Ich rufe den Tagesordnungspunkt 6 auf: Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten Dr. Norbert Lammert, Bernd Neumann (Bremen), Renate Blank, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU Verbreitung, Förderung und Vermittlung der deutschen Sprache - Drucksachen 14/5835, 14/7250 - Da dieses Thema hohe Anforderungen an die nachfolgenden Redner stellt, bitte ich um Ihre besondere Aufmerksamkeit. (Heiterkeit) Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die Aussprache eine Dreiviertelstunde vorgesehen. - Sie sind einverstanden. Dann ist es so beschlossen. Ich eröffne die Aussprache und gebe das Wort für die Antragstellerin der soeben eintreffenden Kollegin Erika Steinbach. Erika Steinbach (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Im Feuilleton der "FAZ" (Dr. Peter Eckardt [SPD]: Von heute!) - vom heutigen Tage - gibt es eine hochinteressante Analyse zur Situation der deutschen Sprache im In- und Ausland. Der Autor durchleuchtet darin als Sprachwissenschaftler akribisch die Haltung der Bundesregierung aufgrund der Großen Anfrage der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Ich will es Ihnen und mir ersparen, daraus zu zitieren. Aber die Überschrift spricht wirklich Bände: "Deutschland zerstört seine Muttersprache". (Joachim Stünker [SPD]: Das stimmt nicht!) Das Beunruhigende daran ist, dass diese Bundesregierung das nicht einmal bemerkt. Denn der Antwortenkatalog, der heute zur Debatte steht, will suggerieren, dass bei uns in Deutschland, was unsere Muttersprache angeht, alles in bester Ordnung ist. Die Antworten der Bundesregierung sind von tiefster Zufriedenheit durchdrungen. Der Bundesregierung macht es keine Sorgen, dass das Interesse an der deutschen Sprache weltweit abnimmt, auch in unseren europäischen Nachbarländern. Sie lässt keinen Hauch von Erkenntnis durchschimmern über die deprimierende Situation der deutschen Auslandsschulen und die schwierigen Balanceakte, die das Goethe-Institut Jahr für Jahr vollziehen muss, um die Qualität seiner Arbeit halbwegs zu sichern. Die heile Welt, die der Antwortenkatalog der Bundesregierung vorzeigt, ist ein potemkinsches Dorf. (Sabine Kaspereit [SPD]: Das ist Russisch!) - Das ist eine Kulisse, die als russischer Ort vorgezeigt wurde. (Sabine Kaspereit [SPD]: Da gab es einen Herrn, der Potemkin hieß!) - Richtig. Sie haben Recht. Die überragende Bedeutung der englischen Sprache ist weltweit unübersehbar. Dennoch wird das Erlernen des Deutschen in vielen Ländern mit der Erwartung besserer beruflicher Chancen verbunden. Das muss von Deutschland aber ausreichend gefördert werden. Wir dürfen uns da nicht indolent hinsetzen und die Hände in den Schoß legen. Sprache spielt im Wirtschaftsleben und im Bereich der Wissenschaft international eine wichtige Rolle. Inves titionen in die Sprachkompetenz sind auch für Unternehmen wichtig für die Zukunft. Die Vermittlung der deutschen Sprache spielt für unser Land im Globa lisierungsprozess und für Deutschlands Stellung in der Welt insgesamt eine wichtige Rolle. Das scheint manchem gar nicht so recht bewusst geworden zu sein. Ein anderer Bereich ist existenziell wichtig, wenn man die Bedeutung der Sprache nach außen tragen will. Sprachvermittlung hängt untrennbar mit der Wertigkeit der eigenen Sprache im Inneren dieses Landes zusammen. Hier hat uns die PISA-Studie - ich nehme an, damit geht es uns allen, egal welcher Partei wir angehören, gleich - die Augen geöffnet. Mancher hat ja geahnt, wie dramatisch es ist, aber hier haben wir einen Beleg dafür: Sprachpflege, Sprachfähigkeit und Sprachverständnis werden in deutschen Schulen, jetzt für alle offenbar und offensichtlich, nur unzulänglich vermittelt; sie werden so vermittelt, dass wir im internationalen Vergleich ein wirklich trauriges Bild abgeben. (Dr. Norbert Lammert [CDU/CSU]: Das ist leider zutreffend!) Ich hoffe sehr, dass der allgemeine Schock darüber keine Eintagsfliege bleibt und sich in Lehrplänen und im Lehralltag am Ende fruchtbar niederschlägt. Damit zöge man immerhin einen Gewinn aus den Ergebnissen die ser Studie. Dabei ist auch die Frage der Sprachintegration nach Deutschland zugewanderter Menschen nicht zu vernachlässigen. Die babylonische Sprachverwirrung in nicht wenigen Schulklassen hemmt das Verständnis unter einander und verhindert eine gute deutsche Sprachausbildung aller Schüler, egal welcher Nationalität. Auch die Sprachfähigkeit und Sprachkompetenz der deutschen Schüler wird dadurch am Ende beeinträchtigt. Dass das keine einfache Aufgabe ist, wissen alle im Lande. Wir müssen aber diese Aufgabe bewältigen. Einen wesentlichen Anteil daran haben die Bundesländer, aber auch die Bundesregierung und wir im Bundestag sind gefordert und dürfen die Augen davor nicht verschließen, denn wir müssen dieses Problem bewältigen. Die Bundesregierung hat in ihrer Antwort aber eines fast völlig übersehen, nämlich dass sich Menschen in Deutschland immer öfter in ihrer eigenen, deutschen Muttersprache nicht mehr ausreichend informieren können. Das ist mit der Feststellung, dass man Anglizismen hinnehmen müsse, nicht abgetan. Fremdwörter haben wir immer in unsere eigene Sprache eingebaut. Wir haben ein massives lateinisches Fundament, wir haben Vokabeln, die ihren Ursprung im Griechischen haben, wir haben viele französische Elemente in unserer Sprache. (Dr. Norbert Lammert [CDU/CSU]: Und immer noch einzelne deutsche!) Anglizismen sind hinnehmbar, aber die Entwicklung ist ja dramatischer: Ein offener Blick ins Alltagsleben kann Ihnen das auch plastisch deutlich machen. Wer sehen will, der kann es sehen, und wer hören will, der kann es auch hören. Jüngst drückte eine wirklich freundliche Verkäuferin in einem großen Warenhaus den vorbeieilenden Kunden - einer davon war ich - eine eindrucks volle Werbebroschüre in die Hand. Darin wurden kosmetische Produkte an gepriesen: Für die Herren ... - nein, so stand das da nicht drin, sondern: "for men - shaving foam bath soap" und "for women - soft cleansing emulsion, peach and honey mask" oder "eye make-up remover pads". Ist das ein Einzelfall? Nein, natürlich ist das beileibe kein Einzelfall, das ist Alltag hier im Lande. Tagtäglich begegnet uns das. Heute flatterte mir auf meinen Schreibtisch - es kommt ja viel Werbung in unseren Abgeordnetenbüros an - eine hochelegante Einladung zur Präsentation der "spring summer collection" eines Modehauses auf den Tisch. (Dr. Peter Eckardt [SPD]: Da gehen Sie doch hin, oder?) Ein Flugschein? Nein, das "passenger ticket and baggage check" lässt sich für den, der des Englischen nicht mächtig ist, nur mithilfe eines Dolmetschers entschlüsseln und auch die Werbung auf der Flugscheinhülle preist eine Uhrenmarke als "instruments for professionals". Deutschsprachige Erläuterung dazu - absolute Fehlanzeige. Meine lieben Kollegen, einander verstehen zu können, dient dem friedlichen Miteinander, es dient der freundschaftlichen Kontaktpflege, es dient auch der kritischen Auseinandersetzung. Aber dieses Verstehen beginnt schon im eigenen Haus, im eigenen Land, in der eigenen Muttersprache. Denn am Anfang war wirklich das Wort. Man darf nicht Augen und Ohren davor verschließen, dass