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Norwegen als Sprachvorbild?

Der Rat für norwegische Sprache

Von Anja Klein, Berlin

Die Sprache ist der Spiegel des Verstandes
Leibniz

Giftshops gibt es überall.
Wenn du dann das Gift gekauft hast, das du brauchst,
kannst du über die Straße gehen und versuchen,
die Leiche in einem Bodyshop loszuwerden.
Ivar Eskeland

Norwegen ist eine kleine Sprachgemeinschaft mit etwa viereinhalb Millionen Sprechern. Daß es zwei gleichberechtigte offizielle (Schrift-)Sprachen gibt, ist an sich nichts Ungewöhnliches, man schaue nur nach Belgien oder Finnland. Ungewöhnlich ist, daß es sich bei diesen Sprachen – bokmål („Buchsprache“) und nynorsk („Neunorwegisch“) – eigentlich eher um Varianten einer Sprache handelt, beide sind nämlich Norwegisch. Diese heutige Situation ist das Ergebnis einer Entwicklung, die vor mehr als 150 Jahren ihren Ausgang nahm und untrennbar mit der politischen Entwicklung des Landes verbunden ist (einen sehr guten Überblick über die [sprach-]politische Geschichte gibt Egil Pettersen in seinem Aufsatz Die Normierungsarbeit des Norwegischen Sprachrats).

Diese bewegte sprachliche Geschichte hat letztlich auch dazu geführt, daß weite Teile der Bevölkerung ein hohes Maß an Bewußtsein und Sensibilität für sprachliche Belange haben. Eine Unzahl an privaten Organisationen und Vereinen, die sich in Sprachfragen engagieren, spricht für sich. Auch auf staatlicher Seite wird dem Interesse an der eigenen Sprache durch zahlreiche Institutionen Rechnung getragen. Oberstes Organ dieser Spracharbeit ist Norsk språkråd (Rat für Norwegische Sprache), der, ursprünglich unter anderem Namen, seit 1952 existiert. Seine Aufgaben werden wie folgt beschrieben:

Der Rat für Norwegische Sprache hat den Auftrag,

a. das geschriebene und gesprochene Norwegisch als grundlegenden Bestandteil des kulturellen Erbes der Nation zu schützen und zu pflegen, zur Vertiefung und Erweiterung der Kenntnis von norwegischer Sprache in Gegenwart und Geschichte aktiv beizutragen, Toleranz und gegenseitigen Respekt zwischen Benutzern unterschiedlicher standardsprachlicher und regionaler Varietäten des Norwegischen zu stärken und die sprachlichen Rechte der Bürger zu schützen;

b. die Entwicklung des geschriebenen und gesprochenen Norwegisch auf wissenschaftlicher Basis zu verfolgen, um dadurch die Zusammenarbeit bei der Pflege und Normierung der beiden offiziellen schriftsprachlichen Varietäten Bokmål und Nynorsk zu fördern, wobei solche Entwicklungstendenzen besonders zu unterstützen sind, die der künftigen gegenseitigen Annäherung von Bokmål und Nynorsk dienlich sein können;

c. norwegische Behörden und öffentliche Institutionen in sprachlichen Fragen, vor allem im Hinblick auf den Sprachgebrauch in der Schule, im staatlichen Radio und Fernsehen und im öffentlichen Dienst zu beraten, weiter sich zu den prinzipiellen Grundlagen der Normierung von Schriftsprache und Ortsnamenschreibung zu äußern und an der Vorbereitung von Gesetzgebung im sprachlichen Bereich mitzuwirken;

d. der Öffentlichkeit sprachliche Beratungsdienste zu leisten;

e. sich an der sprachpflegerischen Zusammenarbeit zwischen den nordischen Ländern aktiv zu beteiligen; und

f. die Öffentlichkeit über die Arbeit des Rats für Norwegische Sprache angemessen zu informieren.

