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„Ein Sprachschutzgesetz ist unumgänglich“
Argumente für Sprachpflege

Von Heinz-Dieter Dey

2. Vorsitzender des Regionalverbands 65 im Verein Deutsche Sprache
Leiter der Arbeitsgruppe „Tag der deutschen Sprache”

Bitte beachten Sie auch den Fragebogen zum Umfang des gesetzlichen Sprachschutzes.

Referat für die Mitgliederversammlung der Region 65 am 10. Juni 2001, Tagesordnungspunkt Sprachschutz.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde der deutschen Sprache,

der Verein Deutsche Sprache hat auf mancherlei Art auf die unerfreuliche Entwicklung der deutschen Sprache aufmerksam gemacht. Dazu gehören Protestbriefe an Unternehmen, Leserbriefe an Zeitungen und Zeitschriften, Schreiben an Politiker, Herausstellung von Sprachpanschern und -verhunzern, Straßenaktionen und Info-Stände, Podiumsdiskussionen, Rundfunk- und Fernsehauftritte unseres Vorstandes, das nachahmenswerte Berliner Sprachbündnis, der Tag der deutschen Sprache, der Einsatz von fast vierzig Arbeitsgruppen und zahlreiche Bücher.

Viele Politiker haben sich inzwischen gegen die Überflutung der deutschen Sprache mit englischen oder schein-englischen Ausdrücken ausgesprochen, wie zum Beispiel der rheinland-pfälzische CDU-Landesvorsitzende Christoph Böhr, der Regierende Bürgermeister Berlins Eberhard Diepgen, der FDP-Fraktionsvorsitzende und ehemalige Parteichef Wolfgang Gerhardt, der stellvertretende Vorsitzende der PDS Peter Porsch, Bundespräsident Johannes Rau, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Bundestagsmitglied Jürgen Türk von der FDP, die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Antje Vollmer von Bündnis90/Den Grünen, Bayerns Wissenschaftsminister Hans Zehetmair und andere.

Ein Umdenken, eine endgültige Heilung von der Anglomanie ist aber bei den anfälligen Bevölkerungsgruppen bisher nicht gelungen. Wohl steht die Mehrzahl der Bevölkerung in unserem Lande dem Anglizismenwahn ablehnend gegenüber, dennoch ist insbesondere in den Bereichen des öffentlichen Wirkens die Neigung ungebrochen, der deutschen Sprache mehr oder minder gutes Englisch unterzumischen.

Die Gründe dafür sind bekannt. Einige seien genannt:

Angeberei (Fun, Referee, Highlight, Body-Guard, Kids),

Kindereien (Handy, Kneippness, Wellness),

Tarnung banaler Tatbestände (Boots, Bags, Bike, Power, Roll back, Events, Guide),

Einfallslosigkeit (Leading to results, First Class Music, Opel Live, Come in and find out, Joe Rabbit),

Leichtfertigkeit (New Economy, Start-up, Dot-coms),

kulturelle Würdelosigkeit,

eklatante Bildungsmängel und

geringe Kenntnisse sowohl der englischen als auch der deutschen Sprache.

Welche sonstigen Einflüsse sind zu beobachten?

Eine unzureichende Erziehung im Elternhaus, von Kindergärtnerinnen und Lehrern beklagt, hat den weitverbreiteten Irrtum erst möglich gemacht, nur englische Ausdrücke würden bei Kindern und Jugendlichen Aufmerksamkeit und kommerzielle Nachfrage hervorrufen.

Die Möglichkeiten der Verdeutschung und neuer deutscher Wortschöpfungen werden zu wenig oder überhaupt nicht genutzt.

Enge Auslegungen von englischen Ausdrücken verhindern die Begriffserweiterung bereits vorhandener deutscher Ausdrücke.

Globalisierung wird falsch verstanden. Englisch ist zur Zeit die Lingua franca für Menschen, die international tätig sind oder sein wollen. Denglisch ist kein Ausdruck der Globalisierung, sondern gehört in eine der eben genannten Kategorien.

Die oft genannte Kürze englischer Ausdrücke zeigt den Hang, die Muttersprache der Denk-, Sprech- und Schreibfaulheit zu opfern.