heute durch Werbung und mangelhafte deutsche Produktbeschreibung Millionen von Menschen vom Dialog im eigenen Heimatland ausgegrenzt sind, da dieser nicht mehr muttersprachlich geführt wird. Sie werden zu sprachlichen Analphabeten im eigenen Lande gemacht. (Beifall bei der CDU/CSU) Wer kein Englisch gelernt hat, versteht das Hinweisschild "fasten your seat belt" in einem Taxi eben nicht und hat doppeltes Pech, wenn er auf einen Taxifahrer trifft, der wiederum kaum Deutsch versteht und spricht. Wenn technische Alltagsgeräte wie Radio, Fernseher oder Videorekorder mit "On" bzw. "Off" ein- oder ausgeschaltet werden müssen, ist mancher Verbraucher nur noch mithilfe der Gebrauchsanweisung in der Lage, diese oder andere wichtige Tasten wie "Timer", "Reverse" usw. zu drücken und dabei zu wissen, was er damit auslöst - wobei die deutschsprachige Anweisung nicht selten erst auf den hintersten Seiten unter ferner liefen zu finden ist. Es ist mehr als eine Zumutung, muss ich Ihnen sagen, wenn die ältere Dame beim Einkauf im Supermarkt die Duftnote von Teelichtern erschnüffeln muss, weil sie nicht weiß, dass Strawberry Erdbeere oder Blueberry Blaubeere heißt. Das ist eine Entwürdigung von Menschen und das ist zutiefst unsozial. (Beifall bei der CDU/CSU) So arrogante Bemerkungen wie "Die Enkelkinder könnten ja der Oma erläutern, was Sache ist", erinnern mich fatal an die Aussage: Kinder, klärt eure Eltern auf. So findet tagtäglich soziale Ausgrenzung von Menschen statt. Das Tragische ist: Viele von diesen Menschen wagen kaum zu sagen, dass sie einen Teil ihres Sprachenalltags überhaupt nicht mehr verstehen. Zugewanderte, die sich zunächst mühsam in der deutschen Sprache zurechtfinden müssen, werden so noch etwas mehr aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Diese Entwicklung über Jahrzehnte drängt unzählige Menschen im Lande in die Ecke. Sie können in Bezug auf das Sprachverständnis nicht mehr mithalten. Zu Deutschlands Sprachenalltag muss man am Ende mit Shakespeare sagen: "Sie sind auf einem großen Schmaus von Sprachen gewesen und haben sich die Brocken gestohlen." Damit zerstört Deutschland tatsächlich seine Muttersprache. Der Autor in der "FAZ" hatte Recht. (Beifall bei der CDU/CSU) Vizepräsident Dr. h. c. Rudolf Seiters: Für die SPD-Fraktion spricht der Kollege Dr. Peter Eckardt. Dr. Peter Eckardt (SPD): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich werde mich mit dem Problem der Anglizismen nicht auseinan der setzen, weil es dann vielleicht Lacher wegen meiner Aussprache des Englischen gäbe. Aber ich denke, der geschätzte Bamberger Sprachwissenschaftler Glück, der sich heute in der "FAZ" - zeitgerecht für Sie, Herr Lammert - geäußert hat - in einem etwas holprigen Deutsch, vielleicht auch etwas zu langatmig -, will nicht bestreiten - das hat er mit seinem Aufsatz in der "FAZ" auch nicht beabsichtigt -, dass die deut sche Sprache nicht nur eine wichtige Kultur- und Verkehrssprache ist, die noch immer von weit mehr als 100 Millionen Menschen in Europa und in der Welt gesprochen wird, sondern anerkanntermaßen auch eine wichtige Wissenschaftssprache, die seit der Gründung deutscher Universitäten neben Latein über Jahrhunderte gelehrt und gelernt wurde und wird. Da ich mich nicht in der Lage sehe, etwas zu beschönigen, muss auch erwähnt werden: Ihre Bedeutung ist weltweit zurückgegangen. Ich kann aber nicht erkennen, dass die jetzige Regierung in Berlin in irgendeiner Form Schuld daran trägt, und ich kann auch nicht erkennen, dass die Regierung alles schönredet, wie das im "FAZ"-Artikel behauptet wird. Die Überschrift "Deutschland zerstört seine Muttersprache" ist unangemessen. An den Hochschulen - nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern -wird in unserer Sprache nicht nur gesprochen, sondern auch in deutscher Sprache gelehrt und es werden Forschungsergebnisse in deutscher Sprache veröffentlicht. Die Tendenz ist trotz gegenteiliger Meinungsäußerungen teilweise steigend, erfreulicherweise besonders in Osteuropa und Südostasien. Deutsch ist neben Russisch die auch in den Lehrveranstaltungen der Hochschulen Europas von den Studierenden am meis ten gesprochene und geschriebene Muttersprache. Es ist richtig, die Bedeutung der deutschen Sprache als Wissenschaftssprache ist zurückgegangen, von der Aufklärung bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ganz allmählich. Mir hat noch niemand gesagt, welche Möglichkeiten es gibt, diesen Prozess aufzuhalten. Konnte Humboldt vor 180 Jahren noch unwidersprochen definieren: "Gebildet ist, wer Latein spricht" - wobei er unterstellte, dass natürlich auch Deutsch gesprochen wurde -, gilt heute die Definition: "Weltoffen ist, wer gut Englisch spricht" - natürlich unterstellt, dass man dann auch gut Deutsch sprechen kann. Der Rückgang des Deutschen beschleunigte sich erst - da hat Herr Glück Recht - mit dem Bedeutungsverlust der Wissenschaft in Deutschland während der 30er-Jahre in der Nazizeit und ist keine aktuelle Entwicklung, aber eine Entwicklung, unter der wir noch heute leiden. Während Thomas Mann auch im Exil in deutscher Sprache geschrieben hat, haben Wissenschaftler - im Wesentlichen im naturwissenschaftlichen Bereich - und andere Schriftsteller während ihres Exils des Überlebens wegen oft die Sprache wechseln müssen, um überhaupt gehört zu werden. Wenn ich aber aus der Großen Anfrage der CDU/CSU herauslese, dieser Prozess habe sich erst in den letzten Jahren beschleunigt, so liegt diese Einschätzung neben der Realität. Wenn in dieser Anfrage intendiert wird, dass es politisch möglich sein könne, durch Sprachschutzgesetze, Quoten, Gerichts urteile oder andere Restriktionen die deutsche Sprache zu retten, sie gar wieder zu einer Weltumgangssprache zu machen, dann ist dies eine wissenschaftliche Fehleinschätzung. Am Bedeutungsverlust des Französischen in der Welt und in Europa kann man ablesen, wie trotz der Schutzgesetze und Förderprogramme dieser Prozess nicht aufzuhalten war. Eine schnelle und über Grenzen hinweg geführte Kommunikation, meist auf elektronischem Wege, zwingt heute gerade zu einer gemeinsamen Sprache der Kommunikation und lässt wenig Platz für andere als lateinische Buchstaben und wenig Raum für andere Sprachen als Englisch. Wir als Deutsche werden akzeptieren müssen, dass in technischen und ingenieurwissenschaftlich gestützten Kommunikationen auch in der Zukunft aus schließlich in Englisch gesprochen und geschrieben wird. Wir sollten uns bei unseren Bildungskonzepten darauf einstellen. Diese Entwicklung sollte auch nicht aufgehalten werden, garantiert sie doch eine länderübergreifende Zusammenarbeit, die allen Ländern Chancen und Erfolge bringt. Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind nämlich auf Kommunikation, Kooperation und Austausch angewiesen, nicht die anderen auf uns. Mit mehreren Gesetzen zur Förderung des Wettbewerbs und der Leistungsfähigkeit und finanziell gestützten Programmen hat diese Regierung diesen wissenschaftlichen Austausch, der uns allen nützt, wieder in Schwung gebracht. Sie hat damit mehr getan, als möglicherweise durch Gesetze, die unsere Sprache schützen sollen, erreicht werden könnte. