F.A.Z., 24. Januar 2002, Seite 45. Deutschland zerstšrt seine Muttersprache Weiter so? Auch in der Sprachenpolitik bleibt die Hand ruhig Im FrŸhjahr 2001 brachte die CDU/CSU-Fraktion eine "Gro§e Anfrage zur Verbreitung, Fšrderung und Vermittlung der deutschen Sprache" ein, die die Situation des Deutschen in In- und Ausland auf die Agenda setzt. Erst vergangene Woche hatte die Deutsche Akademie fŸr Sprache und Dichtung ein Memorandum zur Frage der Anglizismen vorgelegt (F.A.Z. vom 19. Januar). In unserem Beitrag setzt sich der Bamberger Sprachwissenschaftler Helmut GlŸck mit der inzwischen vorliegenden Stellungnahme der Regierung zur Anfrage auseinander, die heute im Bundestag eršrtert werden soll. Von Helmut GlŸck Eine Weltsprache war das Deutsche nie. Aber es war einige Generationen lang eine der gro§en internationalen Sprachen, namentlich in den Wissenschaften. Traditionell wurde Deutsch vor allem in Nord-, Mittel- und Osteuropa als Fremdsprache gelernt. Die beiden Weltkriege des zwanzigsten Jahrhunderts haben seinen Status nachhaltig beschŠdigt. Die Wiedervereinigung Deutschlands lšste eine neue Nachfrage aus, die manche hoffen lie§, die deutsche Sprache kšnne ihre frŸhere Bedeutung zurŸckgewinnen. Das war ein Irrglaube. Das Interesse am Deutschen geht seit etwa 1995 fast Ÿberall wieder zurŸck, teilweise dramatisch, teilweise unspektakulŠr, aber kontinuierlich. Die Zahl der Menschen, die das Deutsche als Fremdsprache beherrschen, wird weiter sinken. Unter dem Gesichtspunkt der VerstŠndigung auf niedrigem Niveau ist das kein Beinbruch: Das Englische wird es richten. Unter sprachensoziologischen und politischen Gesichtpunkten ist dieser Statusverlust bedenklich. Angesichts dieser Entwicklung hat die CDU/CSU-Fraktion im FrŸhjahr 2001 eine "Gro§e Anfrage zur Verbreitung, Fšrderung und Vermittlung der deutschen Sprache" im Parlament eingebracht. Die Fraktionen der Regierungsparteien brachten wenig spŠter eine eigene Anfrage ein. Die Regierungsantwort auf die Anfrage der CDU/CSU liegt inzwischen vor und soll heute im Parlament eršrtert werden. FŸr die CDU/CSU sind Pflege und Verbreitung der deutschen Sprache ein Politikum; die Regierung sieht das zwar teilweise auch so, doch Handlungsbedarf sieht sie kaum. In der CDU/CSU-Anfrage werden zunŠchst einmal die ZusammenhŠnge zwischen innerer und auswŠrtiger Kulturpolitik angesprochen. "Die deutsche Sprache ist eine der wesentlichen Grundlagen, auf der das Gemeinwesen der Bundesrepublik Deutschland ruht": wenn schon keine Leitkultur, dann wenigstens eine Leitsprache. Sprachkenntnisse seien fŸr die Integration von "auf Dauer in Deutschland lebenden auslŠndischen MitbŸrgern" unverzichtbar. Das trifft zu. Die Deutschkenntnisse der auslŠndischen Schulkinder beurteilt die Regierung in ihrer Antwort gŸnstig, auch wenn sie behauptet, da§ es dazu keine brauchbaren Untersuchungen gebe. Diese WissenslŸcke hat die Pisa-Studie definitiv geschlossen: Sie sind katastrophal. Neu ist diese Erkenntnis nicht. Schrumpfendes Schulfach Die Zahl der Menschen, die Deutsch als Fremdsprache kšnnen, liegt irgendwo zwischen 25 und 55 Millionen. Niemand wei§, wie viele Personen in Deutschland Deutsch als Fremdsprache lernen, wŠhrend die Zahl der Deutschlernenden im Ausland mit 20 bis 21 Millionen angegeben wird. Die Auflistung in der Regierungsantwort kommt allerdings nur auf gut 8,5 Millionen Deutschlernende weltweit, weil dort wichtige LŠnder (etwa Ru§land) nicht enthalten sind. In den LŠndern der EuropŠischen Union schrumpft das Schulfach Deutsch seit Mitte der neunziger Jahre fast Ÿberall. In Finnland, Belgien und anderen LŠndern hat das zu šffentlichen Debatten