Sprachpflege wird hierzulande von einigen Leuten als repressives Teufelswerk betrachtet. Diskussionen über den Sprachschutz schlagen – wie wir alle aus Erfahrung wissen – schnell in Polemik um. Das gilt für Laien wie für Wissenschaftler. Leider sehen die Sprachwissenschaftler die Deskription, nur dafür halten sie sich zuständig, und die Präskription als zwei unvereinbare Denkrichtungen an, obwohl beides unauflöslich zusammengehören sollte. Wörterbücher und Grammatiken wären überflüssig, wenn es nur um die Beschreibung ginge, nicht aber um die Anwendung, Weitergabe und pflegliche Weiterentwicklung der sprachlichen Konventionen.

Auch unter den Sprachpflegern ist unstrittig, daß sich Sprache in ständigem Wandel befindet, der sich in einem unaufhaltsamen Prozeß mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten vollzieht. Es geht gegenwärtig – und das muß noch einmal betont werden – um das Zurückdrängen überflüssiger englischer oder schein-englischer Wörter in der deutschen Sprache.

Die erste Sprachgesellschaft, die 1617 nach italienischem Vorbild gegründete „Fruchtbringende Gesellschaft“, hatte das Ziel, eine deutsche Literatursprache zu schaffen, diese Sprache zu normieren und die Sprache von Fremdwörtern zu befreien. Weitere Gesellschaften folgten. Aus dieser Zeit gibt es viele gelungene Verdeutschungen, wie z. B. Anschrift, Entwurf, Mundart, Verfasser und Wörterbuch, aber auch mißlungene neue deutsche Wörter, die sich nicht durchgesetzt haben. Gesichtserker für Nase wird immer wieder von den Mitbürgern genannt, die die Arbeit der Sprachpfleger – aus welchen Gründen auch immer – lächerlich machen wollen.

Heinrich Campe befaßte sich Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Suche nach deutschen Ausdrücken und gab das „Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke“ heraus. Es entstanden beispielsweise die Wortschöpfungen Bittsteller und Minderheiten. Die um 1870 entstandene Terminologie auf dem Gebiet von Post und Eisenbahn wurde frühzeitig und planmäßig verdeutscht. Bahnsteig und Briefumschlag seien als Beispiele genannt. Der 1885 gegründete „Allgemeine Deutsche Sprachverein“ beeinflußte die Sprache der Verwaltung und Behörden.

Wenn wir auf das sprachpflegerische Wirken der unterschiedlichen Sprachgesellschaften zurückblicken, können wir feststellen, daß ihre erfolgreiche Arbeit noch heute Teil unserer Sprache ist.

Die derzeitige Situation hat wegen der Globalisierung und der Möglichkeiten der Kommunikationstechnik eine zusätzliche Dimension.

Wenn man sich mit einem gesetzlichen Sprachschutz als zusätzlichem Baustein für die pflegliche Weiterentwicklung der deutschen Sprache und das Zurückdrängen der gegenwärtigen Sprachgeißel, der überflüssigen Anglizismen, beschäftigt, bietet es sich an, die Erfahrungen anderer Länder auf diesem Gebiet zu betrachten.

Unser Nachbarland Frankreich hat die längsten Erfahrungen und kann auf den ersten Spracherlaß im Jahre 1490 verweisen, als Karl VIII. die Ordonnance de Moulins erließ. Das Gesetz regelte die Sprache vor Gericht und diente dem Schutz der Interessen des Untertanen vor dieser Institution. 1635 wurde von Kardinal Richelieu die Académie française gegründet, die seitdem über den Erhalt und die Entwicklung der französischen Sprache wacht und den richtigen Gebrauch bestimmt.

Die Académie française gibt ein Wörterbuch heraus, spricht Empfehlungen aus und nimmt an den unterschiedlichen Terminologie-Kommissionen teil, die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts durch ministeriellen Erlaß eingesetzt wurden, um u. a. dem Franglais, der französischen Version des Denglisch, zu begegnen. Der Staat versuchte auf diese Weise wichtige Bereiche wie Informatik, Wirtschaft und Finanzen auf französisch verständigungsfähig zu halten und eine Herabstufung des Französischen auf eine Nebenrolle zu verhindern.

Am 4. August 1994 erhielt in Frankreich das nach dem damaligen Minister für Kultur und Frankophonie Jacques Toubon benannte „Loi Toubon“ Gesetzeskraft, das in 24 Artikeln den Gebrauch der französischen Sprache regelt. Es verschärfte das 1975 erlassene „Loi Bas-Lauriol“.

In Frankreich hat die französische Sprache Verfassungsrang. Artikel 2 der Verfassung vom 4. Oktober 1958 besagt: La langue de la République est le français. Die Sprache der Republik ist Französisch.

In Frankreich geht es bei allen Sprachgesetzen immer auch um zentralistische Sprachpolitik, um den politischen Zusammenhalt der Regionen und die grenzenüberschreitende Frankophonie.