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) Was sollten wir weiter tun, um die deutsche Sprache in der Wissenschaft zu fördern? Das Lehren und Lernen von Sprachen im Tandem und eine leistungsfähige Übersetzungskunst verbessern trotz der Allgegenwart von Englisch nicht nur die Internationalität von Wissenschaft, sondern nützen der deutschen Sprache und Wissenschaft gleichermaßen. Auf diese Aufgaben sollten wir uns bildungspolitisch konzentrieren. Dann können wir auch weiterhin sicher sein, dass in den Geisteswissenschaften und in den literaturbezogenen Bereichen die Kommunikation in deutscher Sprache weltweit zukünftig nicht nur erhalten wird, sondern noch ausbaufähig ist. Voraussetzung für die Entwicklung ist die Förderung der deutschen Sprache im Ausland, dort, wo sie gepflegt wird, damit die Kenntnisse nicht über zwei Generationen abreißen, was das große Problem ist. Diese Kontinuität ist in einigen Ländern Südamerikas und Asiens gefährdet. Es versteht sich wissenschaftspolitisch von selbst, dass die Finanzmittel hierfür nie genügen können. Vor 150 Jahren wurden - so habe ich gelesen - noch viele Lehrveran staltungen an berühmten europäischen Universitäten vollständig in deutscher Sprache gehalten. Die Zeiten, als in Coimbra in Portugal, in Dorpat in Estland und in Prag ausschließlich in deutscher Sprache gelehrt wurde und die Medizinstudenten Anatomie aus deutschen Lehrbüchern lernten, sind natürlich längst vorbei. Man kann, ohne Prophet zu sein, sagen: Sie werden auch nicht wiederkommen. Aber zarte deutsche Sprachpflanzen auch außerhalb der Germanistik blühen an den ausländischen Universitäten, die Lehrveranstaltungen in deutscher Sprache anbieten und in deutscher Sprache publizieren. In dem von vielen für die Wissenschaft überschätzten Internet spielt die deutsche Sprache ebenfalls kein Schattendasein, was Sie gut beobachten können, wenn Sie sich dieses Mediums bedienen. Aber ich bin sicher, dass die deutsche Sprache auch zukünftig eine wichtige Rolle in der Wissenschaft spielen wird. Sie muss lediglich vor Politikern und Journalisten geschützt werden, die ihr oft arg mitspielen. Vielleicht ist die Reihenfolge eine andere als die, die ich gerade genannt habe. Danke schön. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der PDS) Vizepräsident Dr. h. c. Rudolf Seiters: Für die FDP-Fraktion spricht der Kollege Gerhard Schüßler. Gerhard Schüßler (FDP): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Essen Sie gerne Äpfel? Wenn ja und wenn Sie heute Mittag zufällig im Res taurant gewesen sein sollten, haben Sie sich sicherlich über die dort kostenlos dargebotenen Äpfel aus Südtirol gefreut. Wenn Sie sich einen solchen Apfel genauer angesehen haben, dann haben Sie auf jedem einen Aufkleber bemerkt, der wohl Aufschluss über den Namen der Apfelsorte geben soll. Wohlgemerkt: Der Apfel kommt aus Südtirol. Er hat aber weder einen italienischen noch einen deutschen Namen, sondern er heißt "Pink Lady". (Heiterkeit im ganzen Hause - Monika Griefahn [SPD]: So sieht er aber nicht aus!) Hier haben Sie exemplarisch das, worum es heute eigentlich geht. Im weltweiten Sprachenwettbewerb liegt die englische Sprache ganz klar vorn. Diese Erkenntnis verdanken wir allerdings nicht der Großen Anfrage der CDU/CSU-Fraktion und deren Beantwortung durch die Bundesregierung. Mit dieser Erkenntnis schlagen sich Kulturpolitiker und ganze Heerscharen von Sprachwissenschaftlern seit geraumer Zeit herum. Doch die manchmal künstliche, manchmal wissenschaftlich fundierte Erregung über diesen Umstand ist zwar wohlfeil, geht aber nach meiner Überzeugung in die falsche Richtung. Wenn wir im Wettbewerb der Sprachen stehen, sollten wir uns nicht über Anglizismen in der deutschen Sprache, über die auch ich mich zugegebenermaßen oft ärgere, und auch nicht über das so genannte "Denglisch", wie man sarkastischerweise sagt, ereifern. Wir müssen uns vielmehr fragen, welche Rolle die deutsche Sprache im In- und insbesondere im Ausland in Zukunft spielen soll und wie wir dieses Ziel erreichen wollen. (Beifall bei der FDP) Zwei Dinge sollten uns bei dieser Diskussion von vornherein klar sein: Erstens. Die deutsche Sprache hatte nicht zuletzt wegen der politischen Situation nach dem Dreißigjährigen Krieg zu keinem Zeitpunkt seit dem 17. Jahrhundert Chancen, als Weltsprache mit dem Englischen oder dem Französischen zu konkurrieren. Deshalb sollten wir auch heutzutage nicht versuchen, dem Englischen den ersten Rang in der Riege der Sprachen der Welt streitig zu machen. Zweitens. Für jeden Kulturstaat ist die eigene Sprache die wesentliche Basis seines Selbstverständnisses. Hier sind erhebliche Versäumnisse von Schulen und in Sonderheit auch von Medien festzustellen. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU) Es kann schon grausam sein, die Sprache mancher Moderatoren im deutschen Fernsehen "genießen" zu müssen. Die deutsche Sprache ist nämlich unmittelbar verbunden mit dem Ansehen Deutschlands in der Welt als Land der Dichter und Denker, mit den hervorragenden Zeugnissen des 19. und 20. Jahrhunderts und mit den wissenschaft lichen Höchstleistungen deutscher Universitäten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Erfreulich ist, dass seit der Wiedervereinigung Deutschlands die bis zu diesem Zeitpunkt vorhandene eher rückläufige Tendenz in Bezug auf die Verbreitung der deutschen Sprache in der Welt umgekehrt wurde. Die Position der deutschen Sprache wurde seitdem nicht nur gefestigt, sondern auch ausgebaut. Insbesondere in den Staaten Mittelosteuropas bis hin nach Russland erfreut sich die deutsche Sprache, die dort einmal Lingua franca war, wieder großer Beliebtheit. Dass dies so ist, ist zum Großteil das Verdienst des Goethe-Instituts - mittlerweile Goethe-Institut Inter Nationes -, das wirklich unermüdlich an der Verbreitung unserer Muttersprache in diesen Ländern arbeitet. Wenn Sie sehen, welche Aktivitäten trotz knapper werdender Mittel entfaltet worden sind, dann können Sie vor dieser Leistung nur den Hut ziehen. Aber nicht nur dort, wie es sich dem jüngsten Bericht des Goethe-Instituts Inter Nationes entnehmen lässt, wird die deutsche Sprache im Ausland gefördert. Die Menschen unterschiedlichster Nationalität und Herkunft lernen Deutsch bei "Goethe". Damit - das sei an dieser Stelle einmal deutlich gesagt - erfüllen die Mitarbeiter des Goethe-Instituts Inter Nationes nicht nur ihre Pflicht, sondern sie leisten im wahrsten Sinne des Wortes Dienst am Vaterland. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU) Gerade für Deutschland ist es wichtig, dass andere Menschen unsere Sprache erlernen und dadurch Kenntnisse über unser Land und seine Menschen erlangen. Beides ist Voraussetzung dafür, aktuelle Informationen über Deutschland aufzunehmen und richtig zu verwerten. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU) Dem gerade aus dem Amt verabschiedeten Hilmar Hoffmann und all seinen Mitarbeitern möchte ich in diesem Zusammenhang auch im Namen der FDP-Bundestagsfraktion nochmals Dank und Anerkennung für diese Arbeit aussprechen. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Zum Schluss möchte ich auf die Debatte von heute Morgen zur auswärtigen Kulturpolitik hinweisen. Die Verbreitung der deutschen Sprache im Ausland leidet unter Sparmaßnahmen bei den Mittlerorganisationen, liebe Kolleginnen und Kollegen von SPD und Grünen. Zu Zeiten der Regierung Kohl haben wir noch ein Sonderprogramm für die deutsche Sprache mit einem Volumen von 40 Millionen DM aufgelegt. Davon ist heute keine Rede mehr. Aber die diesbezüglichen Vorwürfe hat Herr Hoffmann an die Adresse der Bundesregierung im Rahmen seiner Abschiedsrede in der vergangenen Woche in München erneut vorgetragen. Die Vorwürfe waren eindeutig. Nur scheint dies bei der Bundesregierung und den Kolleginnen und Kollegen von SPD und Grünen nicht gefruchtet zu haben. Für die deutsche Sprache im Ausland und das Ansehen Deutschlands in der Welt ist das außerordentlich bedauerlich. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir alle begegnen täglich vielen Menschen. Wir sprechen mit ihnen und halten Reden in mehr oder weniger vollen Sälen. Wir als Abgeordnete des Deutschen Bundestages sind in Sonderheit aufgerufen, einen sorgsamen Umgang mit unserer Sprache zu pflegen und ihre Markierungen und manipulierenden Verkleidungen zu enthüllen. Vielen Dank. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Ich gebe dem Staatsminister Dr. Ludger Volmer das Wort. Dr. Ludger Volmer, Staatsminister im Auswärtigen Amt: Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Sprachenpolitik bestimmt nicht die Schlagzeilen, sie ist aber gewichtiger Teil einer auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, die - so unterstrich Bundespräsident Rau in seiner Neujahrsansprache vor dem Diplomatischen Corps - nicht weniger ist als "die beste zivile Krisenprävention". Förderung von Mehrsprachigkeit ist Kernelement einer solchen Politik. Dies gilt besonders im europäischen Kontext. Mehrsprachigkeit hilft, die europäische Integration auf ein festes kulturelles Fundament zu stellen. Nur wenn alle Sprachen in der EU geachtet werden, wird diese zur Heimat für die Bürgerinnen und Bürger. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS) Mit dem "Europäischen Jahr der Sprachen" in 2001 sollte bewusst gemacht werden, welch entscheidende Rolle Mehrsprachigkeit für Europas Zukunft spielt. Dieses Ziel, engagiert unterstützt durch die Bundesregierung, wurde dank zahlreicher öffentlichkeitswirksamer Projek te erreicht. Allein in Deutschland haben über 1000 Veranstaltungen stattgefunden, von Sprachenfestivals bis zu Konferenzen, von Wettbewerben bis zu Theaterwochen. Förderung von Mehrsprachigkeit bedeutet zunächst, dass wir Deutschen mehr Sprachen lernen sollten. Wir können nur dann glaubwürdig für die deutsche Sprache im Ausland werben, wenn wir selbst Fremdsprachen lernen. In allen Bundesländern beginnt der Fremdsprachenunterricht mittlerweile bereits in der Grundschule. Dieser frühe Beginn ist nicht nur pädagogisch sinnvoll, er ermög licht es auch, eine zweite Fremdsprache auf breiter Basis einzuführen. Heute haben wir erlebt, Frau Steinbach, wie Sie sich um die Förderung der russischen Sprache - "potemkinsche Dörfer" - im Bundestag verdient gemacht haben. Auch das ist zu begrüßen. Mehrsprachigkeit bedeutet auch, Fremdsprachen, namentlich Englisch, stärker an unseren Bildungseinrichtungen zu etablieren. Englisch dominiert zusehends die Wissenschaft, auch wenn Deutsch insbesondere in den philosophischen Fächern noch bevorzugt wird. Das Internet verstärkt die Dominanz des Englischen weiter, ohne dass dort allerdings das Deutsche verschwindet. Den Wettbewerb um die besten Köpfe können wir also nur erfolgreich bestreiten, wenn wir jungen Menschen aus aller Welt die Chance geben, an unseren Schulen und Hochschulen auf Englisch zu studieren. (Beifall der Abg. Angela Marquardt [PDS]) Im Rahmen des Programms "International ausgerichtete Studiengänge" fördert die Bundesregierung deshalb mit 35 Millionen Euro 52 Studiengänge, in denen verstärkt Englisch verwendet wird. So lässt sich Deutschland als Wissenschaftsstandort attraktiv erhalten. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der SPD und bei der PDS) Dies kann umgekehrt aber auch erleichtert werden, wenn Schüler und Studenten die deutsche Sprache in ihren Heimatländern erlernen. Gerade dann werden sie den Wunsch haben, ihre Kenntnisse an einer deutschen Hochschule zu vertiefen. Eine wichtige Aufgabe ist also die Förderung der deutschen Sprache im Ausland. Wo Deutsch gelehrt und gelernt wird, genießen wir einen Sympathievorschuss, der sich in kulturellem Austausch, politischen Verhandlungen oder wissenschaftlichen Inves titionen positiv auswirkt. Hier spielen übrigens auch all die Deutschstämmigen, die die Sprache konservieren und weitergeben, eine wertvolle Rolle, auch wenn ihr eigenes Deutschlandbild hier und da einer Modernisierung bedarf. Wir alle sind uns, wie ich meine, vollkommen darüber einig, welchen Stellenwert die Deutschförderung im Ausland gerade im Zeitalter der Globalisierung hat. Deutsch gehört nach wie vor zu den bedeutendsten und attraktivs ten Sprachen. Etwa 91 Millionen Menschen sprechen Deutsch als Muttersprache. Schätzungen gehen von bis zu 55 Millionen weltweit aus, die Deutsch als Zweitsprache gelernt haben. Ein Zentrum liegt in Mittel- und Osteuropa und in den GUS-Staaten. Hier steht Deutsch nach Englisch an zweiter Stelle. Allein in Russland lernen knapp 4 Millionen Schüler Deutsch. Es gibt aber auch gegenläufige Tendenzen: In wichtigen Partnerstaaten, wie Frankreich und den Niederlanden, ist die Zahl der Deutschlernenden rückläufig oder nimmt die Intensität des Unterrichts ab. Um Verbreitung, Pflege und Vermittlung der deutschen Sprache auf dem immer wichtiger werdenden elektronischen Wege macht sich zum Beispiel auch die Deutsche Welle verdient. Sie präsentiert ein weltweites Fernseh-, Radio- und Internetangebot, das von der Bundesregierung in 2001 mit etwa 290 Millionen Euro finanziert wurde. (Dr. Peter Ramsauer [CDU/CSU]: Sie nehmen die Mittel aber immer weiter zurück! Warum kürzen Sie denn ständig die Mittel, Herr Staatssekretär? Sie sind ein Verschweiger!) Deutsche Welle, ARD und ZDF haben gemeinsam und unterstützt durch die Bundesregierung einen weiteren wichtigen Schritt getan und präsentieren seit Beginn dieses Jahres einen eigenständigen deutschen Kanal zunächst auf dem amerikanischen Markt, also ein Programm ausschließlich in deutscher Sprache. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD) Dies geschieht übrigens auf der Basis des Pay-TV; deshalb können die staatlichen Zuschüsse auch reduziert werden. Die Bundesregierung hat im letzten Haushaltsjahr ihr elementares Interesse an der Förderung der deutschen Sprache unter Beweis gestellt und über 240 Mil lio nen Euro für entsprechende Programme ausgegeben. Mehr als 40 Prozent des Kulturhaushalts des Auswärtigen Amtes stehen damit in Verbindung. Zu nennen sind die Ausbildung von Deutschlehrern, die Entsendung von Lehrern und DAAD-Lektoren, die Sprachkurse an Goethe-Instituten und - besonders wichtig - die Förderung der deutschen Sprache in den mittel- und osteuro päischen Ländern. Hauptzielgruppe sind die aktuellen und künftigen Führungsschichten in Politik und Gesellschaft. Parallel dazu versucht das Auswärtige Amt, die Effi zienz der Programme zu steigern. So versuchen wir gemeinsam mit den Goethe-Instituten, die Anzahl defizitärer Sprachkurse dort abzubauen, wo ein vergleichbares kommerzielles Angebot besteht. Auch in diesem Zusammenhang danke ich Hilmar Hoffmann für seine kritische Kooperation. Die Stellung der deutschen Sprache in den EU-Institutionen wird zu Recht häufig thematisiert. Die Bundesregierung legt großen Wert darauf, dass Deutsch als die Sprache mit der größten Zahl an Muttersprachlern in der EU - sie ist im Internet übrigens die am zweithäufigsten benutzte europäische Sprache - in den Institutionen angemessen berücksichtigt wird. Die Bundesregierung wendet sich mit Nachdruck gegen eine Veränderung des Sprachenregimes in den verschiedenen EU-Gremien zu Ungunsten der deutschen Sprache. Aufgrund eines gemeinsamen Schreibens von Bundesminister Fischer und seinem französischen Kollegen Védrine an den Kommissionspräsidenten Prodi wurden Pläne verworfen, das im Kollegium der Kommission geltende bewährte Dreisprachenregime zu ändern. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD) Das Auswärtige Amt hat außerdem die Zahl der Deutschkurse für EU-Mitarbeiter und für mit EU-Fragen befasste Beamte aus den Beitrittsländern deutlich vergrößert. Ich möchte mich in diesem Zusammenhang bei den Ländern für die hervorragende Kooperation auf all diesen Gebieten ausdrücklich bedanken. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD) Meine Damen und Herren, Sprache ist lebendig, Sprache wächst in der Bevölkerung, Sprache ist nicht reglementierbar. Von daher wäre es unsinnig, zu versuchen, sie in ein starres Gesetzeskorsett zu packen. Dennoch weiß die Bundesregierung um die Wichtigkeit der Mehrsprachigkeit und der Förderung des Kulturgutes deutsche Sprache für den weltweiten interkulturellen Dialog, für die Globalisierung und die europäische Integration. Ich versichere Ihnen: Sie wird sie auch weiterhin kraftvoll fördern. Ich danke Ihnen. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS) Vizepräsident Dr. h. c. Rudolf Seiters: Ich erteile der Kollegin Maritta Böttcher für die Fraktion der PDS das Wort. Maritta Böttcher (PDS): Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich halte jegliche Pflege des Fremdsprachenunterrichts, auch wenn er seine Dividende nicht in Euro und Cent ausweisen kann, für eine der wichtigsten Zukunftsinvestitionen. (Beifall bei der PDS) Das Erlernen der Sprache des Fremden führt dazu, dass er dies nicht mehr ist. Das bestätigt durchaus die Intention der Fragesteller - Verbesserung der Vermittlung der deutschen Sprache im Ausland -, macht aber erst richtig Sinn, wenn auch wir es uns in gleicher Weise als selbstverständlich auferlegen, in mindestens einer Fremdsprache zur Konversation fähig zu sein. (Beifall bei der PDS) Ein Mehr an Verständigung in der Welt hängt also nicht ursächlich von einem Mehr an Verständnis des Deutschen in dieser ab. Es mag für Sprachforscher oder Soziologen von Wert sein, zu ergründen, warum in den großen Indus triestaaten das Interesse am Deutschlernen nachgelassen hat. Politischen Handlungsbedarf sehe ich deshalb nicht. Nicht richtig nachvollziehen kann ich das unterschwellige Bedauern, Englisch als die Schlüsselsprache des jüngsten Mediums Internet akzeptieren zu müssen. Dass das so ist, hat doch leicht erklärbare Gründe, die absolut nichts mit einer Herabsetzung der eigenen Sprache oder gar des Selbstwertgefühls zu tun haben. Folglich bedarf es auch keiner nationalen Anstrengung, dies etwa zugunsten des Deutschen zu verändern. Auch die Befürchtung, das Deutsche leide an Überfremdung, etwa durch eine Inflation von Anglizismen, teile ich nicht, selbst wenn ich einer solch durch und durch subjektiven Einschätzung folgen würde. Der Gebrauch von Fremdwörtern im eigenen Vokabular steht doch jedem frei. Sprache ist nun einmal - hier möchte ich ausdrücklich Herrn Ludger Volmer Recht geben - ein lebendiger Organismus, der sich ständig verändert und keiner Art von Sprachpolizei bedarf. Wenn ich etwas mit Sorge und Bedauern sehe, dann in einer ganz anderen Richtung: Deutsche Sprache und Sprache in Deutschland sind nicht das Gleiche. Zu Frage 59 erklärt die Regierung: Bund und Länder gewährleisten durch die Übernahme von konkreten Verpflichtungen den Schutz der Minderheitensprachen Dänisch, Ober- und Niedersorbisch, Nord- und Saterfriesisch ... sowie des Romanes ... Sie trägt damit in besonderem Maße zum Erhalt der Sprachenvielfalt in Europa bei. Wer sich erinnert, welches Tauziehen in den parlamentarischen Gremien erforderlich war, um beispielsweise die ohnehin nicht üppigen Mittel der Einrichtungen zur Pflege des Sorbischen für ein weiteres Jahr zu sichern, wird dies gewiss differenzierter sehen. (Beifall bei der PDS) Ich möchte noch einmal darauf zurückkommen, warum ich es für so wichtig halte, dass wir Deutschen im Ausland die deutsche Sprache lehren. Wir sollten dabei über die zu vermittelnde Vokabel hinaus nach dem Text fragen, den wir in der Weise ins Ausland transportieren sollten, dass er uns Freundschaft, Vertrauen und Zuwendung einbringt. Es ist nicht so, dass wir Deutschen das nicht nötig hätten. So möge unsere Sprachvermittlung den nahen und fernen Nachbarn durchaus zu mehr als zur sachgerechten Erstellung von Beipackzetteln und Gebrauchsanweisungen nützlich sein, obzwar wir wissen, dass das Ausland gerade dieser deutschen Sprachförderung oft am dringlichsten bedarf. Nein, es sollte mehr sein. Wir sollten den Anspruch haben, die Sprache von Goethe und Herder, von Mann und Brecht als die unsere zu deklarieren. Dies gilt gerade für Brecht; denn so lange ist es noch nicht her, dass die Völker erbleichten, wenn Deutsch gesprochen wurde. Die Bundesregierung erinnert in ihrer Antwort auf Frage 6 daran, indem sie feststellt: Unbestritten ist, dass der Zweite Weltkrieg und der Holocaust einen erheblich negativen Einfluss - mit Nachwirkungen bis in die heutige Zeit - auf die Wertschätzung der deutschen Sprache in der Welt hat. Das ist nur zu wahr. Das hat zum Beispiel auch dazu geführt, dass uns die, gemessen am sonstigen Anspruch, recht bescheidenen Beiträge des Deutschen zum Wortschatz anderer Sprachen in besonderer Weise ins Gedächtnis gebrannt sein sollten. So sprechen auch heute noch Franzosen von "le blitzkrieg", Russen sagen "Lager" und meinen ein ganz bestimmtes und das Wort "Endlösung" bedarf in Israel keiner Übersetzung. Mögen die Worte, die andere Völker in diesem Jahrhundert unserer Sprache entlehnen, gänzlich anderen Charakters sein. Vielen Dank. (Beifall bei der PDS sowie des Abg. Eckhardt Barthel [Berlin] [SPD]) Vizepräsident Dr. h. c. Rudolf Seiters: Nun spricht der Staatsminister im Kanzleramt, Professor Dr. Julian Nida-Rümelin. Dr. Julian Nida-Rümelin, Staatsminister beim Bundeskanzler: Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! In der Großen Anfrage ist unter Punkt 33 gefragt worden: Teilt die Bundesregierung die Aussage des ... Staatsministers ... Nida-Rümelin ..., das Deutsche sei als Wissenschaftssprache "tot", und den in diesem Zusammenhang vom Staatsminister geäußerten Rat an angehende