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Die Spaßsprachgesellschaft

Sprach- und gesellschaftskritische Betrachtungen über die deutsche Gegenwart

„Spielen statt Denken, auch das wäre eine, die andere, die nur scheinbar harmlose Erbschaft aus 68. Das dialektische 'make love not war' verdichtete sich zum eindimensionalen 'have fun'. Für diesen Befund gibt es ja auch längst den richtigen Begriff: Spaßgesellschaft. Bezeichnend ist allerdings, daß sich diese Spaßgesellschaft als Negation, nicht als Ergänzung zur einst so geheiligten Denkgesellschaft realisiert.“ (Alexander Schuller in der Welt v. 02.02.2001.)

Das gesellschaftliche Leben in der Moderne des westlichen Kulturkreises kann mit vielen Begriffen beschrieben werden: angesichts der einmaligen historischen Komplexität gegenwärtiger Entwicklungen kann mit einem Wort nur ein Teilbereich des gesellschaftlichen Lebens treffend auf den Punkt gebracht werden. Der Begriff „Spaßgesellschaft“ ist ein Versuch, den vielschichtigen Erscheinungen im Lichte der deutschen Gegenwart gerecht zu werden. Er ist in seiner hier verwendeten Erweiterung zur „Spaßsprachgesellschaft“ geeignet, um gerade im Zuge einer nötigen Sprachkritik den medialen und politischen Sprachgebrauch ins Visier zu nehmen. Nähern wir uns diesem Begriff mit einer entsprechenden Bestandsaufnahme aktueller Entwicklungen auf gesellschaftlicher und sprachlicher Ebene.

Die maßgeblich formenden Kräfte der heutigen Gesellschaft – von den Medien bis zur Politik – sind entgegen allen demographischen Prognosen und sämtlichen scheinbaren Auslösern der hitzigen Reformdebatten auf die Jugendlichkeit und die Modernität ausgerichtet. Normenvorgaben wie „Dynamik“, „Mobilität“, „Flexibilität“, „Kompetenz“, „Eigenverantwortung“ und „Risikobereitschaft“ prägen die Diskussion um die Zukunft Deutschlands im dritten Jahrtausend. Während die Politik versucht, mit modisch klingenden und oft genug (pseudo-)englischen Worthülsen wie „Ich-AG“, „Bundesagentur für Arbeit“, „Personal-Service-Agenturen“, „Job-Floater“, „Quick-Vermittlung“ der alternden und arbeitslosen Bevölkerung eine Perspektive zu geben, kursieren im größten Teil der populären Medien ebenfalls unsägliche inhaltliche und sprachliche Fehlleistungen. Neben den durch Sinnaushöhlung entstandenen „Plastikwörtern“ (Uwe Pörksen) des politischen Sprachgebrauchs ist die Masse des deutschen Volkes einer inhaltlichen Oberflächlichkeit im öffentlichen Diskurs und Sprachgebrauch ausgesetzt. Für dieses Phänomen gibt es längst Begriffe, die in prägnanter Weise dem Wesen der Sprachverflachung nachspüren. Es ist von einer „Phraseologie“ öffentlicher Sprache die Rede. Im gleichen Zuge wird die „Anglizismenmanie“ genannt. Im übertragenen Sinne könnte man auch von einer „Event-Kultur“ und „McDonaldisierung“ der Sprache reden. Böse Zungen sind sich nicht zu schade für einen Vergleich der Gegenwartssprache mit dem „Neusprech“ aus George Orwells Roman „1984“: der Sprachgebrauch in den Medien würde auf das Denken der mündigen Bürger zurückfallen und Urteils- sowie Kritikfähigkeit in einem beängstigenden Maße zurückstutzen.

Wer solch’ schwerwiegende Einschätzungen für übertrieben hält, der muß sich einmal das alltägliche Umfeld eines heutigen Jugendlichen in der „Spaßgesellschaft“ vor Augen halten. Der Spaß – besser: die von einschlägigen Medien wie etwa bevorzugt privaten Fernsehsendern definierte Form des Spaßes – prägt in Deutschland heute die Umgangssprache und den verfügbaren Wortschatz der Jugendlichen. Und das, wie es auch Alexander Schuller in dem eingangs aufgeführten Zitat andeutet, nicht gerade positiv. Was als grenzenlose Freiheit postuliert wird, läuft in der massenmedialen Welt des regierenden Marktes auf eine Einkerkerung und Verkümmerung selbständigen Denkens und Handelns hinaus. Zuerst und am deutlichsten drückt sich dieser Fakt in der Sprache aus, welche Gedanken formt und Handlungen folgen läßt. „Spaß haben“, „Party machen“, „Fun and Action haben“, „Relaxen“, „Chillen“ – das sind die den vergnügungssüchtigen Jugendlichen von instrumentalisierten Medien vorgesetzten Begriffe. War die 68er-Revolte noch hoch politisch, so ist der Nachwuchs von heute kaum noch in der Lage, auch nur einen vollständigen sachlichen Satz zu seiner politischen Meinung zu äußern. Mit Respekt muß man immerhin zugeben: die Werber und ihre Kunden haben es geschafft, mittels der Übernahme ihrer an sich nur für verkaufsfördernd gehaltenen „modernen“ Sprache durch die jungen Menschen einen Markt für „Events“, „Acts“ und „ultimativen Kult“ zu erschließen. Die negativen Folgen für das gerade im jungen Alter eminent wichtige Fragenstellen, Denken und Meinungsbilden sind in ihrer Schwere kaum absehbar. Wer in der Sprache der Werber – also gleichsam sprachlos – konsumiert, der kritisiert nicht. Kurz: Nur tote Fische schwimmen im Strom.

