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Fließend beherrschter Umgang

Gewäsch des Monats (7): Was Quatschköpfinnen daherreden

von Eckhard Henscheid

(Frankfurter Rundschau vom 2. August 2001)

"In unserer Gesellschaft ist ein Rückgang an Sprachfähigkeit zu beklagen. Uns geht es um die fließende Beherrschung der deutschen und von ein bis zwei weiteren Sprachen." Eine "fließende Beherrschung" gibt es aber auch im Zuge des Rückgangs an Sprachfähigkeit natürlich trotzdem nicht. Sondern höchstens die "Beherrschung eines fließend gesprochenen Deutsch". Oder "Deutschen". Aber auch die beiden ja kaum. "Und es geht uns um den bewussten Umgang und Gebrauch der Sprache."

Ob von einer oder von ein bis zwei oder, etwas erträglicher, zweier: Hier fehlt was. Vielleicht ein "mit" hinter dem "Umgang"? Viel schöner und fließender wird es damit zwar auch nicht; aber der Unterschied von "Umgang" und "Gebrauch" ist ja offensichtlich ohnehin "schwer zu fassen" (Hölderlin) bzw. nur ein eingebildeter. Und das Epitheton ornans "bewusst" sowie der ganze Satzauflauf eh nur ein ganz und gar bewusstloser Unsinn. Samt seiner ganz besonders besinnungslosen Phrasen-Adaption des schwerst dummdeutschen "Umgangs mit". Von dem sie aber ganz besessen ist, denn es geht weiter: "Ich wende mich deshalb gegen den bedenkenlosen Umgang mit Anglizismen im Deutschen."

Hier antwortet innerhalb einer Umfrage "Wahlprüfsteine" der Monatsschrift "Deutsche Sprachwelt" (4/2001) auf die erste Frage "Wie beurteilt Ihre Partei die zunehmende Durchdringung der deutschen Sprache mit unnötigen Anglizismen?" die neue baden-württembergische SPD-Kandidatin Ute Vogt - und merkt selbstverständlich nicht, dass die Frage schon falsch oder wenigstens kurios gestellt ist. Denn längst geht es nicht mehr um Durchdringung und unnötige Aglizismen; sondern offenbar und irreversibel um die Liquidation eines nicht länger als vitaler Korpus Aufrechtzuerhaltenden.

Trotzdem hätte Vogt gut daran getan, im Sinne des pfleglichen Umgangs mit einer Halbleiche ihren zweiten "Umgang mit" vielleicht durch "Verwendung von" zu ersetzen. Sie setzt aber lieber sofort einen dritten drauf: "Denn dort (im Schulunterricht) wird Sprache und Umgang mit ihr gelernt." Wo genau liegt da wohl - denn vergessen wir nicht, dass Vogts Antworten ja auch noch etwelchen Sinn zu befördern sich anheischig machen - der Trennstreifen zwischen "Sprache lernen" hie und den "Umgang mit ihr lernen" dort?

"Die SPD in Ba-Wü legt großen Wert darauf, die Beherrschung der deutschen Sprache zu fördern" - das walte Bebel, Ebert, Marie Schlei und allen voran Annemarie Renger; aber, halten zu Gnaden, auch dieser Satz ist nicht ganz richtig: Es muss nun mal, wollen wir den hanebüchenen Inhalt halbwegs heiter überhören, etwas verbessert, wenn auch nicht grad schön, heißen: "Wert darauf, dass die" usw. Aber dafür ist der nächste Satz der erste fast korrekte: "Uns geht es dabei auch um die gezielte Förderung der Kinder, deren Muttersprache nicht deutsch ist."