Wissenschaftler, auf Englisch zu publizieren? Diese Frage enthält zwei Unterstellungen, die nachweislich - weil nämlich erfreulicherweise von dieser Veranstaltung ein Tonbandprotokoll existiert - falsch sind. Ich sage das deshalb, weil mir aufgefallen ist, dass die zurückhaltende Antwort, die die Bundesregierung auf diese Frage formuliert hatte, offenbar nicht ausgereicht hat, um diese beiden Unterstellungen aus der Welt zu schaffen. Wer heute in die Presse schaut, wird das bestätigt finden. Ich habe erstens nicht gesagt, dass Deutsch als Wissenschaftssprache tot sei, sondern ich habe ausweislich des Tonbandprotokolls auf dieser Veranstaltung gesagt - das ist leider ein Faktum -, dass Deutsch als internationales Verständigungsmittel in der Wissenschaft ebenso wie das Französische unterdessen bei rund 1 Prozent angelangt sei und dass es unrealistisch sei, zu glauben, man könne dies wieder grundlegend ändern. (Dr. Antje Vollmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist ganz was anderes!) Zweitens habe ich darauf hingewiesen, dass man sich an der jüngeren Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland versündigen würde, wenn man ihnen den Rat erteilen würde, nicht auch auf Englisch zu publizieren, weil sie nur so ein internationales Renommee aufbauen können. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der PDS) Wir können über vieles streiten, sollten uns aber nicht wechselseitig Aussagen unterstellen, die so nicht geäußert worden sind. Ich darf noch einen Satz hinzufügen. Als ich - von 1994 bis 1997 - Präsident der Gesellschaft für Analy tische Philosophie war, habe ich die Praxis geändert, dort internationale Kongresse lediglich in englischer Sprache abzuhalten, und dafür gesorgt, dass diese Kongresse zweisprachig, nämlich in deutscher und englischer Sprache, abgehalten werden. Danke schön. (Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der PDS) Vizepräsident Dr. h. c. Rudolf Seiters: Nun erteile ich dem Kollegen Norbert Lammert für die CDU/CSU-Fraktion das Wort. Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU): Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! "Erst mit der Sprache geht die Welt auf" - dieser wahrhaft erhellende Satz von Hans-Georg Gadamer findet sich weder im Text der Großen Anfrage der CDU/CSU-Fraktion noch in der Antwort der Bundesregierung. (Dr. Antje Vollmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Genau!) Er markiert aber die Grundorientierung, die unserer Anfrage zugrunde liegt. Denn das Europäische Jahr der Sprachen, das für 2001 ausgerufen wurde, ist zwar gewissermaßen der äußere Anlass, selbstverständlich aber kein hinreichender Grund für diese Große Anfrage gewesen. Tatsächlich gibt es gute Gründe, gemeinsam über die Bedeutung und den Stellenwert der deutschen Sprache nachzudenken und dort, wo Defizite deutlich geworden sind, zu wirksamen Maßnahmen zu kommen. Denn bei der Sprache reden wir über eine der wesentlichen, unaufgebbaren Grundlagen des Gemeinwesens Bundesrepublik Deutschland und ganz gewiss der Kultur unseres Landes. Es ist das erste wichtige Motiv gewesen, dies durch die Große Anfrage stärker in den Blickpunkt unserer Aufmerksamkeit zu rücken. Der zweite, eher handfeste Grund ist das immer größer werdende Missverhältnis zwischen der wachsenden Bedeutung Deutschlands sowohl politisch als auch wirtschaftlich und dem zurückgehenden Interesse an der deutschen Sprache. Damit an dieser Stelle keine Missverständnisse entstehen: Die Erklärung, die Staatsminister Nida-Rümelin gerade abgegeben hat, nehme ich nicht nur mit Respekt zur Kenntnis. Ich füge vielmehr hinzu: Ich habe an dem, was er gerade zur Erläuterung des Sachverhalts vorgetragen hat, nichts zu beanstanden. Das ist die nüchterne Beschreibung der Lage. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) Ich wünsche mir allerdings, dass das, was er an einem kleinen Beispiel aus seinem eigenen, früheren Verantwortungsbereich dargestellt hat, zu einer selbstverständlicheren Übung deutscher Wissenschaftler und Politiker bei internationalen Konferenzen würde, auf denen man nicht immer die eigene Intelligenz durch den Nachweis nicht immer glanzvoller englischer Sprachkenntnisse spazieren führen muss. Es gibt einen dritten Punkt, der eine intensive Beschäftigung mit der Verbreitung und der Situation der deutschen Sprache mindestens rechtfertigt, wenn nicht sogar dringlich macht. Das ist die Rolle der Sprache als Instrument der Integration, ein, wie wir auch aus anderen thematischen Zusammenhängen wissen, sehr aktuelles und prinzipielles Problem, wenn es um das Zusammenleben von Deutschen und Nichtdeutschen in Deutschland geht. Schließlich gibt es auch Anlass, sich über die Entwicklung der Sprache als Umgangssprache Gedanken, vielleicht sogar Sorgen zu machen. Ich sage bewusst: der Umgangssprache und nicht etwa der deutschsprachigen Literatur; denn es besteht wahrlich kein Anlass, sich im Rahmen einer politischen Debatte über Letztere auseinander zu setzen. Aber es ist wahr - darauf hat insbesondere die Kollegin Steinbach hingewiesen -: Gerade in der jüngeren Vergangenheit nimmt die Neigung zu, vorhandene, hinreichend klare deutsche Begriffe insbesondere durch Anglizismen zu ersetzen. Das ist oft unnötig, ärgerlich und - gelegentlich - schlicht albern, aber ganz gewiss nicht das zentrale Problem der deutschen Sprache. Es wird vermutlich keine Meinungsverschiedenheiten darüber geben, dass man dem am allerwenigsten mit gesetzlichen Mitteln abhelfen kann. (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS) Wir sind dankbar, dass durch die Antwort der Bundesregierung eine Reihe von Zahlen und Daten zur Situation der deutschen Sprache, ihrer Verbreitung und ihres Stellenwerts vorliegt, wenn auch nicht zu übersehen ist, dass neben den vorliegenden Zahlen manche andere nicht verfügbar sind, die im Hinblick auf eine vollständige Beschreibung des Bildes sicherlich wünschenswert und vielleicht sogar dringend geboten wären. In dem bereits mehrfach zitierten "FAZ"-Artikel wird angesprochen, dass die Bundesregierung zwar die prinzipielle Beurteilung des Stellenwertes der deutschen Sprache bestätigt,?der in unserer Großen Anfrage deutlich wird, dass sie aber weit weniger erkennen lässt, ob sie überhaupt und, wenn ja, an welcher Stelle Handlungsbedarf erkennt. Es gibt eine gewisse Neigung - diese mag auch etwas mit der Rollenverteilung zu tun haben -, den einen oder anderen unerfreulichen Sachverhalt etwas schöner zu beschreiben, als er sich darstellt. Ich mache noch einmal darauf aufmerksam: Die Möglichkeiten der Politik, hier gestaltend einzugreifen, sind ganz gewiss begrenzt. Aber wer behauptet, dass es keine Möglichkeiten gebe, der unterschätzt die Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen. Wir müssen uns ganz gewiss gemeinsam bemühen, diese zu nutzen. (Eckhardt Barthel [Berlin] [SPD]: Nennen Sie mal ein Beispiel dafür, Herr Lammert!) - Wir haben über einige Beispiele bereits heute Vormittag diskutiert. Wir könnten mehr für die Auslandsschulen, die Sprachausbildung im Ausland und die Vermittlung der deutschsprachigen Literatur tun. Insofern schließt sich die jetzige Debatte nahtlos an