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Das Ungeheuer von Well Ness

Über Correct- und andere Nässer – eine unmögliche Geschichte

Von Franz Firla

(erschienen am 20. März 2003 in der 11. Ausgabe der DEUTSCHEN SPRACHWELT auf Seite 9)

Erinnern Sie sich noch an Nessie, das Ungeheuer von Loch Ness? Immer im Sommer waren die Zeitungen voll davon. Angeblich war es dann wieder gesichtet worden. Sogar Fotos hatte es gegeben. Doch allmählich wurde es still und stiller um Nessie. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, verließ das Seegespenst sein schottisches Heimatloch und taucht seither an modischen Allgemeinplätzen auf; überall dort, wo die Leute etwas zu sehen glauben, was es gar nicht gibt.

Das war zuerst bei der politischen Correct Ness, jener ungeheuren Anpassung an alle und jeden, jener Verständigung über dem Boden der Tatsachen, um ja keinem auf die Füße zu treten; schon sehr komisch. Ja, und dann folgte Fit Ness. Die Muckibuden schossen wie Pilze hervor, und Läufermessias Strunz verkündete mit angestrengtem Dauerlächeln die ewige Jugend durch Laufen, Laufen und nochmals Laufen. Das war schon ungeheuer komisch, und wäre Nessie keine schottische Seeschlange, hätte sie sich nicht nur halb totgelacht.

Jetzt sind die Leute allmählich müde und verlangen nach Abwechslung. Sie wollen nicht ewig Gewichte stemmen, sie wollen nicht ewig laufen. So stellt sich die Frage: Gibt es die ewige Jugend nicht auch ohne Anstrengung? Und siehe da: Nessie hat ein Einsehen und zeigt sich nun als vielköpfige Schimäre im Bezirk Well Ness, jenem unwirklichen Gegenstück zur momentanen Ebbe in Kassen und Hirnen (Empty Ness).

„Natürliche Entspannung“ in künstlicher Umgebung; schön teuer – aber dafür ohne Anstrengung; und so vertraut schon vom Wort her. Urdeutsch! Well- wie in Wellpappe und Wellblech, und -ness, nun ja, warum nicht mit ä für Sprudelteichbäder; und warum nicht gleich: Wellnäss für alle! Ich wellnässe, du wellnäßt ... Die Wellnesswelle ist längst an den Stammtischen angekommen, wo man sich nicht mehr „Zum Wohl!“ zuprostet, sondern mit „Well Näss!“ anstößt und sich dabei sowwell (sauwohl) fühlt (Drunken Ness).

Man kann die Sache natürlich auch einmal nüchtern betrachten. Was ist eigentlich Wellness? Bezeichnend war ein Druckfehler in einer Tageszeitung, in der von „Wohlfühlgefühl“ die Rede war. Ungewollt beschreibt dies genau den Sachverhalt: ein nur gefühltes Wohlfühlen, also ein Ersatz für natürliches Wohlgefühl, der – und das ist eingerechnet – ständig unter kostspieliger Anleitung erneuert werden muß.

Und nicht nur das: Eine schier unerschöpfliche Angebotspalette zeigt an, daß nicht daran gedacht ist, den Kunden jemals in ein durch vernünftige Lebensführung kostenarm erreichtes Wohlbefinden zu entlassen: Akupunktur, Ayurveda, Hamam, Reiki, Shiatsu, Thalasso heißen nur einige der ebenso wohlklingenden wie umsatzträchtigen Verlockungen. So gehören in die Produktpalette der Wellnässer auch die englischen Modewörter, bei denen sich viele Verbraucher angeblich so pudelwohl (poodlewell) fühlen. Denn auch Werbeleute haben erkannt, daß der Mensch nicht von der Wortbedeutung allein lebt. Nein, er empfindet bei Wörtern etwas, er verbindet etwas mit ihnen und fühlt eine Art Wordwellness (Wortwohlgefühl, besonders bei der bewußt gesprochenen Mundart zu spüren!).

Das gilt also auch für Gegner von überflüssigen Anglizismen auf ihre Weise. Mit einem Unterschied: Nessie umhüllt die englischen Wörter mit schottischem Hochmoornebel, der die einfache Bedeutung unkenntlich macht und dem Nutzer ungeheure Modernität und Weltläufigkeit vorgaukelt. Wörter sind eben mehr als die Summe ihrer Buchstaben. Würde sonst noch jemand von Nessie reden? Oder sich für die Erhaltung der deutschen Ausdrucksweisen einsetzen?

Hinweis: Dies ist der Text eines unabhängigen Autors. Veröffentlichungen an anderen Stellen bedürfen der ausdrücklichen Zustimmung.

 

 
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