Das französische Sprachgesetz regelt, ohne daß an dieser Stelle auf Einzelheiten eingegangen wird, folgende Bereiche:

1. Auf dem Gebiet der Güter, Erzeugnisse und Dienstleistungen ist für Bezeichnungen, Beschreibungen, Gebrauchs- oder Bedienungsanleitungen, Garantieumfang und -bedingungen, Rechnungen und Quittungen sowie Werbung die französische Sprache vorgeschrieben. Eine Sonderregelung gibt es für Produkte ausländischer Herkunft.

2. Anschläge, Plakate, Aufschriften, Anzeigen und sonstige Mitteilungen auf öffentlichen Straßen und Plätzen und in und an öffentlichen Verkehrsmitteln müssen in französischer Sprache verfaßt sein, wenn sie der Unterrichtung der Öffentlichkeit dienen. Übersetzungen müssen immer zwei Fremdsprachen umfassen, um die einseitige Bevorzugung des Englischen zu verhindern.

3. Verträge, die öffentliche Aufgaben betreffen, müssen in französischer Sprache erstellt werden.

4. Auf Veranstaltungen, Kolloquien oder Kongressen hat jeder Teilnehmer das Recht, sich in französischer Sprache auszudrücken. Unterlagen, die an die Teilnehmer verteilt werden, müssen in französischer Sprache abgefaßt werden, zumindest ist eine Zusammenfassung auf Französisch beizufügen.

5. Fremdsprachliche Veröffentlichungen in Zeitschriften von juristischen Personen müssen mindestens eine Zusammenfassung auf französisch enthalten.

6. Arbeitsverträge müssen auf französisch abgefaßt werden, auf Wunsch eines Ausländers zusätzlich auch in dessen Landessprache.

7. Französisch ist die Sprache, die im Unterricht, bei Prüfungen und Auswahlverfahren sowie bei Doktorarbeiten und Abhandlungen in öffentlichen und privaten Lehranstalten zu benutzen ist. Für den Fremdsprachenunterricht und für ausländische Schulen gelten Ausnahmen.

8. Das Loi Toubon ergänzt das Loi Carignon. In diesen beiden Gesetzen wird der Anteil der französischsprachigen Lieder in Radiosendungen (40 %-Passus) festgelegt und sonstige Sendungen einschließlich der Werbung in Fernseh- und Rundfunkanstalten im Sinne der französischen Sprache geregelt.

9. Bei Verstößen gegen das Gesetz drohen Geldstrafen.

Nach einer Umfrage unterstützen 90 Prozent der Franzosen das Gesetz, eine Tatsache, die in Deutschland nicht bekannt ist.

Das Gesetz bindet also nicht den Privatmann, es sei denn, es ginge um öffentliche Aufgaben. Natürlich werden von uneinsichtigen Bürgern alle Schlupflöcher des Gesetzes genutzt. Die Anzahl der Strafen waren bisher niedrig. Dennoch ist das Gesetz nicht nutzlos, wie hierzulande zuweilen behauptet wird. Die staatlichen Terminologie-Kommissionen haben viele gelungene Übersetzungs- oder Wortschöpfungsvorschläge unterbreitet, die sich auch durchgesetzt haben. Das französische Sprachgesetz macht die Sprachvereine wie z. B. den „Défense de la Langue Française“ (etwa 6.000 Mitglieder) und den „Le Droit de Comprendre“ nicht überflüssig. Sie waren der Motor für die Verabschiedung des Gesetzes und wirken zusammen mit der „Association pour le Pluralisme Linguistique et culturel en Europe“ an der Einhaltung des Gesetzes mit.

Auch Polen, unser östlicher Nachbar, hat am 7. Oktober 1999 ein Sprachgesetz beschlossen, das dem französischen Gesetz inhaltlich ähnelt.

Es gibt eine Reihe anderer Länder – 120 wird als Zahl genannt –, die aktive Sprachpolitik betreiben.

Ist also ein Sprachschutzgesetz auch in Deutschland notwendig und sinnvoll?

Vorab sollte die Frage untersucht werden, ob die Sprache nach französischem Beispiel Verfassungsrang haben sollte. Die Antwort muß Nein lauten, denn das Beispiel Frankreich zeigt, daß durch den Verfassungsrang der Sprache Probleme wie die Anglizismenflut nicht verhindert worden sind.