die von heute Vormittag an. Das Fazit, das der in der Debatte mehrfach zitierte Sprachwissenschaftler Helmut Glück in seinem Beitrag gezogen hat, ist sicherlich bitter, und zwar nicht nur für die Bundesregierung - insofern nehme ich die Empfehlung, hier keine simple Schuldzuweisung vorzunehmen, gerne auf - aber zutreffend: Die Anfrage der CDU/CSU-Fraktion sei die Aufforderung zu einer systematischen, alle Bereiche erfassenden Bestandsaufnahme gewesen. Die Regierung habe diese Chance nicht genutzt. Sie rede schön, wo es Probleme gebe; sie harmonisiere, wo Konflikte offenbar seien, und sie zeichne das Bild einer weitgehend heilen sprachpolitischen Welt. Wenn allerdings die Schlussfolgerung dieser Beurteilung mit einer für uns auf den ersten Blick sympathischen Verantwortlichkeit beim Außenminister endet, dann will ich der guten Ordnung halber doch hinzufügen: Die Verantwortung ist breiter. Wir alle miteinander haben sie. Wir müssen dieses Thema ernster nehmen, als wir es in der Vergangenheit getan haben. (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Die Schludrigkeit im Umgang mit der Sprache ist auch ein Indiz für ein gewisses Maß an Gleichgültigkeit, das sich in den vergangenen Jahren vielleicht eingeschlichen hat. Wenn erst durch Sprache die Welt aufgeht, dann geht uns Sprache an - mehr als jede andere unsere eigene. (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Vizepräsident Dr. h. c. Rudolf Seiters: Als letzter Redner in dieser Debatte hat der Herr Kollege Eckhardt Barthel für die SPD-Fraktion das Wort. Eckhardt Barthel (Berlin) (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir haben es mit einer Großen Anfrage von 75 Fragen zu tun. Dies macht es schwer, auf alles einzugehen. Ich möchte dem Beispiel von Frau Steinbach folgen und mich auf die Frage "Gefahr/Nichtgefahr, Problem/Nichtproblem der Anglizismen" beschränken - dies aus zwei Gründen, erstens, weil ich weiß, dass viele, die sich um die Pflege der deutschen Sprache bemühen, ein großes Interesse daran haben, dass dieses Thema auch einmal im politischen Rahmen dis kutiert wird, auch einmal eine Plattform im Parlament findet, und zweitens - das gestehe ich -, weil es mich auch persönlich sehr interessiert. Es wäre noch schöner gewesen, wenn auch die Große Anfrage der SPD-Fraktion zum Thema der deutschen Sprache (Dr. Antje Vollmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und der Grünen!) - Verzeihung, Frau Vollmer: und der Grünen -, die sich mehr auf diesen Bereich konzentriert und nicht so in die Breite geht, schon heute hätte behandelt werden können. Sei es drum! Am Anfang möchte ich gern auf Ihren Beitrag eingehen, Frau Steinbach. Sie haben viele Punkte angesprochen, die gerade für dieses Thema wichtig sind. Sie werden erstaunt sein, dass wir da Parallelen haben. Uns trennt aber ein Grundunterschied, Frau Steinbach: Bei der Pflege der Sprache sollte man nicht dramatisieren, wie Sie es getan haben, sondern man sollte versuchen, für die Sprache zu sensibilisieren. Darin unterscheiden wir uns wirklich sehr, sehr stark. (Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS) Deshalb scheint es mir sinnvoll zu sein, bei diesem Thema am Anfang auch einmal darzustellen, worum es nicht geht. Ich habe das Gefühl, dass bei dieser Diskussion Einmalereignisse und Unschönheiten die eigentliche Problematik, die politische Problematik, die dahinter steht, vernebeln. Ich will Ihnen einmal ein Beispiel nennen. Als wir den Euro eingeführt haben - erstaunlich konfliktarm, wie ich finde -, wurde über die Medien - das war selbst Thema in den "Tagesthemen" - parallel eine Diskussion darüber geführt, ob wir den Cent nun "Cent" oder "Zent" nennen. Das ist zwar kein Anglizismus, aber doch ein Fremdwort, das in unsere Sprache hineinkommt. Dazu haben viele Leute gesagt: Mich interessiert nicht, wie man das ausspricht, sondern wie viel ich davon in der Tasche habe. - Mit solchen Diskussionen wird die Problematik, die ich - wie Sie - bei dieser Frage sehe, vernebelt und das halte ich gerade im Sinne der Sensibilisierung für die Sprache nicht für günstig. Deshalb in drei Punkten kurz, worum es nicht geht, um dann darauf zu sprechen zu kommen, weshalb ich dieses Thema für politisch wichtig halte. Erstens. Es geht nicht darum, dass die deutsche Sprache an sich in Gefahr ist. Ich teile die Aussage der Bundesregierung: Der Schluss wäre falsch, "dass sich die deutsche Sprache durch die häufige Verwendung von Anglizismen zu einer anderen, nicht deutschen Sprache verändern würde". Das ist sicherlich richtig. Damit will ich allerdings nichts relativieren oder beschönigen. Man muss nur wissen: Es geht nicht etwa um den Untergang der deutschen Sprache. Zweitens. Es geht auch nicht darum, dass wir keine Fremdwörter mehr in unsere Sprache aufnehmen sollten. Zu Recht ist in der Antwort der Bundesregierung gesagt worden: Deutsch war nie eine "reine" Sprache. Das wird auch so bleiben. Ich erinnere mich noch daran, dass mir in meiner Schulzeit der Begriff des Lehnwortes begegnet ist. Das habe ich behalten. Lehnwörter sind etwas ganz Natürliches und Selbstverständliches. Wie arm wären wir, wenn es diesen Einfluss nicht gäbe? Übrigens: Dass es nie eine "reine" Sprache gab, kann man auch übertragen: Es gab auch nie ein "reines" deutsches Volk. Der dritte Punkt liegt mir besonders am Herzen, weil das in der Diskussion häufig durcheinander gebracht wird. Es geht auch nicht um eine Verdrängung des Englischen als Sprache - ich werde gleich noch weiter darauf zu sprechen kommen -; das Gegenteil ist der Fall. Es geht nicht um eine Position "anti Englisch", sondern um solche Begriffe wie Denglisch oder Globisch, die sich he rausgebildet haben. Meine Damen und Herren, was mir vor allem Sorge bereitet, sind nicht einzelne Begriffe, sondern das Übermaß an unsinnigen Anglizismen und - das ist das für mich Wichtige - die möglichen politischen Folgen aus diesem Prozess. Es geht mir nicht darum, ob etwas gefällt oder nicht gefällt. Ich weiß - inzwischen hat man es ja behoben -, dass die schlichte Auskunft auf dem Bahnhof "Service Point" oder so ähnlich hieß. Dazu sagen viele: Das ist ja idiotisch, das ist dumm. - Richtig. Aber dabei belassen sie es. Die Frage ist, ob es, wenn daraus eine Tendenz wird, auf der Ebene des Dumm und Unschön bleibt. Das ist das Thema, das mich interessiert: Liegt darin ein Gefahrenpotenzial? Ich glaube, wenn wir keine Sensibilität entwickeln, könnte diese Entwicklung zu einer Gefahr werden. Insofern bin ich hier sehr zurückhaltend. Zusammengefasst: Es geht mir in dieser Debatte über die deutsche Sprache nicht um Sprachästhetik; es geht mir vielmehr um die Identität und die Integrationsfähigkeit einer Gesellschaft. (Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS) Das ist für mich das Hauptthema. Die Bundesregierung schreibt zu Recht - ich zitiere -: Die Vielfalt der Sprachen in Europa macht einen wesentlichen Teil der europäischen Identität aus. Dies ist richtig. Die Sprache ist in dem jeweiligen Land ein Teil der Identität der Menschen, die in diesem Land leben. Wovon ich jetzt spreche, ist übrigens keine auf das Deutsche begrenzte Diskussion. Überall da, wo