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„Mit Leisetreterei kommen wir in Brüssel nicht weiter“
Die Stärkung der deutschen Sprache
stärkt auch die Wirtschaft

Von MdB Olav Gutting (CDU)
im Netz: www.olav-gutting.de

erschienen am 20. Dezember 2003 in der 14. Ausgabe der DEUTSCHEN SPRACHWELT auf Seite 3

Es ist schon eine Weile her, da spielten deutsche Forscher und Erfinder in der Welt der Wissenschaft eine herausragende Rolle. Damals diente die deutsche Sprache als Hauptverständigungsmittel im internationalen Wissenschaftsbetrieb. Diese Zeiten sind aber längst vorbei. Nicht mit dem Fehlen eines Zuwanderungsgesetzes, sondern mit dem allmählichen Verlust unserer Spitzenstellung in Forschung und Wissenschaft nimmt auch die Bedeutung der deutschen Sprache ab. Sie ist im internationalen Umgang erheblich ins Hintertreffen geraten. Das ist umso bedauerlicher, als Deutsch die als Muttersprache am meisten gesprochene Sprache in der Europäischen Union (EU) ist.

Obwohl Deutsch als Muttersprache in der EU in Europa mit großem Abstand den ersten Rang einnimmt, obwohl der deutschsprachige Raum das höchste Bruttosozialprodukt in Europa erwirtschaftet und obwohl im EU-Parlament die deutschsprachigen Abgeordneten die größte Gruppe stellen, wird derzeit nur ein Prozent der nach außen gehenden Kommunikation durch die EU-Beamten in deutscher Sprache geführt. Um diesen Zustand zu ändern, muß der Verbreitung und Pflege der deutschen Sprache im Ausland ein höherer Stellenwert zukommen.

Es geht um handfeste wirtschaftliche Interessen

Dabei geht es nicht nur um die eigentlich selbstverständliche Verpflichtung, die Sprache der deutschen Dichter und Denker zu fördern und zu pflegen, sondern es geht auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. Schauen wir uns doch einmal die wirtschaftspolitischen Gesichtspunkte an, die mit der ungenügenden Berücksichtigung der deutschen Sprache als Arbeitssprache zusammenhängen. In Punkt 2 unseres Antrages „Deutsch als dritte Arbeitssprache auf europäischer Ebene“ (Drucksache 15/468) heißt es unter anderem: „Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, ... dafür Sorge zu tragen, daß Deutsch bei allen Veröffentlichungen, Datenbanken, Standards, Konferenzen und Ausschreibungen den Sprachen Englisch und Französisch gleichgestellt wird.“

Wer sich die Mühe macht, eine europäische Ausschreibung zu lesen, der weiß, vor welchen Schwierigkeiten ein deutscher Auftragnehmer steht. Man hat einen Wust von Papieren in der Hand und kommt auch dann, wenn man die englische Sprache einigermaßen beherrscht, kaum über den ersten Absatz hinaus. In einer Wirtschaftslage, die vom Nachfrageausfall der öffentlichen Hände – insbesondere bei den Gemeinden – gekennzeichnet ist, in einer Lage, in der Mittelstand und Handwerk der Zahlungsunfähigkeit näher sind als dem goldenen Boden und in der unsere Volkswirtschaft ins Stocken gerät – einige sprechen sogar von Rezession –, wären zusätzliche öffentliche Aufträge gerade aus dem europäischen Raum dringend notwendig. Aufträge in diesem Bereich wären für viele Betriebe ein rettender Strohhalm. Das ist ein erheblicher wirtschaftlicher Faktor.

Ausschreibungen nur auf englisch sind für Mittelständler zu kostspielig

Die Gesamtausgaben im europäischen Auftragswesen bewegen sich derzeit zwischen ein und eineinhalb Billionen Euro. Davon entfallen rund 250 Milliarden Euro auf deutsche Auftraggeber. Wenn es um die Verteilung dieser Auftragsfülle geht, dürfen unsere deutschen Firmen nicht zu kurz kommen. Das setzt aber Chancengleichheit bei der Informationsbeschaffung voraus.

Ich bin ja aus Baden-Württemberg und kenne mich deshalb mit Deutsch ganz besonders gut aus... Ich komme aber aus einer grenznahen Region. Viele Betriebe in meinem Wahlkreis würden sich gerne an einer der insgesamt 240.000 Ausschreibungen der EU-Kommission beteiligen. Für Großunternehmen stellen die meistens in Englisch abgefaßten Ausschreibungsbedingungen keine allzu große Hürde dar, da sie über Fachleute verfügen, die sich in dem entsprechenden Stoff bestens auskennen. Aber für einen kleinen Mittelständler oder Handwerker ist es einfach zu aufwendig, ja auch zu kostspielig, eine Übersetzung ins Deutsche anfertigen zu lassen.

Deutsch muß europäische Arbeitssprache sein

Der tatsächlichen Einrichtung der deutschen Sprache als Arbeitssprache kommt aber noch aus einem weiteren Grund eine besondere Bedeutung für unsere zukünftige wirtschaftliche Entwicklung zu. Ich denke dabei besonders an die bevorstehende EU-Osterweiterung. Noch genießt an den osteuropäischen Schulen Deutsch den Vorzug gegenüber Französisch. Das ist gerade für kleinere deutsche Unternehmen ein Vorteil; denn die Benutzung der eigenen Sprache erleichtert die wirtschaftlichen Beziehungen. Die Verbreitung der deutschen Sprache in Osteuropa ist deshalb ein Wettbewerbsvorteil und ein Bindeglied, das wir ausbauen müssen. Die hervorgehobene Stellung unserer Sprache im osteuropäischen Raum wird sich aber nur dann halten oder sogar ausbauen lassen, wenn Deutsch als Arbeitssprache in Brüssel tatsächlich umfassend angewendet wird. Andernfalls wird man dort anderen Sprachen den Vorzug geben.

Die Bundesregierung und ihre Vertreter in den europäischen Institutionen müssen sich mehr als bisher und mit Nachdruck um eine stärkere Gegenwart der deutschen Sprache auf EU-Ebene bemühen. Wir sollten genügend Selbstbewußtsein haben, um unsere Interessen offensiv zu vertreten. Mit Leisetreterei kommen wir in Brüssel nicht weiter.

Mit der Stärkung der deutschen Sprache leisten wir einen nicht unerheblichen Beitrag zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Vor dem Hintergrund unserer derzeitigen wirtschaftlichen Lage und Wirtschaftsdaten sollten wir alle Kraft darauf verwenden, daß diese Forderungen nicht im bürokratischen Dschungel der Brüsseler EU-Instanzen auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

 

 
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