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Verstehen und verstehen...

Spiel von Marlene Hoberg

Personen: Ein älteres Ehepaar, Emma und Hans. Beide hören zwar nicht mehr hundertprozentig, gestehen dies aber weder sich selbst noch einander ein (von Dritten ganz zu schweigen).
Ort: Der Hausgarten der beiden.
Zeit: Ein sonniger Vormittag.
Szene: Hans steht nachdenklich zwischen den Beeten; Emma kommt in den Garten.

Emma: Na, was hast du denn schon alles gemacht, Mann?
Hans: (blickt auf sie, dann zur Gartentür, verulkend) Ach Emma, es kommen gar keine acht Mann. Zu mir kam gerade nur eine - kleine - Frau.
Emma: Wie, „Die Kur war die reine Schau“? Wenn ich dich etwas frage, und sei es auch nur im Scherz, dann mußt du darauf antworten, Hänschen, genau zu diesem Thema. Sonst kommen wir nicht weiter.
Hans: (sieht sich erstaunt um, dann belustigt - überlegen) Wo kommen siebzig Reiter? Was erzählst du denn da? (nachsichtig) Entweder hast du dich mal wieder ohne deine Brille verguckt - oder (mit gespielter Verwunderung) der gesamte Reiterverein ist unterwegs zu unserem Häuschen. (trocken) Was aber nicht gerade häufig vorkommt.
Emma: (hat die Hauptsache verstanden, belustigt) Eine solche Antwort kann man aber auch nur von dir erwarten!

Hans: (leicht angeödet) Gewiß, gewiß, du bist direkt einmal bei mir im Garten - was aber ebenfalls selten der Fall ist. - (schwärmt) Sieh mal, das ist alles so schön in Blüte.
Emma: (hellwach - interessiert) Sagtest du „Schöne Hüte“?

Hans: (hat verstanden, dunkel - leiernd) Nein, du Tüte! (schaut sich dann von allen Seiten den Rosenstrauch an)
Emma: (stöhnt) Deine Güte, deine Güte! Wie oft willst du die noch loben? Mit dir kommt man auf den Hund!

Hans: (sieht sie empört an) Selbstverständlich ist der Strauch gesund bei meiner Pflege!

Emma: A propos „rege“, was ich noch fragen wollte - (ein Hund bellt laut und anhaltend.(Ärgerlich) Haaach, Kläfferei! Wie immer!
Hans: Was heißt hier: „Nachäfferei wird schlimmer!“? Weil ich den Garten noch nicht lange habe, frage ich eben, was ich wo pflanze und wie ich es pflege. Man muß sich doch informieren. - (entdeckt eine Blume, pflückt und betrachtet sie entzückt) Diese Pracht in der Natur! Wie sagt der Dichter? ...
Emma: (verdattert) Sie fragt den Richter? Weil der Hund ewig bellt? Sag' mal - damit meinst du doch nicht etwa mich???
Hans: Och Emmachen, niemand denkt hier nur an sich. (spinnt den Faden weiter) „Sie werden schöner täglich!"
Emma: (mit lebhaftem Widerspruch) Vonwegen „Döner kläglich"'. Der war doch köstlich. Der war eine Wonne!

Hans: (mitten aus seinen blumengleichen Gedanken gerissen) Eh - da war eine Nonne!
Emma: Wie? - Ach so, du hast schon wieder so viel Regenwasser gesammelt. daß du ganz stolz sagst: „Voll ist meine Tonne“.