ich den Ausdruck "deutsche Sprache" setze, könnte ich genauso gut "französisch", "italienisch", "türkisch" oder etwas anderes setzen. Es ist die Identitätsfrage, die sich national nicht begrenzen lässt. Wir wissen, welche Bedeutung die Identitätsfrage auch und gerade im Rahmen der Globalisierung gewonnen hat. Ich möchte gerne, dass die Antwort auf die Identitätsfrage eine kulturelle Antwort ist, weil wir über die Kultur - dazu gehört ganz wesentlich die Sprache - diese Frage in einem positiven Sinne beantworten. Ich erzähle gerne das Beispiel, dass ein kluger Mensch einmal zum Thema Identität gesagt hat, er fühle sich eigentlich in allen Großstädten der Welt zu Hause: überall in den Hotels die gleiche Architektur, überall die gleiche Mode, die gleiche Musik, dieselben Filme. Nur, nach längerem Reisen frage er sich: Wo bin ich eigentlich? (Dr. Antje Vollmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Genau!) Das heißt, Orientierungslosigkeit ist ein riesiges Problem. Man muss sich, so glaube ich, irgendwo zu Hause fühlen und muss sagen können: Hierauf gründet sich meine Identität. Die Frage, ob unser Thema politisch ist, zeigt sich unter anderem an diesem Punkt. Wir erleben nämlich, dass die Gefahr der Orientierungslosigkeit oder dass der Verlust an Orientierung durchaus politisch instrumentalisiert werden kann. Es ist wohl kein Zufall, dass viele aus den völkischen Gruppierungen das Thema Orientierungslosigkeit, Orientierungslosigkeit auch durch Sprache, benutzen, um ihr Süppchen zu kochen. Ich kann nur davor warnen, dieses Thema diesen Leuten zu überlassen. (Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU und der PDS) Deshalb sollten wir uns einschalten. Ich möchte hier allerdings eine Fußnote machen. Ich habe es leider schon erlebt, dass Leute, die sich in diesem Bereich engagieren - manchmal vielleicht sogar mit zu starkem missionarischem Eifer - auch in diese Ecke geschoben werden. Ich kann nur davor warnen, so vorzu gehen. (Beifall bei Abgeordneten der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) So viel zur Frage der Identität. Noch etwas zur Frage der Integration: Sprache kann integrieren und Sprache kann ausgrenzen. Bei vielen Begriffen, die wir heute benutzen, sehe ich die Gefahr, dass sie zu Ausgrenzung führen könnten. Ich bin ganz vorsichtig in der Formulierung. Ich weiß - vielleicht darf ich das auch einmal sagen -, dass einige Menschen in den neuen Bundesländern, in denen das Englische nicht so verbreitet ist, Schwierigkeiten haben, dieses oder jenes zu verstehen, besonders ältere Menschen oder auch solche, die nicht die Bildungschancen hatten, die vielleicht wir, die wir hier sitzen, gehabt haben. Dies kann man nicht ausschließen. Nichts wäre schlimmer, als wenn wir über eine Vernachlässigung der Sprache den Integrationskräften dieser Gesellschaft schaden würden. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) Lassen Sie mich ein Beispiel nennen - ich bekomme gleich Ärger, aber ich sage es trotzdem -: Eine ganz engagierte Frauenpolitikerin hat mir neulich gesagt, sie könne es inzwischen nicht mehr hören, dass man sie ständig frage, was Gender Mainstreaming heiße. Ich kann das verstehen, aber ich meine auch: Vor ein so wichtiges Thema eine Sprachbarriere zu setzen kann wohl nicht im Interesse des Gender Mainstreamings sein. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) Schafft diese Barrieren weg, um den Zugang zu öffnen. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) Kurz: Wer die Integrationskräfte in einer Gesellschaft stärken will - das ist unser aller Bestreben -, der sollte die Bedeutung der Sprache nicht vernachlässigen. Ein letzter Punkt - Frau Steinbach, Sie haben ihn weggelassen; ich weiß, dass er der schwierigste ist -: Was ma chen wir jetzt? Es liegen bereits einige Vorschläge auf dem Tisch, so zum Bei spiel zu einem Sprachgesetz. Der Staatsminister hat es bereits angesprochen, das kann keine Alternative für uns sein. (Erika Steinbach [CDU/CSU]: Ein Verbraucherschutzgesetz!) Ich möchte nicht, dass wir "Sprachzollgrenzen" - ich möchte das im übertragenen Sinn sagen - in unseren Ländern haben. Es kann nicht sein, dass Institutionen prü - fen, wie der Einzelne spricht - ich weiß, dass ich viele Anglizis men benutze - und anschließend möglicherweise Sanktionen - diese wären nötig, sonst machte das Gesetz keinen Sinn - verhängen. Ich halte das für be denklich und schließe es deshalb aus. Bezüglich der Bedeutung des Englischen in unserem Sprachgebrauch meine ich: Je weiter sich die englische Sprache in unserem Land verbreitet und je mehr Menschen über englische Sprachkenntnisse verfügen, desto geringer wird das Bedürfnis, sich durch die Benutzung englischer Begriffe hervorzutun, desto geringer wird möglicherweise auch der Einfluss der Anglizismen auf unsere Sprache. Finnland soll uns Beispiel sein. Dort spricht man sehr gutes Englisch und man stellt fest, dass die Anglizismen kein solches Problem darstellen wie in an deren Ländern. Das Erlernen und die Verbreitung der englischen Sprache könnten Instrumente im Kampf gegen die Flut der unsinnigen Anglizismen - ich betone das - sein. Mit meiner letzten Bemerkung möchte ich mich auf unseren Bundesprä sidenten berufen. Wir sollten - Herr Lammert hat das angesprochen - auch das eigene Sprachverhalten überprüfen. Es könnte Vorbildcha rakter haben. Was ma chen die Medien? Was machen die Wirtschaft und die Politik? Vielleicht könnte ihnen Vorbildcharakter zukommen, wenn sie auf ihr Sprachver halten achten würden. Es könnte sich eine Schneeball wirkung entfalten, sodass ohne Regle mentierung etwas positiv verändert werden könnte. Johannes Rau, der sich in dieser Frage sehr engagiert, hat einmal ge sagt: Ich bin nicht der Oberlehrer der Nation, aber ich will durch die Art meiner Reden Vorbild sein. Auch in diesem Punkt hat unser Bundespräsident Recht. Ich bedanke mich. (Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS sowie des Abg. Dr. Norbert Lammert [CDU/CSU]) Vizepräsident Dr. h. c. Rudolf Seiters: Zu einer Kurzintervention gebe ich der Kollegin Erika Steinbach das Wort. Erika Steinbach (CDU/CSU): Herr Kollege Barthel, ich freue mich, dass wir die Problematik sehr ähnlich sehen. Ich glaube, wir brauchen kein neues Gesetz, und ein Sprachenschutzgesetz ist mit Sicherheit nicht der richtige An satz. Außerdem haben wir bereits ein Gesetz, das die Problematik, die Sie und ich besonders hervorgehoben haben, aufgreifen könnte. Das ist das Verbrau cher schutzgesetz. Im Verbraucherschutzgesetz ist im Grunde genommen geregelt, dass Produkte in deutscher Sprache bezeichnet werden müssen. Daneben regelt das Gesetz, dass die Sprachbarrieren im alltäglichen Schriftverkehr weitgehend ausgeräumt werden. Darüber hinaus - davon bin ich überzeugt - müssen wir gemeinsam ein Bewusstsein dafür entwickeln, mit unserer Sprache anders um zugehen. Das geht weit über die Anglizismen hinaus - 60 Prozent der Bevölke rung unseres Landes sind der englischen Sprache nicht mächtig -, denn es werden oft ganze Bandwurmsätze in fremder Sprache verfasst. (Beifall bei der CDU/CSU) Vizepräsident Dr. h. c. Rudolf Seiters: Damit schließe ich die Ausspra che.