Ÿber die deutsche Sprachpolitik gefŸhrt. In der grš§ten finnischen Zeitung wurde sie jŸngst als kurzsichtig bezeichnet. In Mittel- und Osteuropa war die Nachfrage nach Deutsch zwischen 1990 und 1995 sprunghaft gestiegen, seither geht sie zurŸck. In Nord- und SŸdamerika ist sie leicht gestiegen, wŠhrend sie in Japan und Korea dramatisch abnimmt. Kaum ein Wort verliert die Regierung zu Ru§land, dem Land, in dem seit zweihundert Jahren stets die weitaus grš§te Gruppe von Menschen lebte, die Deutsch lernten und konnten. Von 1992 bis 1995 ging dort die Zahl der Deutsch-SchŸler von 4,28 Millionen auf 3,87 Millionen zurŸck, wŠhrend die Zahl der Englisch-SchŸler von 6,7 Millionen auf fast 7,9 Millionen stieg. €hnlich in der Ukraine: Von 1989 bis 1995 sank die Zahl der OberschŸler, die Deutsch lernten, von 966 600 auf 872 000, wŠhrend die Zahl der Englisch-SchŸler von 2,85 Millionen auf 3,67 Millionen zunahm. Die Regierung hŠlt das fŸr eine dem Proze§ der Globalisierung geschuldete Entwicklung. In demokratischen LŠndern hŠngt es nach Meinung der Regierung von SchŸlern und Eltern ab, welche Schulfremdsprachen gelernt werden. Das ist ein Kšhlerglaube: Die Entscheidung Ÿber das Schulsprachenangebot funktioniert nicht nach dem Graswurzelprinzip. Sie wird nach au§en- und wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten getroffen, nicht im Familienrat. Das kann man gut im Ostseeraum studieren, wo das Deutsche jahrhundertelang die ma§gebliche Fremdsprache war. Das ist es inzwischen nicht mehr. In Schweden beispielsweise lernt heute jedes Kind Englisch, aber nicht mehr sehr viele Kinder lernen Deutsch. Von 1997 bis 2000 ging dort der Anteil des Deutschen an den Oberschulen von 50 auf 35 Prozent zurŸck, die Zahl der Germanistikstudenten sank um 21,7 Prozent, in der Erwachsenenbildung schrumpfte die Nachfrage nach Deutsch von 1991 bis 2000 um 75 Prozent. †ber die Arbeit des Goethe-Instituts Inter Nationes, der Auslandsschulen und des DAAD sagt die Regierung nur Freundliches. Mit dem bestehenden System der SprachprŸfungen fŸr den Hochschulzugang ist sie zufrieden, von gefŠlschten Sprachzeugnissen wei§ sie nichts. Die BemŸhungen privater Stiftungen um Sprachfšrderung im Ausland hŠlt sie fŸr wertvoll, doch einen †berblick darŸber besitzt sie nicht. Die Kosten der staatlichen AktivitŠten in der Sprachfšrderung sind ihr fŸr den Bund bekannt (2001 knapp 488 Millionen Mark), fŸr die LŠnder nur zum Teil und fŸr die Kommunen gar nicht. †ber den Umfang der Austauschprogramme fŸr SchŸler, Studenten und Lehrer wei§ sie nichts Genaues; lobenswert sind sie ihr allemal. DafŸr ist die Kooperation zwischen dem Bund und den LŠndern "eng und vertrauensvoll". Die Koordination all dieser AktivitŠten hŠlt die Regierung fŸr ausreichend. Die Mittel fŸr die Auslandsschulen sanken zwischen 1995 und 2001 um fast 10 Prozent. Die Zahl der Bundesprogrammlehrer ging von 1999 bis 2001 um 27 Prozent zurŸck. Das Goethe-Institut mu§te ruinšse KŸrzungen hinnehmen. Dennoch glaubt die Regierung, da§ sich der Zulauf zum Deutschunterricht krŠftig verstŠrken wird, weil in Mittel- und Osteuropa die einheimischen Deutschlehrer einen neuen Aufschwung selbst herbeifŸhren und bewŠltigen wŸrden. Die Qualifikation der Deutschlehrer ist nŠmlich nach ihrer Kenntnis "in den meisten LŠndern au§erordentlich hoch". Die Mittel, die viele Jahre lang in entsprechende Programme geflossen sind, dŸrfen schlie§lich nicht umsonst ausgegeben worden sein. Kein Gedanke daran, da§ die Deutschlehrer in vielen LŠndern den Schuldienst quittieren, weil die Bezahlung unter dem Existenzminimum liegt, kein Gedanke daran, da§ deutsche Programmlehrer in Osteuropa