Deutsche Sprachwelt
Die Sprachzeitung für alle! Die Sprachzeitung für alle! Deutsche Sprachwelt - Gemeinsam erhalten und gestalten
Hauptseite
Wissen
Neueste Ausgabe
Berichte
Archiv
Meinung
Sprachpanscherei
Sprachwahrer
Engleutsch?
Dienste
Spenden
Verweise
Impressum
Kontakt
Berichte


Milchreis oder Sunrise?

Glosse von Peter U. Limberg, Regionalleiter im Verein Deutsche Sprache

Deutsch ist eine schwere Sprache. Mancher hat sich daran schon verhoben, als er sie korrekt in (Schrift-)Bild und Ton anwenden wollte. In diesen modernen Zeiten wird sie allerdings noch ein wenig mehr erschwert durch pseudo-englische Zusätze, die der Doktor ling. keineswegs verordnet hat, sozusagen eine Dosis "Deutsch and more" mit besonderen Nebenwirkungen.

"Affenkult", "Anbiederungswahnsinn", "normale Entwicklung", "Nonsense der Sprachpuristen", "Verhunzung einer Kultursprache", "Niedergang des Sprachempfindens", "oberlehrerhaftes Bevormunden" und viele ähnliche Meinungen florieren derzeit in Deutschland und Österreich. Ein Kulturkampf besonderer Prägung?

Man sagt: "Nein, ist nicht so schlimm, das mit den Anglizismen. Wir müssen abwarten, denn wie sie gekommen sind, werden sie auch zum großen Teil wieder verschwinden."

Gut, wir warten. – – – Wie lange sollen wir warten? Bis zur nächsten und übernächsten und über-übernächsten Auflage des voluminösen Dudens über die deutsche Rechtschreibung (Band 1) - und bis der Fremdwörter-Duden (Band 5) ganz schmalbrüstig ist?

Es wird ja vieles eingedeutscht, was an Anglizismen so hochschwirrt und sich einnistet. Klar, da haben wir Baby, Bike, Computer, Crash, Doku-Soap, Guide, Handy, Link, Shop und Team, immer gleich verbunden mit einer untypischen Mehrzahl-Bildung.

Angleichung gut und schön. Aber gibt es da nicht auch ein besonderes Problem mit der Aussprache? Wie weit geht denn das Eindeutschen? Ein Beispiel: das Zahlwort "Drei". Bei uns wird der Whisky gerne "dry" und der Sekt oft "extra dry" getrunken. "Drei" und "dry" .So prima eingedeutscht ist "dry", daß eine Verwechslung nicht möglich ist? Der Satz "Ich habe drei Eis" könnte bei der Verwendung vom eingedeutschten "dry" auch zu der Annahme führen, "Ich habe trockene Augen" – "I have dry eyes".

Kein gutes Beispiel? Nun, dann nehmen wir den Satz "Wir walken". Was tun wir da? Die jüngere Generation wüßte sofort, daß es sich um sportliches Gehen handelt, die älteren Semester dächten eher an die Zeit ohne Küchenmaschine: "Wir kneten etwas durch". Ebenso gab es bei der Lederverarbeitung eine Walkmühle.

Na ja, aber – – –. Aber was? Noch ein Beispiel gefällig? Nehmen wir das "ea" wie in "Beamter". Die sind allgegenwärtig und werden nirgends "hingebeamt". Nun bürgert sich mehr und mehr die Aussprache von "ie" bei uns ein wie in "Team". Es ist auch nicht einfach zu unterscheiden, wie ich meine Aussprache zu setzen habe, wenn ich z.B. auf "real" stoße. Das gilt ebenso für den Gleichklang von "hier" und "hear".

Kann es sein, daß doch das Sprachempfinden gehörig leidet? Wie ist es klanglich um "Father" und "Faser" bestellt bei zugegebenermaßen nicht deutlicher Aussprache? Das ähnliche Problem hatten wir gerade mit der Aussprache vom "Euro-Pfennig", dem "Cent". Vernünftigerweise hat sich der Bürger für die deutsche Aussprache entschieden und sagt "Zent".