Gesetze werden immer dann für erforderlich gehalten, wenn die Eigenverantwortung, ein für liberaldenkende Bürger hoher Wert, für die Regelung gesellschaftlicher Verhaltensweisen nicht ausreicht. Ein Vergleich mit der Ethik sei gestattet. Immer wenn die Individualethik versagt, muß die Institutionalethik durch Gesetze die Lücken schließen, um ein friedliches Zusammenleben innerhalb der Gesellschaft zu gewährleisten.

Eigenverantwortung ist leider kein Allgemeingut. Verantwortung für die eigene Sprache ist in unserem Lande weitestgehend unbekannt. Mächtige Minderheiten und einzelne „Sprachgenies“ bestimmen, welche Sprachmischung die Bevölkerungsmehrheit hinzunehmen hat. Die Jugend wird vom anglophilen Kommerz manipuliert. Die Sicherstellung der Verständigung einer Bevölkerung untereinander in einer von allen anerkannten Sprache, der Muttersprache, hat ein gleiches Gewicht wie die Institutionalethik.

Für einen gesetzlichen Schutz wurden folgende Argumente genannt:

1. Der Sprachverfall ist eine überall zu beobachtende Tatsache

2. Niemand kann garantieren, daß Anglizismen nur eine vorübergehende Randerscheinung sind

3. Die Überfremdung des Deutschen ist in vielen Bereichen ( z. B. Wissenschaft, Kommerz, Informationstechnologie, Medien, Musik) nicht mehr hinnehmbar.

4. Ein Sprachwandel wird durch einen gemäßigten gesetzlichen Sprachschutz nicht behindert.

5. Die Mehrzahl der Bevölkerung ist gegen Anglizismen

6. Der Kommerz manipuliert die Jugendlichen

7. Die Bürger können bei ihrer täglichen Arbeit manche englischen Ausdrücke nicht mehr verstehen

8. Der Duden enthält zu viele Anglizismen zu Lasten des deutschen Wortschatzes.

9. Die Sprache ist ein hohes Kulturgut

10. Der Verantwortung für die Sprache sind sich nicht alle Bürger bewußt

11. Mächtige Minderheiten bestimmen die sprachliche Entwicklung

12. Nicht eingedeutschte englische Ausdrücke verderben die Eindeutigkeit der deutschen Aussprache-Regeln

Der Einsatz oder die Verwendung der deutschen Sprache ist in Teilbereichen bereits geregelt.

In § 23 Absatz 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes des Bundes und der Länder steht: „Die Amtssprache ist deutsch“.

„Die Gerichtssprache ist deutsch“, ist in § 184 des Gerichtsverfassungsgesetzes festgelegt.

Für Schulen, Beipackzettel von Medikamenten und Gebrauchsanweisungen gilt ähnliches.

Ein Sprachschutzgesetz könnte diese Regelungen bündeln und um dringend erforderliche Gesetze zumindest auf dem Gebiet des Verbraucherschutzes und der öffentlichen Information ergänzen.

Der Innensenator von Berlin, Eckart Werthebach, hat den ersten vielversprechenden Schritt getan und in § 49 Abs. 2 GGO I (Gemeinsame Geschäftsordnung für die Berliner Verwaltung) den Schutz der Deutschen Sprache formuliert. Der Text lautet:

„Fremdsprachliche Ausdrücke (auch aus dem angelsächsischen Sprachraum) sind grundsätzlich nur zu verwenden, soweit es aus fachlichen Gründen unumgänglich ist und die Verständlichkeit insbesondere gegenüber dem Bürger nicht beeinträchtigt wird. Die Verwendung fremdsprachlicher Ausdrücke scheidet insbesondere dann aus, wenn geeignete deutsche Wörter vorhanden sind oder solche bei neuen Sachverhalten aus vorhandenen Wortfeldern ohne besondere Schwierigkeit gebildet werden können.“

Ein Sprachschutzgesetz mit Augenmaß ist als zusätzliche Maßnahme zur Sicherstellung der Verständigung in Deutschland und für den Erhalt der kulturellen Vielfalt unumgänglich.

Wir brauchen in Deutschland ein unabhängiges Institut – entsprechend der Académie française – , das für die Erarbeitung und laufende Überarbeitung eines deutschen Wörterbuchs und einer deutschen Grammatik zuständig ist, und den deutschen Wortschatz allgemein verbindlich bestimmt. Ein solches Institut muß vom Gesetzgeber benannt oder neu gegründet werden.

Politik und Wirtschaft sind – wie die mißlungene Rechtschreibreform gezeigt hat – für sprachpflegerische Aufgaben nicht geeignet.

 

 
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