jahrelang Potemkinsche Dšrfer bewirtschaftet haben, indem sie den Deutschunterricht aufrechterhielten, wo einheimische Deutschlehrer aufgegeben hatten. Auch nach Julian Nida-RŸmelins €u§erung, der zufolge das Deutsche als Wissenschaftssprache "tot" sei, fragte die Opposition. Das hat er zwar gesagt, aber, so die Regierung, er sei mi§verstanden worden. Das Englische sei in den Natur- und Technikwissenschaften heute die lingua franca. Nicht mehr habe jener sagen wollen. Im Ÿbrigen mŸsse das Deutsche im eigenen Land Wissenschaftssprache bleiben. Was hat der Minister blo§ gemeint? Hat er vor, aus Mitteln seiner Bundeskulturstiftung Goethe-Institute oder Auslandsschulen zu sanieren? Damit das Deutsche auch anderswo als Wissenschaftssprache blŸht, fšrdert die Regierung an auslŠndischen UniversitŠten 74 deutschsprachige StudiengŠnge; viele weitere sollen folgen. Gleichzeitig wurden mit Bundesmitteln Dutzende englischsprachiger StudiengŠnge in Deutschland eingerichtet. Kulturelles Menetekel Das Deutsche ist Amts- und Arbeitssprache der EuropŠischen Union - offiziell. In der Praxis wird das Deutsche allerdings kaum verwendet, und FŠlle von absichtlicher Diskriminierung sind belegt. Deshalb ist es abwegig, da§ die Regierung verspricht, sich "auch weiterhin fŸr eine Festigung der Position der deutschen Sprache einzusetzen" - inexistente Positionen kann man nicht festigen, allenfalls anstreben. Die deutsche Schuljugend soll nach Meinung der Regierung mehr Fremdsprachen lernen. Deshalb brauche man neue Konzepte fŸr die Lehrerausbildung. KŸnftigen Deutschlehrern mŸsse man "die Didaktik des Deutschen als Zweitsprache" beibringen und sie ermahnen, "verŠnderte Lernkulturen" zu berŸcksichtigen. Zur Didaktik kann man jedoch erst schreiten, wenn man den Gegenstand verstanden hat, den man andere lehren will. Sprachen kann nur lehren, wer den grammatischen Bau und den Wortschatz der zu lehrenden Sprache kennt und etwas wei§ Ÿber Verwendungsregeln. Absolventen von LehramtsstudiengŠngen im Fach Deutsch beherrschen das alles nur unvollkommen. Schlie§lich kommt die Anfrage zu einem innenpolitischen Thema, das viele GemŸter erregt: den Anglizismen. Hier gibt die Regierung Entwarnung: Weder werde das Deutsche durch die vielen Anglizismen zu einer anderen, "nicht-deutschen Sprache", noch wŸrden Menschen ohne Englischkenntnisse von der šffentlichen Kommunikation ausgeschlossen. Deshalb seien Ma§nahmen zum Schutz der Sprache unnštig, doch andererseits lege sie gro§en Wert auf ihre Pflege und denke Ÿber die Einrichtung eines "Deutschen Sprachrats" nach, der sich um die Sprache kŸmmern, aber niemandem Vorschriften machen solle. Die LŠnder haben Interesse signalisiert, die Ÿblichen FunktionŠre aus der Germanistik ebenfalls. Wenn es nichts zu tun gibt, ist dieser Sprachrat ŸberflŸssig. Gibt es doch etwas zu tun, ist die Lagebeurteilung der Regierung falsch. Die Anfrage der CDU/CSU-Fraktion war die Aufforderung zu einer systematischen, alle Bereiche erfassenden Bestandsaufnahme. Die Regierung hat diese Chance nicht genutzt. Sie redet schšn, wo es Probleme gibt, sie harmonisiert, wo Konflikte offenbar sind, und sie zeichnet das Bild einer weitgehend heilen sprachpolitischen Welt. Sie verschweigt, da§ die Sprachpolitik der anglophonen LŠnder offensiv angelegt und sehr erfolgreich ist, da§ die vergangenen Jahre dem Deutschen als Fremdsprache vor allem RŸckschlŠge eingebracht haben, da§ inzwischen absehbar ist, was Au§enminister Fischer im Sommer 2000 als Menetekel an die Wand gemalt hatte: die kulturelle Au§enpolitik werde "in einem blo§en ,Weiter so' etablierter Strukturen ersticken". DafŸr trŠgt er die Verantwortung.