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„Arroganz der europäischen Funktionseliten“
Gespräch mit dem SPD-Spitzenkandidaten zur Europawahl am 13. Juni 2004

MdEP Martin Schulz
ist Spitzenkandidat der SPD für die Europawahlen. Er ist Vorsitzender der SPD-Abgeordneten im Europäischen Parlament, stellvertretender Vorsitzender der SPE-Fraktion und Mitglied im Ausschuß für Freiheiten und Rechte der Bürger, Justiz und Innere Angelegenheiten.
Im Netz: www.martin-schulz.info

erschienen am 20. Dezember 2003 in der 14. Ausgabe der DEUTSCHEN SPRACHWELT auf Seite 3

DSW: Herr Schulz, Sie sind gelernter Buchhändler und haben deswegen einen besonderen Bezug zur Sprache. Wie stehen Sie zur Förderung der deutschen Sprache innerhalb der Europäischen Institutionen?

Martin Schulz: Meine Antwort ist ganz klar: Deutsch ist die Sprache, die von der relativ größten Einzelgruppe in der EU gesprochen wird. Deswegen gebührt ihr auch die entsprechende Stellung innerhalb der Europäischen Institutionen.

DSW: Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat Sie im Juli dieses Jahres bei einer Auseinandersetzung im Europaparlament für die Filmrolle eines KZ-Aufsehers vorgeschlagen. Dafür mußte sich der amtierende EU-Ratspräsident später entschuldigen. Liegt es an immer noch vorherrschenden Vorurteilen und nationalen Vorbehalten in Europa, daß die deutsche Sprache in der Europäischen Union so schwach vertreten ist?

Schulz: Das vorherrschende Sprachenregime hat seine Wurzeln in den historischen Entwicklungen Europas der letzten Jahrhunderte. Aber dem setze ich entgegen, daß Sprachenvielfalt ein demokratiestärkendes Element ist. Durch andere Sprachen eröffnen sich auch neue Horizonte und Einblicke in die Kultur der anderen. Gerade das hilft Vorurteile abzubauen. Einige der europäischen Funktionseliten, die vor allem in den Bürokratien der Kommission, des Parlaments und des Rates arbeiten, versuchen seit Jahren schleichend – aber erfolgreich – Englisch als Basissprache durchzusetzen. Die augenfällige Arroganz dieser Eliten gegenüber nicht englisch- oder französischsprechenden Parlamentariern, läßt mich seit Jahren für die Sprachenvielfalt innerhalb der Europäischen Institutionen eintreten.

DSW: Was hat das Europäische Jahr der Sprachen 2001 gebracht? Was hat es verändert?

Schulz: Das Europäische Jahr der Sprachen hat in ganz Europa eine große Begeisterung für das Sprachenlernen ausgelöst. Aber dieses Europäische Jahr der Sprachen ist kein singuläres Ereignis. Es steht in der Tradition einer jahrzehntelangen Initiative. Genannt sei zum Beispiel das sogenannte Sprachensiegel. Dabei werden innovative Projekte aus dem Bereich des Lehrens und Lernens von Sprachen ausgezeichnet. Bei diesem Wettbewerb sind vor allem Institutionen aus dem Bildungsbereich angesprochen, um zu Verbesserungen des Sprachunterrichts beizutragen und die Motivation zum Sprachenlernen zu steigern. Oder eine Projekt-Datenbank, die das Ziel verfolgt, durch Beispiele bewährter Praxis auf dem Gebiet des Fremdsprachenlehrens und -lernens den Erfahrungsaustausch zu fördern. Dieses Jahr gab es auch wieder einen Wettbewerb mit dem Themenschwerpunkt „Frühes Fremdsprachenlernen“. Sie sehen, es tut sich eine Menge auf diesem Gebiet.

DSW: Welche Chancen räumen Sie dem sogenannten „Marktmodell“ der Bundesregierung ein, das nach der EU-Osterweiterung Deutsch als Arbeitssprache verankern soll?

Schulz: Deutsch ist eine wichtige und häufig genutzte Fremdsprache der Menschen in Osteuropa. Deutschland ist mit Abstand der wichtigste Handelspartner dieser Region, und somit wird die Bedeutung der deutschen Sprache innerhalb der erweiterten Union natürlich erheblich zunehmen. Ich merke das auch ganz direkt an meinen osteuropäischen Kollegen, die bisher nur als Beobachter ins Europäischen Parlament entsandt sind: mit den allermeisten von Ihnen läuft die Konversation wie von selbstverständlich auf deutsch.

Das Gespräch führte Thomas Paulwitz.

 

 
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