Auch "oo" ist starken Vereinnahmungen unterworfen. "Oooops" für hoppla ist ja so was von schick, und das ist ein lang gezogenes "u". Und noch einmal den Whisky bemüht, den manche gerne "pur" trinken. "Poor" hat sich bei uns für das Armselige etabliert. So "poor" kann manchmal das "Neusprech" sein.

Verwirrnis kann auch "ale" (z.B. male = männlich; sale = (Aus-)Verkauf), und "ail" (z.B. mail = Post; sail = Segel) stiften. Sie haben ein deutsches Aussprache-Pendant. Noch haben wir an einigen Stellen ein Postamt (heute auch McPaper genannt), das mit der Post (kurzes "o") zu tun hat. Es ist bis jetzt noch kein Post Office, vom dem man seine Mail bekommt. "Mail" klingt wie "Mehl". Nichts in Säcken gibt es im Internet bei der "e-mail". Für elektronische Post ist der e-mail-Begriff eine ziemlich feste Sache. Nur, wir stellen fest, da ist nichts eingedeutscht.

Was versteht man denn unter Eindeutschen? Die einfache Übernahme des englischen oder amerikanischen Begriffs mit Beibehaltung der Pluralbildung? Das kann es doch wohl nicht sein. Wenig überzeugend ist auch die aus solchen Wörtern gebildete Tätigkeitsform: "shoppen", "biken", "chatten", "playen". Sie müßten eingedeutscht lauten: "schoppen", "baiken", "tschätten", "pläen". Das aber wäre allem Anschein nach gegen die von uns Deutschen so stark erkämpfte Weltläufigkeit gerichtet.

Bekleidungsgeschäfte und Post stehen auf englischen Größenangaben, auch wenn diese in Deutschland von der englischen Norm stark abweichen. "Small", "medium", "large" und "extra large" stehen auf den Hemdeneinnähern in Abkürzungen wie "s", "m", "l" und "xl" und sollen allgemein verbindliches Normengut darstellen. Die Post im "Freeway-" oder entgeltpflichtigem Paketdienst hat noch "xs" im Angebot. Ein "F" steht allerdings nicht für "Bottle", sondern für die "Flaschenpost". Wie inkonsequent!

Tja, über den täglichen Unfug im deutschen Sprachwunderland mit allen seinen "Service points" gäbe es noch viel zu sagen. Vieles ist schon dazu beanstandet und beklagt worden. Wenn aber von hohen Regierungsstellen, öffentlichen Ämtern und Kommunen ("City of the Euro") der "Sprachmix" aufgegriffen und verwendet wird und uns die Werbeagenturen in einem regelrechten Missionsfeldzug mit anglo-amerikanischer Munition beschießen, stehen wir ziemlich belemmert ohne Deckung da.

Wie kann man sich wehren oder gar zurückschießen?

Wir haben Bildungseinrichtungen wie Schulen, Abendgymnasien, Hochschulen und Lehrinstitute. Diese Einrichtungen sollten vornehmlich ihren Bildungsauftrag ernstnehmen und für ein angemessenes Sprachempfinden eintreten. Verschiedene vergleichende Studien über Schüler in Europa zeigen überdeutlich, auf welchen Stellenplatz die Beliebigkeit – auch im muttersprachlichen Bereich – die deutschen Schüler gebracht hat. Somit sollte der Fundus an deutschsprachigem Bildungsgut genutzt, gepflegt und auch philologisch aufgewertet und als vorbildhaft dargestellt werden.

Ein Umdenkungsprozeß also, der den Anschub von den Bildungseinrichtungen erhalten müßte, hinter den sich auch Behörden, öffentliche Einrichtungen und Kommunen stellen. Eine große Aufgabe. Wer bekommt das heute noch hin? Die ersten Jahre der "Nachwende-Zeit" wären dafür ideal gewesen.

Doch ist es für Bewußtseinsbildung eigentlich nie zu spät. Außerdem haben es heute viele Bürger satt, den Denglisch-Unfug noch länger mitzumachen.

Deshalb: Essen wir erst unseren Milchreis. Dann kann uns auch ein echter Sunrise erfreuen!

 

 
Zurück Nach Oben
© 2000-2010 Verein für Sprachpflege e. V. – Alle Rechte vorbehalten!