(§ 1 des Gesetzes über den Rat für Norwegische Sprache vom 18. Juni 1971)

(Übersetzung aus dem Norwegischen von John Ole Askedal)

Neben Rechtschreib- und Normierungsfragen ist die Beschäftigung mit Neologismen, insbesondere der Umgang mit Fremdwörtern, ein Arbeitsschwerpunkt der Einrichtung. Schon lange stehen gerade Anglizismen in der Diskussion. Es existieren zwar keine verpflichtenden Gesetze zum Schutze des Norwegischen, wie es sie z. B. in Frankreich oder Polen gibt, aber eine Vielzahl von Verlautbarungen des Parlaments und der Ministerien zu sprachlichen Fragen formuliert Zielsetzungen, die mehr empfehlenden Charakter zu haben scheinen (Auszüge aus einer Veröffentlichung des norwegischen Kultusministeriums). Denn auch in der politischen Praxis werden Maßnahmen und Mittel in großem Umfang aufgewendet, um den gesetzten Zielen nachzukommen.

Norsk språkråd verfolgt in seiner Behandlung von Fremdwörtern zwei Richtungen, zum einen das Ersetzen der Anglizismen durch sogenannte norwegische Ablösewörter (z. B. norwegisch kollisjonspute – „Kollisionskissen“ - für englisch airbag, rullebrett - "Rollbrett" - für skateboard) und zum anderen die Anpassung der Schreibung und Flexion an das norwegische Sprachsystem (z. B. norwegisch kløtsj für englisch clutch, skanne für scan). Für diese Arbeit hat sich der Sprachrat Richtlinien gesetzt, auf deren Grundlage im einzelnen Fall entschieden wird, welche Vorgehensweise gewählt wird.

Traditionell wird das Ersetzen der Anglizismen durch bereits bestehende oder neugebildete norwegische Wörter bevorzugt. Vor einigen Jahren sorgte jedoch ein Vorstoß in die andere Richtung für Aufsehen. In einem schließlich auch vom Kultusministerium genehmigten Beschluß wurde die norwegische Schreibung von mehreren Dutzend Anglizismen, wie z. B. breikdans (breakdance), displei (display), finisj (finish), innputt (input), festgelegt. Diese Schreibweisen sind allerdings letztlich nicht zwingend, auch das englische Original kann gewählt werden. Allem Anschein nach werden die norwegisierten Wörter von der Bevölkerung eher schlecht akzeptiert.

Ein Bereich, dem Norsk språkråd schon seit bald 30 Jahren seine Aufmerksamkeit widmet, ist die Fachsprache der elektronischen Datenverarbeitung. Nach jahrelangen Vorarbeiten ist aus einer Kooperation von Computerexperten und Philologen heraus 1976 die erste Ausgabe des Norsk dataordbok („Norwegisches Computerwörterbuch“) erschienen. Inzwischen ist die sechste Ausgabe (1997) publiziert worden, die neben den norwegischen Fachwörtern für die „herkömmlichen“ computerbezogenen Begriffe auch norwegische Entsprechungen für die neuentstandene Terminologie rund um das Internet verzeichnet (z. B. datamaskin - „Datenmaschine“ - für computer, hjemmeside - „Heimseite“ - für homepage, nettsted „Netzstätte“ - für website). Diese kontinuierliche Arbeit für eine norwegische Computerfachsprache hat dazu geführt, daß solche norwegischen Termini akzeptiert werden und dadurch das Englische weitgehend aus dem allgemeinen Sprachgebrauch in diesem Gebiet verdrängt worden ist.

Der Norwegische Sprachrat tritt neben seiner kontinuierlichen philologischen Arbeit immer wieder mit publikumswirksamen Aktivitäten in Erscheinung. So werden beispielsweise quartalsweise und immer für eine bestimmte Region Norwegens Diplome für gelungene norwegische Namen von Geschäften und Firmen vergeben. Daß der Sprachrat inzwischen wieder die Arbeit mit Ablösewörtern prioritiert, zeigt auch das neue Projekt Ordsmia („Wortschmiede“), das Hinweise für Wortbildung und Wortschöpfung gibt und damit auch in der Bevölkerung die kreative Neubildung von Wörtern aktivieren soll.

Ein strategischer Plan für die Jahre 2000 bis 2003 sieht nun vor, daß der Norwegische Sprachrat noch aktiver und auf breiterer Front arbeiten soll, um die norwegische Sprache gegenüber dem Druck des Englischen zu stärken.

Schrifttum

Zum Thema Spracharbeit in Norwegen, besonders im Zusammenhang mit Anglizismen, ist eine unüberschaubare Fülle an Material veröffentlicht worden, allerdings liegt auf Deutsch nur sehr wenig vor.

Weiterführende (deutsch-/englischsprachige) Literatur und WWW-Adressen:

Norsk språkråd

– Egil Pettersen: Die Normierungsarbeit des Norwegischen Sprachrats

Norwegische Sprachgeschichte (engl.)