Hans: (ironisch) Genau das, Frauchen, sehr fein erfaßt: (zeigt nach oben) Dort ist eine Sonne! - Heute früh sah ich in der Ferne zwei Hasen.
Emma: (sehr einverstanden) Das glaube ich, bei dem Wetter bekommen wir einen herrlichen Rasen.
Hans: (ein wenig verteidigend) Nö, du, das Meiers die Sperlinge vergaßen, kann ich mir nicht vorstellen. Wo sie doch alle anderen Vögel durch den Winter gefüttert haben - Emma, so dumm sind Meiers nicht.
Emma: Meiers Schicht hat damit nichts zu tun, ich sprach soeben von unserem Rasen'
Hans: (erschreckt) Denen wirst du etwas blasen? Etwa den Marsch?
Emma: (ganz feine Dame) Hans, bitte keine Kraftausdrücke.
Hans: (abwinken) Saft kannst du ausdrücken, ja ja. - (peinlich berührt) Du willst sie doch nicht beleidigen?
Emma: (aufgebracht) Gegen niemand werd’ ich mich verteidigen, wo ich doch überhaupt nichts getan habe, so weit kommt es noch! Bei dir piept es wohl!
Hans: Richtig, der Kohl! Der hat keinen Platz, da muß ich noch ein bißchen räumen.
Emma: Ein bißchen träumen? Dazu bist du so irrsinnig früh aufgestanden und hinausgegangen? Und dann: Warum kannst du nur hier im Gärtchen träumen?
Hans: (bestürzt) So? Was denkst du denn, was es ist, ich meine, was fehlt den Bäumen'?
Emma: (bestätigend) In diesem Punkt hast du hundertprozentig recht, daran werde ich auch noch heute etwas ändern - an den Säumen.
Hans: Iwo, was soll dabei schäumen, wenn ich sie zum Beispiel öfter gieße? (sinnend) Beschneiden werd' ich vor allem die Sträucher.
Emma: „Bescheiden wären vor allem die Läucher“ - Schatz, davon gibt es keine Mehrzahl, man sagt nur Lauch und niemals Läucher .
Hans: (indem er einen Spaten zur Hand nimmt, unbeeindruckt) Nun geht's zuerst mal an die Krume!
Emma: Die Blume? Nur eine einzige? Das darf doch nicht wahr sein, wir hatten doch schon so viele andere Arten eingesäht, bevor du deine Rosen...
Hans: (blickt an sich herab) Sind doch in Ordnung, meine Hosen.
Emma: Es gibt also wirklich nur diese, nur die eine?
Hans: (verständnislos) Wer ist diese Urgemeine? Nun, soll egal sein, ich bekämpfe jetzt die Schnecken.
Emma: (guckt in die Nachbargarten) Tatsächlich, jeder Garten hat die Quecken.
Hans: Hör' auf, die Nachbarn zu beschimpfen!
Emma: Wogegen lassen sich die Nachbarn impfen?
Hans: (warnend - ermahnend) Du nanntest sie gerade „Gecken“.
Emma: Wo alle wohl gerade stecken? Das ist ganz klar und einfach: Die Jungen am Arbeitsplatz, unterwegs oder bei den Kindern; und die Alten beim Besorgen, auf Besuch oder wie wir, im trauten Heim.
Hans: Nein, darauf finde ich auch keinen Reim. - Dafür aber das Schädlingsbekämpfungsmittel ! - (holt es triumphierend hoch) Hiermit scheuche ich sie fort von unserem Gemüse!

Emma: „Kommt unsere Süße?“ Das ist eine gute Frage! Ob Sabine mit Sentalein hereinschaut? Ach, unser Enkelchen ist aber wirklich eine Süße!
Hans: Hä? Bei diesem Wetter irrsinnig kalte Füße?
Emma: (zur Seite, streitbar) Danke ebenfalls; und was ich erst durch deine Schwerhörigkeit „im Alter büße“! - (zu Hans) Da ist schon ein Schwarm Fliegen!
Hans: So isses, machen keinen arm, Ziegen, brauchen nur Futter, Wasser und einen sauberen Stall.

Emma: Wie bitte? Nasser machen mit einem sauberen Ball? Hänschen, was hast du dir denn da wieder einfallen lassen?!
Hans: (neugierig) Es geschieht in der Stadt in allen Gassen? Ja, was denn?
Emma: (lachend) Allerdings: es ist nicht zu fassen! – Laß den Unsinn. Die fliegen muß man fangen, das liegt doch auf der Hand.
Hans: Habe ich auch schon oft gedacht: Arbeit am laufenden Band. Aber das macht mir nichts aus, ich tue sie gerne.
Emma: Die Ferne ist mir im Augenblick wurscht, aber eine Frage aus der Nähe: …

Hans: Wie, wenn mich jemand malochen sähe?
Emma: Was ich koche, ist nie zähe, das müßtest du doch langsam wissen. - Was willst du zum Mittagessen?
Hans: Sag' ich auch immer. Nichts vergessen, das ist wichtig.
Emma: Was ich sage, ist immer richtig.
Hans: (genüßlich) Wir haben Borretsch fürs Salätchen.
Emma: (kurz abwehrend) Wo denkst du hin? Wir essen nicht im Städtchen, sondern gemütlich zu Hause.

Hans: (gutmütig) Na schön, wir tun uns gütlich an Brause. – Zu Borretsch. (Einfall) „Ego borago gaudia semper ago".
Emma: (energisch) Claudia Semper ist nicht „im Ago“; was hast du bloß gegen diese Frau?
Hans: (einlenkend - tröstend) Komm, komm, der Tag ist doch nicht mies und grau (legt ihr den Arm um die Schultern) Nach dem Essen machen wir beide ein Schläfchen...
Emma: (lustig - erfreut, legt ihm den Arm um die Mitte) Wenn du mich dein Schäfchen nennst, ist unsere Einigkeit ja kaum noch zu überbieten!
Hans: Oh nein, Nieten waren wir noch nie!
Emma: Ganz recht, das ist das Tüpfelchen auf dem „i“. (Zum Publikum) Gerade im Alter ist das Verständnis füreinander ganz besonders wichtig. Und (ruft mit Hans gleichzeitig, einander zugewandt) Wir zwei verstehen uns, (zu den Zuschauern) was??? (Küßchen beiderseits, engumschlungen winkend ab).

Vorhang!

 

 
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