geheiß des Stellvertreters Christi die deutsche Künstlerkolonie in der ewigen Stadt ausspionierte!