– Anja Klein: „Sprachlicher Umweltschutz. Ein Blick auf die Spracharbeit in Norwegen und deren puristische Bestrebungen im Kontext des englischsprachlichen Einflusses.“ In: Bernd Henningsen und Walter Rothholz (Hrsg.): Aspekte der politischen Kultur Nordeuropas. Berlin: Berlin Verlag Arno Spitz, 1999: S. 109-129.

Auszüge aus einer Veröffentlichung des norwegischen Kultusministeriums zum Thema „Sprache und Informationstechnologie“ vom Oktober 1996:

Skape – Bevare – Formidle
(„Schaffen – Bewahren – Vermitteln“)

„In allen Haushaltsvorschlägen und staatlichen Erklärungen über Ausbildung und Kulturfragen wird die neue Situation für die norwegische Sprache und Kultur in der Informationsgesellschaft betont. [...] Zentrales Thema in diesen Veröffentlichungen ist die Notwendigkeit, die norwegische Sprache als Kommunikationsmittel auf allen Ebenen und in allen Zusammenhängen in Norwegen zu behalten, als Alltagssprache, Literatursprache und Fachsprache.“

„IT beeinflußt Nationalsprachen auf dramatische Weise, besonders die kleinen Nationalsprachen. Sie kommen in eine noch stärkere Drucksituation, besonders unter dem Einfluß des Englischen, das immer mehr zur internationalen Kooperations- und Gebrauchssprache wird – nicht zuletzt in technologischen Zusammenhängen.“

„Wollen wir die Ziele erreichen, die für die norwegische Sprachentwicklung in einer technologischen Gesellschaft gesetzt wurden, müssen wir auf breiter Front mobilisieren.“

„Die norwegische Sprache muß eine vollwertige und natürliche Gebrauchssprache in allen zentralen IT-Anwendungen im Berufsleben, in der Kulturarbeit/Kultur-produktion und für den privaten Gebrauch sein.“

[Übersetzung von Anja Klein]

Richtlinien von Norsk språkråd für den Umgang mit Fremdwörtern

1. Es muß zunächst erwogen werden, ob das fremde Wort eine norwegische Entsprechung bekommen kann, oder ob es in seiner fremden Form gutgeheißen werden sollte. Ein norwegisches Ablösewort ist vorzuziehen, sofern es gefunden werden kann.

2. Wenn es sich um Namen konkreter Dinge oder Begriffe handelt, für die es nicht gelingt, ein norwegisches Wort zu finden, muß das fremde Wort akzeptiert werden.

3. Besonders englische Wörter haben oft eine ganz andere Lautstruktur und ein anderes Beugungsmuster als das, welches im Norwegischen üblich ist, und falls die norwegische Aussprache sich nicht dem Schriftbild des fremden Wortes angepaßt hat, muß erwogen werden, ob die Orthographie norwegisiert werden soll.

4. Die Anpassung der Orthographie soll nicht passieren, bevor das Wort in relativ ausgedehnten Gebrauch in der Allgemeinsprache gekommen ist. Norwegisierung sollte in der Regel nicht passieren, wenn das Wort seinen Gebrauchsbereich auf eine Fachsprache begrenzt hat.

5. Norwegisierung sollte in der Regel nicht geschehen, bevor das Wort eine feste oder jedenfalls dominierende Aussprache bekommen hat, so daß man weiß, was die Schreibung wiedergeben soll.

6. Bokmål und Nynorsk sollten immer die gleiche Schreibweise fremder Wörter bekommen.

7. Nationalisierung fremder Wörter sollte in größtmöglichem Umfang in den nordischen Sprachen gleichzeitig geschehen, und so, daß größtmögliche Übereinstimmung entsteht.

8. Es muß abgeschätzt werden, ob ein Zusammenfallen mit bereits existierenden Wörtern die Norwegisierung der Orthographie bedenklich macht. Oft ist jedoch die Rücksicht auf Homographe unwesentlich.

9. Es muß Zurückhaltung in der Veränderung von Termini gezeigt werden, die in internationalem Gebrauch sind, z. B. Maßeinheiten, besonders, wenn das Wort von einem Namen abgeleitet ist, z. B. becquerel, pasteurisere.

[Übersetzung von Anja Klein]

 

 
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