Das Grundprinzip der Spaßsprache kann man genauso auf den Bereich der Politik übertragen. Dem Gefallenwollen, der Angst vor der Ungnade der Wähler, dem „Up to date-Sein“, der Furcht vor der Unerbittlichkeit der Realität, der Störung des Konsumenten beim Ausleben seiner Spaßansprüche – all’ jenen selbsttrügerischen Vorsichtigkeiten und Mitteln also, die einen „Konsenspolitiker“ zum Vertreter der „Mitte“ werden lassen, wird eine ausdifferenzierte, nachvollziehbare und damit mutige Sprache im öffentlichen demokratischen Diskurs geopfert. Ein Filter schleicht sich so in die Köpfe der Menschen ein, der das Reale hinter dem Scheinbaren, das Wichtige hinter dem Unwichtigen und die Argumente hinter dem Phrasenhaften verschwinden läßt. Der Erlebnischarakter der „Spaßgesellschaft“ wird mit aller Macht auf die Debatten der Politik gestempelt. Der Volksmund – seine erfahrungsgestärkten Weisheiten sollten nicht verloren gehen – kann die Inszenierungen einordnen: Es wird viel gesprochen, aber nichts gesagt. Fazit: Politischer Erfolg und gewinnträchtiger Spaß werden durch Ernsthaftigkeiten und anspruchsvolle „altmodische“ Sprache nur gestört. Die Diktatur der Seichtheit läßt dazu jede Regung gegen das Gebot der inhaltlichen Flachheit im spaßgesellschaftlich-öffentlichen Raum wie einen arroganten und lächerlichen Versuch eines „Strebers“, „Schwätzers“ oder „Besserwissers“ aussehen.

Doch auch die gegenwärtige Politik ist eher von den Folgen des besagten Filters im Kopf betroffen, als daß sie ihn selber geschickt dort installiert hätte. Für Gegenmaßnahmen wider die schattenhafte Sprache ist es wichtig, die Wurzel dieses Filters im alltäglichen Leben des massenmedialen wie industrialisierten Durchschnittsmenschen auszumachen. Letzterer beschäftigt sich nicht mehr ernsthaft mit der Realität, flüchtet vor den Problemen der Gegenwart in eigene Welten der Unterhaltung und Werbung. Man erspart sich die mühsame und oftmals harte Entzauberung der Spaßsprache, indem man zwischen die Realität und dem eigenen Verstand eine wohlformulierte Sprachbarriere errichtet, die nur das Erwünschte und Angenehme hindurchsickern läßt. Augenscheinlichstes Beispiel für Sprachkritiker ist dabei die grassierende sprachliche Anglomanie ihrer Zeitgenossen. Bevor man es auf deutsch, und damit oftmals eindeutiger wie aller schönfärbender Scheinmodernität entkleidet, sagt, (er-)findet man einen englischen Begriff, dessen moderne und weltmännische Konnotation auf deutsche Durchschnittsverbraucher gnadenlos attraktiv wirkt. Der Einfluß des Englischen auf die deutsche Musiklandschaft etwa hat sich zu einem großen Teil wohl auch dieser beschriebenen Wirkung zu verdanken. Der größte Teil der Radiomusik auf dem deutschen Markt kommt mit englischen Texten daher, die, wenn man sie deutsch sänge, eine Peinlichkeit für jeden „kreativen“ Musikproduzenten wären. Der Filter der englischen Sprache verschleiert dem Musikkonsumenten die bescheidene Kreativität der Musiker und Musikproduzenten und ist andererseits dafür mitverantwortlich, daß sich eben jener Konsument an das Nichtssagende aktueller Radiomusik gewöhnt und die Melodie des kurzlebigen Ohrwurms ihm das Höchste an Musik ist. Der Filter steht hier für die Unfähigkeit und -willigkeit der (deutschen) Musikindustrie, gute und zugleich gehaltvolle deutschsprachige Musik anzubieten. Junge Musiker wie Laith Al-Deen, Xavier Naidoo, Cassandra Steen, Joy Denalane stehen „urdeutschen“ Altmeistern wie Herbert Grönemeyer und Marius Müller-Westernhagen in nichts nach und zeigen längst mit Erfolg, daß gute deutsche Musik kein schöner Traum ist, sondern ein mutmachendes Randphänomen der Spaßgesellschaft.

Dieser Rand der Spaßsprachgesellschaft bietet immer noch eine enorme Güte, Vielfalt und Kreativität im Umgang mit Sprache. Doch die Sprachbarriere, die als wuchernder Filter zwischen den Welten des mündigen Bürgers und den interessengerichteten Äußerungen von Medien und Politik geschoben wird, ist auf allen Ebenen öffentlichen Sprachgebrauchs zu beobachten. Es liegt an den mündigen Bürgern, ob die Spaßgesellschaft umgekrempelt wird und wichtige Sprachmilieus und „Phänomene“ ihres Randes wieder in das Zentrum eines wirklich demokratisch-gemeinschaftlichen Miteinanders zurückfinden. Wer die Sprache der Politik kritisiert, darf sich selber nicht aus dem Schußfeld dieser Kritik bewegen. Wir alle sind Teil dieser Spaßsprachgesellschaft, die Ausdrucksvermögen und Kritikfähigkeit in das Reich des schlechten Spaßes verbannt hat. Jeder muß sich an die eigene Nase fassen, um aus der Sprachlosigkeit wieder herauszufinden. Sprachkritik ist Selbstkritik – und notwendige Schlußfolgerungen von jedem einzelnen sind der erste Schritt zu einer Eindämmung der Spaßsprache. Auf daß Deutschland wieder zu einer Sprachspaßgesellschaft wird!

 

 
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