Nein, hier stört bloß noch das blindlingisch ungezielte "gezielte", Aber, Vogt zeigt Demut: "Ich selber werde gerne bereit sein, auf meinen Sprachgebrauch zu achten und mich" - nehmen wir sie beim Wort: Hier fehlt eine Komma - "weiterhin bemühen, einer gewissen Vorbildfunktion gerecht zu werden." Das hört man gerne. Denn bisher fiel die neue Schwäbische Spitzenpolitikerin und 36-jährige Stuttgarter Oppositionsführerin lediglich schon durch die fließende Beherrschung des probaten Mediengedudels auf; so im Frühjahr als stark überinstrumentierte Talkgästin bei Johannes Kerner, wo sie sogar so einschlägig unanfechtbare Krachnudeln wie Biolek und Paul Sahner vergleichsweise distinguiert aussehen ließ.

Ein andermal wirkte der zu Wahlkampfzwecken nolens volens neben sie postierte Kanzler Schröder, wie schon er Vogt zur "Führungsreserve erster Klasse" seiner Partei zählt, recht bedrückt und sogar gepeinigt von der von allem und jedem und vor allem und zu allem Überfluss von sich selbst am meisten begeisterten neuen und dunkelwuscheligen und nimmersatt plappernden Hoffnungsträgerin ohnegleichen. Früher nannte man so was eine Quasselstrippe durch dick und dünn und belebend für jeden Bäckerladen - heute hat man es beim Geno- und Phänotyp U. Vogt wohl mit einer neuen "politischen Kultur" (Engholm u.v.a.) zu tun, mit der genuin vielkompatibel Verfügbaren einer "neuen Politikergeneration" (G. Westerwelle d. Ä.), und die schwäbische Parteiführerin hat es dabei in der walkenden Talkkultur als shooting star wohl bereits zum quatsching event der anglizistischsten Art gebracht.

Oder hat es jedenfalls unnachgiebig vor. Will aber auch voll seriös die deutsche Sprache retten und dabei sogar noch "einer gewissen Vorbildfunktion gerecht werden". Ehedem zeichneten sich Quasselstrippen wenigstens durch eine gewisse Frische und Husarenhaftigkeit aus - die neue Quatschköpfin aus Ba-Wü eigenartig genug durch Funktionärsquark mit Inklination zum Wörterbuch des Unmenschen: "Für eine SPD-geführte Landesregierung sage ich gerne zu, dass wir in ministeriellen Pressestellen und Broschüren des Landes Wert auf eine verständliche deutsche Sprache legen werden."

Der nächste Satz erfüllt den Plan nicht ganz: "Im exportstarken Ba-Wü sind viele Beschäftigte mit größter Selbstverständlichkeit in verschiedenen Sprachen zuhause" - der Sinn ist nicht ganz vorbildfunktionell, sondern so unklar wie der Satzbau: Gehen die Ausländer schon mit größter Selbstverständlichkeit mit unserem Deutschen um? Vielmehr: Selbstverständlich geackert im exportstarken Ba-Wü sowie jeder, auch der Ausländer, daher, wie er's braucht, nämlich wie ich, Vogt, und im Sinne einer beklagenswerten und aber sowieso sozialdemokratischen Egalität: "Was Frauen so daherreden, wenn der Tag lang ist" (Max Goldt).

Es war überhaupt ihr Monat -im Juli haben die vom betörenden Geschlecht fast alle Torheitsvögel abgeknallt. Ingelore Ebberfeld, Bremer Kulturwissenschaftlerin: "In Romanen und Filmen wird beim Geschlechtsverkehr stets geküsst, doch das hat nur begrenzt mit Realität zu tun." Jahres-Playmate Patricia: "Ich liebe meinen Busen." Steffi: "Ich bin total glücklich." Marion G. Dönhoff: "Das Nashorn hat 'nen guten Riecher, den neiden ihm die andren Viecher. Drum emigrierte es nach Bremen - und machte Schluss mit den Problemen" (Hanser Verlag, Juli 2001).

Schluss mit ihren Problemen machte per Emigration auch eine andere Symbolfigur; ihr aber, der gerade verstorbenen Hannelore Kohl, rief eine türkische Nachrichtensendung nach: "Die Türkei hat eine Schwiegermutter verloren." Oder wollen wir das lieber nett finden? Gut, wie wir heute eigentlich aufgelegt sind? Ja. Doch. Sehr hübsch sogar.

 

 
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